Russland-Ukraine-Krieg : Wenn das Stromnetz Leben rettet: vier Jahre Verbund Ukraine-EU
Heute vor vier Jahren, am 16. März, entstand die Strombrücke zwischen der Ukraine und der EU. Die Energie- und Ukraine-Expertin Susanne Nies vom Helmholtz Zentrum Berlin zieht Bilanz und legt dar, was zur Stärkung des vielmals angegriffenen Energiesystems des Landes notwendig wäre.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Als Russland am Morgen des 24. Februar 2022 die Ukraine überfiel, befand sich das Stromnetz des Landes bereits seit zwei Tagen im isolierten Strombetrieb. Für den damaligen Geschäftsführer des Übertragungsnetzbetreibers Ukrenergo, Volodymyr Kudritskyi, war schon vor der Invasion klar, dass die Ukraine von Ost nach West wollte. Nun kam einer Strombrücke zur EU nicht nur eine symbolische Bedeutung zu, sondern sie wurde kriegsentscheidend. In Tag- und Nachtschichten bereiteten Kudritskyi und sein Team diesen Schritt vor. In Brüssel konnte er auf die entschiedene Unterstützung der vormaligen estnischen Wirtschaftsministerin und nunmehr Kommissarin für Energie, Kadri Simson, aber auch von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen setzen.
39 Übertragungsnetzbetreiber aus 34 Ländern wirkten in einer eilig aufgestellten Task Force zusammen. Nach fünf von Ungarn verursachten Tagen Verzögerung war es so weit: Am 16. März stand die Strombrücke zwischen ENTSO-E, der Ukraine und Moldau. Acht grenzübergreifende Stromleitungen verbanden nun die Ukraine und Moldau mit der EU: genauer mit Polen, der Slowakei, Ungarn und Rumänien. Die Republik Moldau wurde kurzerhand mitsynchronisiert, da sie mit der Ukraine eine stromtechnische Einheit bildet.
Durch den Krieg, paradoxerweise, wurde die Synchronisierung möglich. Sie stand für eine Notlösung, obwohl Kyjiw noch nicht alle Voraussetzungen erfüllt hatte. Entsprechend fand der Stromaustausch anfangs als Nothilfe, nicht als Handel, statt und es wurden großzügige Sicherheitspuffer in die festgelegten Obergrenzen für den Austausch eingerechnet.
Stromflüsse in beide Richtungen, Polen als Plattform
Inzwischen gilt Ukrenergo als Pionier in Sachen Versorgungssicherheit: Nicht freiwillig hat man hier weltweit einzigartige Expertise zur Abwehr, Sicherung und auch Cybersicherheit, erarbeitet und teilt sie gern mit Partnerländern in der EU und darüber hinaus. Strom wurde nicht nur importiert, sondern auch von der Ukraine exportiert, wie etwa massiv im Herbst 2025, als der eigene Bedarf geringer war als die Erzeugung mit den drei Atomkraftwerken, Gas und Erneuerbaren.
Es sei auch erwähnt, dass die drei baltischen Staaten im Februar 2025 Teil des westeuropäischen Stromverbundes wurden: Besorgt, dass Russland seine Führungsrolle im IPS/UPS (Verbundnetz Russlands und einiger angrenzender Länder) für feindliche Aktionen missbrauchen könnte, vollzog man am 9. Februar 2025 die Synchronisierung mit ENTSO-E. Nicht zu übersehen ist dabei die herausragende Rolle Polens sowohl für die baltische Brücke als auch für die Ukraine. Deutschland als Nachbar Polens sollte diesem Umstand besondere Bedeutung beimessen und die Stromzusammenarbeit mit Polen weiter ausbauen.
Ohne Übertreibung kann man sagen, dass die Strombrücke im historisch kalten Winter 2025/26 zahlreiche Menschenleben gerettet hat. Seit Jahresbeginn 2026 haben die unzähligen Raketen- und Drohnenangriffe auf die ukrainische Strom- und Wärmeversorgung die Eigenversorgung massiv dezimiert, sodass von den benötigten 18 Gigawatt pro Stunde nur noch elf Gigawatt zur Verfügung stehen. Ukrenergo-CEO Vitalii Zaychenko verwies auf die Notwendigkeit, 9,5 Gigawatt kurzfristig aufzubauen. Über die Strombrücke zu den Nachbarländern können bis zu 2,45 Gigawatt Strom importiert werden. Damit könnten fast 15 Prozent des Strombedarfs der Ukraine durch Einfuhren gedeckt werden – ein wichtiger Beitrag.
Dezentrale Versorgungssicherheit und Strommarktintegration
Was kann die Ukraine aus dem Winter 2025/26 lernen? Was muss geschehen, um die Stromversorgung sicherer zu machen? Natürlich ist klar, dass Luftabwehr die erste Antwort auf die barbarischen Angriffe sein muss. Darüber hinaus diskutiert man in Kyjiw auch, wie Städte sich unabhängiger aufstellen können, wie die Kosten für den Angreifer in die Höhe getrieben werden können, kurz: wie dezentralisiert werden kann. Durch Dezentralisierung, durch lokale Stromerzeugung mit viel kleineren Einheiten, Solar verbunden mit Batterien, effiziente kleine Gaskraftwerke und bessere Verteilnetze versprechen sich Kyjiw und seine Partner und Geber größere Sicherheit als nur vom stets gleichen Ersetzen zerstörter Großanlagen durch immer schwerer zu beschaffenden Ersatz.
Dezentralisierung bedeutet dabei nicht, dass auf das große historische Stromnetz verzichtet wird oder auf den grenzüberschreitenden Austausch. Vielmehr bieten die lokale Inselfähigkeit und die Versorgung mit kleineren Einheiten eine zusätzliche Sicherheit, die auch in Westeuropa diskutiert wird. Der Kyjiwer Stadtteil Troieshchyna etwa mit 250.000 Bewohnern hängt nur am seidenen Faden eines einzigen Kraftwerks und eines Umspannwerks. Die Angriffe im Winter haben dem ganzen Stadtteil Licht, Heizung und Wasser genommen.
Erweiterung der Strombrücke
In Sachen europäischer Strommarkt muss die Ukraine noch wichtige Hürden nehmen und hat durch lähmende Korruptionsskandale im Energiesektor wichtige Zeit verloren. Wie die 2025 veröffentlichte Studie des Helmholtz Zentrum Berlin zeigt, haben die mangelhafte Liberalisierung, Bestandschutz und Preisgrenzen den Stromaustausch mit der EU teils auch behindert. Bis zum Sommer hat Kyjiw Zeit, die nächste wichtige Hürde zu nehmen, um dann im Jahr 2028 vollständig in den europäischen Strommarkt integriert zu sein.
Schließlich sind auch der Ausbau und die Optimierung der bestehenden grenzüberschreitenden Leitungen wichtig: Das betrifft Projekte nach Rumänien, durch Moldau, eine Verbindung in die Slowakei und die Behebung von Problemen an der polnisch-ukrainischen Hauptleitung. Mit all diesen Projekten kann das bestehende Energiehandelspotenzial verdoppelt werden – wichtig auch für das sehnlich erwartete Morgen nach dem Krieg.
Dr. Susanne Nies ist Leiterin des Projekts „Green Deal Ukraina“ am Helmholtz-Zentrum Berlin. In einer früheren Position war die Politikwissenschaftlerin als Leiterin für Strategie, Innovation und Kommunikation beim Dachverband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber ENTSO-E tätig.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden