Energieeffizienzgesetz : Standortrisiko ungenutzte Abwärme
Deutschland diskutiert über neue Kraftwerke, Energieimporte und starrt auf den Füllstand der Gasspeicher. Gleichzeitig verpuffen Hunderte Terawattstunden Abwärme. Das ist auch ein wachsendes Risiko für den Wirtschaftsstandort. Warum Aufweichungen beim Energieeffizienzgesetz diesen Fehler noch verschärfen könnten, erläutern Valentina Fröhlich, Rüdiger Lohse und René Scharr-Hochegger vom Netzwerk für Energiedienstleiter, Deneff EDL-Hub.
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Unsere Energiesicherheit ist gefährdet. Nicht erst seit diesem Winter. Wir importieren über zwei Drittel unserer verbrauchten Energie aus dem Ausland, doch die aktuell diskutierten Antworten greifen gefährlich kurz: Der isolierte Einsatz neuer Gaskraftwerke, zusätzliche Reservekapazitäten und teure fossile Importe erkaufen kurzfristig Versorgungssicherheit, lösen aber nicht das strukturelle Problem. Stattdessen wird Deutschlands Abhängigkeit von teuren Energieimporten weiter verfestigt und unsere Wirtschaft zusätzlich belastet. Kapazitäten von billigem Wasserstoff oder bald verfügbarer Fusionsenergie lösen die Probleme in den nächsten zehn Jahren erkennbar nicht.
Dabei werfen wir weiter teuer importierte Energie in großem Stil einfach weg. Jeden Tag verpuffen enorme Energiemengen als Abwärme ungenutzt in die Umwelt. Die Zeiten vor 2022, als konkurrenzlos günstiges Gas aus Russland eine zentrale Stütze der deutschen Industrie war, sind unwiderruflich vorbei. Dieses Nebeneinander aus Importstrategien, Subventionierung von Energieverbrauch und gleichzeitiger Verschwendung vorhandener Energie ist eines der größten volkswirtschaftlichen und und geopolitischen Risiken für den Standort Deutschland.
Vor diesem Hintergrund ist der kürzlich geleakte Entwurf zur Novelle des Energieeffizienzgesetzes (EnEfG) ein großer Schritt in die falsche Richtung, auch für die Unternehmen und deren Planungssicherheit. Sollte der Entwurf so umgesetzt werden, würden die seit 2024 von den Unternehmen etablierten Strukturen zur Abwärmeerfassung, -vermeidung und -nutzung de facto wieder abgewickelt werden. Und das in einer Zeit, in der jede zusätzliche Kilowattstunde zählt.
Wärme für über 10 Millionen Haushalte weiter wegschmeißen?
Die Plattform für Abwärme, die mit dem EnEfG eingeführt wurde, zeigt erstmals transparent, welches Potenzial tatsächlich vorhanden ist. Inzwischen sind dort Abwärmemengen von knapp 360 Terawattstunden gemeldet. Selbst wenn davon nur die Hälfte technisch und wirtschaftlich sinnvoll nutzbar wäre, ließen sich damit rund zehn bis zwölf Millionen Haushalte in Deutschland mit Wärme versorgen. Gleichzeitig bleibt die Realität ernüchternd. Nur vier Prozent der Abwärme in Deutschland wird genutzt. Also ein Bruchteil einer Energie, die bereits anfällt, keine zusätzlichen Brennstoffe benötigt und dauerhaft verfügbar ist. Das ist für uns kein technisches Defizit, sondern zeigt ein Marktversagen.
Warum Freiwilligkeit nicht reicht
Gerade deshalb sind die bestehenden Pflichten zur Erfassung und Nutzung von Abwärme im EnEfG so entscheidend. Der Blick zurück zeigt klar: Vor dem Gesetz setzte man über Jahre hinweg auf Freiwilligkeit. Die Abwärmekarte des Projektes Bytes2Heat wurde kaum genutzt. Nur wenige Rechenzentren haben sich eingetragen, trotz aller Bekenntnisse, die Abwärme am liebsten verschenken zu wollen. Einzelne großartige Leuchtturmprojekte lösen nicht das Energieproblem Deutschlands.
