Dekarbonisierung der Industrie : Vom Kostenfaktor zur Chance: Wie die Energiewende marktwirtschaftlich gelingen kann
Das Monitoring zur Energiewende und der Bericht zur Versorgungssicherheit der Bundesnetzagentur zeigen nach Ansicht von Wolfgang Steiger, dem Generalsekretär des CDU-nahen Wirtschaftsrats: Strom ist in Deutschland zu teuer, zudem droht eine Versorgungslücke. Die Energiewende werde nun nicht abgeblasen, aber Ziele und Maßnahmen müssten stärker der Realität angepasst werden, fordert er. Eine Rolle dabei könnte auch die Kernfusion spielen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Der Energiewende-Monitoringbericht, den Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche von zwei Forschungsinstituten erstellen ließ, zeigt erstmals in großer Klarheit und ohne ideologische Scheuklappen, wie es um die Energieversorgung Deutschlands wirklich bestellt ist. Nachdem jahrelang nur Jubelmeldungen aus dem Energiewendelabor zu hören waren, kommen jetzt auch die Schattenseiten einer allzu schematisch-planwirtschaftlich organisierten Energiewende zum Vorschein. Insbesondere sind die Strompreise im Vergleich mit anderen wichtigen Industrieländern so stark angewachsen, dass Deutschland für industrielle Investitionen kaum noch interessant ist. Viel zu lange wurden Entscheidungen ohne Rücksicht auf die Kosten getroffen.
Fast zeitgleich mit dem ernüchternden Monitoringbericht legte die Bundesnetzagentur einen aktuellen Versorgungssicherheitsbericht vor. Auch hier schlug die Stunde der Wahrheit. Was zu Ampelzeiten nicht gern verkündet wurde, ließ sich jetzt nicht länger verheimlichen: Deutschland steuert auf eine Stromlücke zu, insbesondere wenn demnächst die Abschaltung der Kohlekraftwerke beginnt.
Die Gaskraftwerke, die diese Lücke schließen sollen, müssten längst im Bau sein. Bislang ist jedoch noch nicht einmal das Subventionsmodell von Brüssel genehmigt, das als wirtschaftliche Grundlage für diese Kraftwerke erforderlich ist. Denn als „Lückenbüßer“ mit geringen Laufzeiten können sie sich nicht über die verkauften Kilowattstunden allein refinanzieren.
Dekarbonisierung muss weitergehen
Natürlich wird die Energiewende jetzt nicht abgeblasen. Die Dekarbonisierung von Energiewirtschaft und Industrie muss und wird weitergehen. Aber Ziele und Maßnahmen müssen an die Realität angepasst werden. Entscheidend ist, dass Deutschland Industrieland bleibt, denn nur so sichern wir unseren Wohlstand. Der Einfluss Deutschlands auf die Entwicklung des Weltklimas bemisst sich weniger an der einzelnen reduzierten Tonne Kohlendioxid, sondern vielmehr daran, dass es insgesamt gelingt, auf dem Pfad der Klimaneutralität voranzukommen und zugleich die industrielle Basis zu erhalten. Wenn dieser Weg einige Jahre länger dauert als bislang durch eine zu rosige Brille zu sehen war, müssen wir diese Realität akzeptieren.
Katherina Reiche hat aus der vorliegenden Bestandsaufnahme die richtigen Schlüsse gezogen: Die Energiewende muss vor allem marktwirtschaftlicher werden, nur so kann sie kostengünstiger organisiert werden. Ordnungsrecht und Subventionen müssen die Ausnahme bleiben, statt wie bislang häufig die Regel zu sein. Insbesondere müssen die erneuerbaren Energien endlich in den Markt integriert werden. Erzeugungskapazitäten und Netze sind synchron auszubauen, die Potentiale von Energiespeichern und anderen dezentralen Flexibilitäten müssen dabei viel mehr als bislang genutzt werden. Hierdurch kann der ansonsten unweigerlich stattfindende weitere Anstieg der Kosten zumindest gedämpft werden.
Entscheidend ist die Systemeffizienz
Eine entscheidende Voraussetzung für die Nutzung der Flexibilitätspotenziale ist die Digitalisierung der Netze sowie der Kundenanschlüsse. Hier ist Deutschland zu langsam vorangekommen. Während in anderen europäischen Staaten inzwischen die zweite Generation an digitalen Zählern verbaut wird, hat Deutschland immer noch eine nur einstellige Rate an intelligenten Messsystemen zu verzeichnen. Immerhin gibt es jüngst Bewegung in diesem Bereich. Dieses Beispiel zeigt, dass sich in Deutschland bei vielen Beteiligten der Energiewende die Haltung ändern muss: Entscheidend ist die Systemeffizienz, dafür müssen auch vertraute Routinen hinterfragt werden.
Aber über den Tellerrand der jeweils nächsten Entscheidung hinaus lohnt auch ein Blick weiter in die Zukunft: Ähnlich wie bei Öl und Gas ist Deutschland bei PV-Modulen, vielen Windkraftkomponenten und der Batterietechnologie inzwischen in einem Umfang von Importen abhängig, der eine strategische Bedeutung bekommt. Wenn wir die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie Deutschlands und Europas erhalten wollen, können wir diesen Zustand nicht akzeptieren. Hier bietet die Kernfusion eine attraktive Perspektive.
Kernfusion für Klimaschutz und Versorgungssicherheit
Die Kernfusion bietet als Energiequelle eine nahezu unerschöpfliche Menge an Energie, produziert keine klimaschädlichen Gase und erzeugt nur wenig langlebigen radioaktiven Abfall. Zudem ist sie deutlich sicherer als die Kernspaltung, da keine Gefahr eines unkontrollierten Reaktorunfalls oder einer Kernschmelze besteht und die Reaktion von selbst zum Erliegen kommt, wenn die technischen Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen.
Fusionskraftwerke können damit Versorgungssicherheit und Klimaschutz verbinden. Auch die Kosten stellen aktuell keinen triftigen Hinderungsgrund dar. Kernfusion würde nicht nur den Strommarkt revolutionieren, sondern auch die Produktion von grünem Wasserstoff befördern und der Industrie eine tragfähige Perspektive für die Dekarbonisierung eröffnen. Umso unverständlicher ist es, dass die noch existierenden Kernkraftwerke nicht einmal als Übergangslösung akzeptiert werden, bis die Kernfusion einsatzbereit ist.
Fazit: Der Monitoringbericht setzt eine Wegmarke: Wir justieren die Energiewende nach, ohne sie zu beenden. Maßstab sind Versorgungssicherheit, wettbewerbsfähige Strompreise und reale Klimawirkung, zusammengedacht statt gegeneinander. Ein marktwirtschaftliches Design, der synchrone Ausbau von Erzeugung, Netzen und Speichern sowie die Digitalisierung der Infrastruktur machen das System effizienter und dämpfen die Kosten. So stärken wir den Industriestandort und damit die Grundlage unseres Wohlstands.
Wenn wir zugleich strategische Abhängigkeiten verringern und technologische Offenheit wahren – von der besseren Marktintegration der erneuerbaren Energien bis zur Kernfusion als Perspektive und der Kernenergie als Brücke –, wird aus einem Kostenfaktor eine Chance für Standort und Klima.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden