Wettbewerb : Wie Deutschland und Europa im globalen Energie-Wettlauf mit China aufholen müssen
China drängt bei zukunftsfähigen Energietechnologien voran, Europa verzettelt sich – davor warnt Sebastian Heitmann von Extantia Capital. Der Cleantech-Experte empfiehlt, das chinesische Vorgehen genau zu analysieren und Europas Prioritäten neu zu setzen.
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China hat mit der jüngsten Ankündigung, seine Industrieemissionen bis 2035 drastisch zu senken und bis 2060 vollständig zu dekarbonisieren, ein klares Zeichen gesetzt: Nachhaltigkeit wird dort längst nicht mehr nur als Klimaziel verstanden, sondern als integraler Bestandteil einer umfassenden Wirtschafts- und Sicherheitsstrategie.
Die USA gehen einen ähnlichen Weg. Auch dort setzen politische Entscheidungsträger auf eine breite Palette an Energiequellen, einschließlich Öl und Gas, flankiert von öffentlichen Investitionen in nachhaltige Technologien und beschleunigte Genehmigungsverfahren für alternative Energieformen wie Geothermie oder geologischen Wasserstoff. Der pragmatische Fokus auf Versorgungssicherheit verleiht strategische Flexibilität. Dennoch zeigt sich: Erneuerbare Energien lassen sich schneller, kostengünstiger und zunehmend global skalierbar ausbauen – weshalb sie immer mehr im Zentrum der industriepolitischen Planungen stehen.
Europa und Deutschland wirken im internationalen Vergleich hingegen zunehmend langsam und fragmentiert. In einer Welt, in der Energiepolitik zur geopolitischen Machtfrage geworden ist, drohen wir ins Hintertreffen zu geraten.
Europas strategische Schwäche: Abhängigkeit und Umsetzungslücken
Deutschland deckt nach wie vor mehr als die Hälfte seines Energiebedarfs aus Importen. Diese strukturelle Abhängigkeit wird in Zeiten wachsender geopolitischer Unsicherheit zu einem erheblichen Risiko – wirtschaftlich wie politisch. Zwar hat die Europäische Union mit dem Critical Raw Materials Act (CRMA) und der Renewable Energy Directive (RED III) zwei bedeutende Initiativen gestartet, um strategische Rohstoffe zu sichern und den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen. Doch beide Maßnahmen greifen bislang zu kurz: Es fehlt an verbindlichen Zielvorgaben, ausreichender finanzieller Unterfütterung und klaren Mechanismen zur operativen Umsetzung.
Während China und die USA energiepolitische Entscheidungen mit industrie- und sicherheitspolitischen Zielen verknüpfen, bleibt Europa oft im regulatorischen Denken stecken. Der Aufbau einer resilienten Energieinfrastruktur wird nicht als strategische Priorität, sondern als technisches Verwaltungsprojekt behandelt.
Elektrifizierung als globale Schlüsselherausforderung
Die weltweite Energieversorgung steht vor einem radikalen Umbruch. Mit der zunehmenden Elektrifizierung von Mobilität, Industrie und Gebäuden wird die Nachfrage nach Strom exponentiell steigen. Besonders deutlich zeigt sich das beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz: Eric Schmidt, ehemaliger CEO von Google, warnte jüngst, dass KI-Anwendungen in absehbarer Zeit bis zu 99 Prozent des globalen Strombedarfs ausmachen könnten. Wer diesen Bedarf decken kann – effizient, nachhaltig und unabhängig – wird die Regeln des geopolitischen und wirtschaftlichen Spiels neu schreiben.
China hat sich frühzeitig auf diesen Wandel vorbereitet. 2023 wurden knapp 350 Gigawatt an Erneuerbaren-Kapazität hinzugebaut, vor allem Solar- und Windenergie. Zum Vergleich: Die EU schaffte im gleichen Zeitraum etwa ein Zehntel davon. China investiert aber nicht nur in Erzeugung, sondern auch systematisch in alle vor- und nachgelagerten Sektoren: Photovoltaik, Windkraftanlagen, Energiespeicher, Elektrolyseure – und nicht zuletzt in den Zugang zu kritischen Rohstoffen, ohne die keine Energiewende möglich ist. Der weltweite Markt für Lithium, Seltene Erden, Graphit oder Nickel wird heute zu einem großen Teil von chinesischen Unternehmen kontrolliert.
