Technologiesouveränität : Warum Europa seine Speicher selbst bauen muss
Das Rennen um die Technologie- und Preisführerschaft bei Batterien hat China gewonnen. Deutschland und Europa haben jedoch bei den Großbatterien eine strategische Chance. Wenn wir Energiesouveränität erreichen wollen, müssen wir auf stabile und vertikal integrierte Hardware-Wertschöpfungsketten setzen, meint Constantin Eis, CEO des Speicher-Start-up CMBLU Energy AG.
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Bei der Energiewende geht es heute weniger um die Erzeugung von noch mehr erneuerbarem Strom, sondern immer mehr darum, den erzeugten Strom auch dann zu verbrauchen, wenn er benötigt wird. Integrierte Lösungen und Speichertechnologien stehen deshalb zu Recht im Fokus der Energiewirtschaft. Das hat auch die Branchenmesse Smarter E wieder deutlich gezeigt.
Dieser Trend zeigt sich im Markt. Der deutsche Speichermarkt wächst rasant. Bei der Bundesnetzagentur lagen laut den zuletzt veröffentlichten Zahlen Anmeldungen für Speicher mit einer Kapazität von 661 Gigawattstunden (GWh) vor, davon wurden 46 GWh genehmigt. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres wurden basierend auf einer Analyse des Bundesverbandes Solarwirtschaft 225.000 Speicher mit einer Kapazität von 3,4 Gigawattstunden gebaut, 70 Prozent mehr Speicher als im Vorjahr. Dabei sind die Großspeicher die stärksten Treiber für das Wachstum, die sich im Jahresvergleich vervierfacht haben.
Die Messe hat aber auch ein altbekanntes Problem verdeutlicht. Chinesische Hersteller dominieren lithiumbasierte Speichertechnologien. Eine Untersuchung der Friedrich-Naumann-Stiftung beschreibt diese Abhängigkeit sehr eindrücklich. Zwischen 2023 und 2025 ist der Anteil am Importgewicht von Lithiumspeichern aus China in Deutschland von knapp unter 50 Prozent auf zuletzt 67 Prozent gestiegen.
Außerdem kommt eine Studie der Fraunhofer-Einrichtung Forschungsfertigung Batteriezelle FFB zu dem Schluss, dass China über 98 Prozent der weltweit produzierten Lithium-Eisenphosphat-(LFP)-Kathodenaktivmaterialien herstellt. Speichertechnologien sorgen für eine stabile und kostengünstige Energiewende. Aktuell begeben wir uns jedoch sehenden Auges in eine wachsende Abhängigkeit.
Aus den Fehlern lernen
Dabei gab es in Europa, zuerst in Schweden, dann aber auch in Deutschland, das Bestreben, eine eigene Batteriezellproduktion basierend auf Lithium-Ionen anzusiedeln, vor allem für die Elektromobilität. Trotz milliardenschwerer Förderungszusagen sind diese Pläne am Ende geplatzt.
Die Idee, einen Entwicklungs- und Kostenvorsprung hier in Europa mit heimischer Produktion aufzuholen, ist gescheitert. Zudem wurde versucht, die europäische Produktion mit Produktionsanlagen aus China aufzusetzen. Die Inbetriebnahme und der Betrieb scheiterten nicht zuletzt auch an sprachlichen und kulturellen Hürden. Aus diesen Fehlern müssen wir lernen. Es funktioniert nicht, wenn wir chinesisch dominierte Wertschöpfungsketten in Europa einfach kopieren.
Wir brauchen eigene Lösungen für Deutschland und Europa und müssen uns von der Vorstellung verabschieden, kritische Infrastruktur ließe sich einfach zukaufen und zusammenschrauben. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche unterstrich diese Beobachtung kürzlich mit der Feststellung: „Wir hängen bei den meisten Batteriekonzepten von Importen häufig aus China ab, die die gesamte Wertschöpfungskette beherrschen.”
Auch sie unterstützt die These, dass es uns in Europa gelingen muss, mit einheimischen Materialien eine Wertschöpfungskette systematisch aufzubauen. Statt uns nur auf Standardzellen zu konzentrieren, sollten wir den Fokus deshalb auf Technologien legen, bei denen wir technologisch und ökonomisch führend sein können – vom Molekül bis zum fertigen Modul.