Erst mit dem EnEfG wurden sehr einfache Spielregeln aufgesetzt, Transparenz und Planbarkeit der Wärmewende geschaffen. So liefert zum Beispiel die Pflicht zur Erfassung der Abwärme die Datengrundlage für die kommunale Wärmeplanung und Investitionsentscheidungen für die künftige Wärmeversorgung unserer Gebäude. Die Pflicht zur Prüfung und Nutzung, wo wirtschaftlich zumutbar, sorgt dafür, dass aus Abwärme auch tatsächlich Wärme wird.
Rechenzentren gehören ins Zentrum der Wärmewende
Besonders deutlich wird das bei Rechenzentren. Ihre Zahl und ihr Stromverbrauch werden in den kommenden Jahren weiter steigen – getrieben durch Digitalisierung, Cloud-Anwendungen und Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig fällt dort Abwärme kontinuierlich, planbar und ganzjährig an. Genau diese Eigenschaften sind für die Beheizung von Gebäuden und Unternehmen besonders wertvoll.
Rechenzentren sind ein wichtiger Baustein der Wärmewende. Ohne klare Anforderungen besteht jedoch die Gefahr, dass neue energieintensive Standorte entstehen, deren Abwärme ungenutzt bleibt, während parallel fossile Wärmeversorgungsstrukturen abgesichert werden. Das ist energiepolitischer Unsinn und volkswirtschaftlich teuer.
Gold-Plating – oder politisches Framing?
In der Debatte werden die Abwärmeregelungen oft als Gold-Plating bezeichnet. Doch diese Einordnung ist unsachlich und greift zu kurz. Die novellierte EU-Energieeffizienzrichtlinie (EED) verpflichtet die Mitgliedstaaten in Artikel 8 ausdrücklich, zusätzliche nationale Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Energieeffizienzziele zu erreichen.
Problematisch ist vor allem: Wenn Abwärmevorgaben pauschal als Gold-Plating verunglimpft werden, werden die entsprechenden Verpflichtungen schnell zur politischen Verhandlungsmasse. Gleichzeitig ist nicht erkennbar, welche anderen Maßnahmen im Gegenzug zusätzlich auf die Ziele der EED einzahlen sollen, wenn Regelungen zur Abwärme und Energiemanagementsystemen gestrichen oder abgeschwächt werden. Effizienzpotenziale verschwinden nicht, nur weil man sie regulatorisch ausblendet. Der Wirtschaftsstandort Deutschland wird nicht wettbewerbsfähiger, wenn wir weiterhin teure Energien importieren, anstatt günstige Abwärme zu nutzen.
Ein Rückschritt zur falschen Zeit
Vor diesem Hintergrund sind die Signale aus dem geleakten EnEfG-Entwurf alarmierend. Weniger Verbindlichkeit, mehr Ausnahmen und abgeschwächte Pflichten würden genau jene Investitionssicherheit untergraben, die für Wärmenetze, Großwärmepumpen und Abwärmeinfrastruktur notwendig ist. Für uns wäre das ein Rückschritt. Und das ausgerechnet in einer Phase, in der Effizienz zur zentralen energiepolitischen Ressource geworden ist.
Abwärme ist Standortpolitik
Ungenutzte Abwärme ist ein echtes Standortrisiko. Sie steht für verschenkte Effizienz, höhere Energiepreise und unnötige Importabhängigkeit. Regionen, die Abwärme konsequent erschließen, senken langfristig Kosten, stärken ihre Versorgungssicherheit und erhöhen ihre Attraktivität als Wirtschaftsstandort. Das Energieeffizienzgesetz folgt dabei einer einfachen Logik: Erst nutzen, was bereits vorhanden ist, bevor immer neue Primärenergie erschlossen wird. Die Pflichten zur Abwärmevermeidung, -erfassung und -nutzung sind keine bürokratische Last, sondern die Voraussetzung dafür, dass diese Logik in der Praxis greift. Der Markt hat längst darauf reagiert, stellt Lösungen bereit, erleichtert die Erfassung und die Meldung von Abwärmepotenzialen.
Wenn politisch um jede Kilowattstunde gerungen wird, darf die Erschließung von so großen Einsparpotenzialen durch Abwärme nicht geschwächt werden. Die Koalition muss die bestehenden Abwärmeregelungen im EnEfG sichern und weiterentwickeln, nicht zurückbauen. Alles andere schwächt den Wirtschaftsstandort Deutschland.
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