Zwar investiert China weiterhin in fossile Energie – rund 54 Gigawatt thermische Kapazität, vor allem Kohle – sowie in begrenztem Umfang in Atomkraft (knapp 4 GW). Doch das Verhältnis ist eindeutig: Der Fokus liegt auf Erneuerbaren, die schneller, kostengünstiger und global skalierbar sind.
Chinas technologische Führungsambition
Die chinesische Strategie geht dabei über den reinen Kapazitätsausbau hinaus. Das Land hat eine komplette industrielle Wertschöpfungskette für grüne Technologien aufgebaut: von der Rohstoffgewinnung über die Verarbeitung bis zur Produktion von Solarmodulen, Windkraftanlagen und Batteriespeichern. Unternehmen wie CATL und BYD setzen mit innovativen Batterietechnologien weltweit Standards. Besonders zukunftsweisend ist die Entwicklung mobiler Offshore-Plattformen zur Produktion von grünem Ammoniak, Methanol und E-Fuels mithilfe von unter anderem Salzwasser-Elektrolyse und erneuerbarem Strom. Die erste dieser Anlagen wurde kürzlich fertiggestellt – ein technologischer Meilenstein mit geopolitischer Strahlkraft.
Europa hingegen läuft Gefahr, sich auf seine bisherigen Stärken zu verlassen, ohne sich strategisch neu aufzustellen. Die technologische Abhängigkeit von außereuropäischen Märkten – insbesondere bei kritischen Rohstoffen und Schlüsseltechnologien – wird so nicht abgebaut, sondern zementiert.
Europa braucht eine Resilienzstrategie
Um nicht dauerhaft den Anschluss zu verlieren, muss Europa Energiepolitik neu denken – als zentrales Infrastruktur- und Souveränitätsprojekt. Frankreich hat mit dem „Plan de Résilience“ vorgemacht, wie eine solche Strategie aussehen kann: Elektrifizierung, Digitalisierung und gezielte Industriepolitik werden dort als Hebel nationaler Resilienz verstanden.
Dazu gehört auch, Energie zur politischen Priorität Nummer eins zu machen. Planungs- und Genehmigungsprozesse müssen drastisch beschleunigt, öffentliche Investitionen auf international konkurrenzfähigem Niveau verankert und innovative Technologien durch geeignete Finanzierungsinstrumente wie Contracts for Difference oder staatliche Bürgschaften unterstützt werden. Gleichzeitig gilt es, heimische Märkte gegen unfaire Wettbewerbsbedingungen durch subventionierte Billigimporte zu schützen und Kreislaufwirtschaft sowie industrielle Eigenfertigung gezielt zu fördern.
Nachhaltigkeit und Resilienz – zwei Seiten einer Medaille
In einer Welt multipler Krisen ist die Verbindung von Nachhaltigkeit und Resilienz kein Luxus, sondern eine strategische Notwendigkeit. Verwundbare Lieferketten, volatile Rohstoffmärkte und geopolitische Erpressbarkeit lassen sich nur durch eine robuste, emissionsfreie und weitgehend autarke Energieversorgung resilient machen. Diese wiederum ist Grundlage für wirtschaftliche Stabilität, technologische Innovationsfähigkeit und politische Handlungsfreiheit.
Europa verfügt über die technologische Kompetenz, das industrielle Fundament und die kreative Innovationskraft, um in diesem globalen Wettlauf zu bestehen. Doch es braucht den politischen Willen und die strategische Kohärenz, diese Potenziale auch zu mobilisieren. Die Energiewende darf kein reines Klimaprojekt bleiben – sie muss das Fundament einer souveränen europäischen Zukunft bilden.
Sebastian Heitmann ist Mitgründer des Energie- und Transformations-Investors Extantia Capital Management mit Sitz in Berlin.
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