Das bedeutet konkret, dass europäische Speichertechnologien nicht auf importierten Rohstoffen basieren dürfen, sondern auf in Europa selbst entwickelten, weit verfügbaren Materialien. Wir haben in Europa eine hervorragende Basis für die Entwicklung von Batterietechnologien, die vollständig ohne Lithium, Kobalt oder Nickel auskommen. Wir haben Grundlagenforschung bis hin zu industriellen Lösungen. Nun wird es Zeit, dieses Potenzial zu nutzen und vertikal integrierte Wertschöpfungsketten hier in Europa aufzubauen.
Die wachsende Bedeutung von Energiespeichern
Die Relevanz dieser strategischen Frage, wie wir unsere Energie speichern, wird sich in absehbarer Zeit sogar noch verstärken. Ein Grund ist der wachsende Energiebedarf von Rechenzentren für KI-Anwendungen. Großspeicher sind entscheidend, um die Energienachfrage zu gewährleisten, die wachsende Erzeugung aus erneuerbaren Energien abzupuffern, das Stromnetz zu stabilisieren und Energieunabhängigkeit zu sichern.
Netzbetreiber, Versorger und energieintensive Industrien benötigen keine Kurzzeitspeicher, die nur Energie für zwei bis vier Stunden zur Verfügung stellen können. Stattdessen brauchen wir Langzeitenergiespeicher, die Strom während des Tages aufnehmen und während der Nacht einspeisen können. Dieses Profil lässt sich mit klassischen Lithium-Speichern nicht ökonomisch darstellen – und genau hier liegt Europas und Deutschlands Chance.
Die richtigen Rahmenbedingungen schaffen
Wir haben die richtigen Zutaten, um diese Technologieklasse aus Deutschland und Europa für den globalen Einsatz zu skalieren. Dazu gilt es drei Dinge zu beachten.
Erstens müssen wir aus den Fehlern des Versuchs der Skalierung der Batteriezellproduktion lernen. Großspeicher ist nicht gleich Großspeicher. Zukünftig sollten nur tatsächliche Sprungtechnologien gefördert und unterstützt werden, bei denen Deutschland und Europa die Kontrolle über eine tiefe Wertschöpfung behalten können. Gerade im Wettbewerb mit China müssen wir auf Technologiesouveränität setzen. Nur wer die Kette vom Molekül bis zum Modul vollständig in der Hand hat, kann sich gegen Konkurrenz auf dem Weltmarkt durchsetzen.
Zweitens müssen wir unsere wirtschaftspolitische Rolle in Deutschland und Europa aktiver verstehen. Akteure wie China stärken ihre Industrien systematisch und verhelfen ihnen so zu einer internationalen Dominanz. In Deutschland gibt es Institutionen und Deep Tech VCs, die Scale-ups unterstützen können. Wollen wir Deeptech-Souveränität erzielen und bei Sprungtechnologien führend sein, müssen wir genau diese Instrumente der strategischen Förderung und Finanzierung gezielt nutzen, um Hardware-Produktion zu skalieren und Industrialisierung voranzutreiben.
Drittens brauchen wir politische Rahmenbedingungen, die sich am technisch Machbaren orientieren. Das vergangene Woche beschlossene StromVKG verlangt nun, dass Langzeitspeicher ihre Zehn-Stunden-Verfügbarkeit statt innerhalb von einer Stunde nun in drei Stunden wiederherstellen müssen.
Das ist reine Kosmetik und weiterhin technisch kaum sinnvoll realisierbar, da Batterien nicht beliebig schnell geladen werden können, ohne die Ladeleistung massiv zu überdimensionieren. Gleichzeitig ist diese Anforderung energiewirtschaftlich nicht erforderlich, da Langzeitspeicher gerade für seltene, mehrstündige Versorgungslücken ausgelegt sind und nicht mehrfach am Tag vollständig be- und entladen werden müssen.
Die Prominenz asiatischer Batterietechnologien auf der Messe in München hat gezeigt, wie abhängig wir in Europa derzeit sind. Wir können uns aus dieser Abhängigkeit lösen, wenn wir Technologien mit tiefer europäischer Wertschöpfung gezielt fördern und sinnvolle regulatorische Rahmenbedingungen schaffen. Lasst uns die nächste Generation von Langzeitspeichern nicht einkaufen. Lasst sie uns selber bauen.
Constantin Eis ist CEO der CMBLU Energy AG. Das Unternehmen arbeitet an Alternativen zu Lithium-Ionen Speichern.
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