Netzpaket : Wie eine Idee aus Bayern Tempo in die Energiewende bringt
Das Netzpaket polarisiert. Alle Blicke sind auf den Redispatchvorbehalt und mögliche Risiken für den Ausbau der Erneuerbaren gerichtet. Aber die Diskussion greift aus Sicht von Barbara Plura und Stefan Tölzer vom Verteilnetzbetreiber LEW zu kurz. Denn sie übersehe bisher eine zentrale Chance im Netzpaket: Mit Einspeisenetzen als Standard könne der Anschluss von Erneuerbaren massiv beschleunigt und die volkswirtschaftlichen Kosten halbiert werden.
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Die Energiewende steht vor einem Paradox. Noch nie war der Wille zum Ausbau erneuerbarer Energien so groß. Projektierer, Kommunen und Unternehmen sind bereit, in Wind, Solar und Speicher zu investieren. Gleichzeitig werden Netzanschlüsse immer häufiger zum Engpass. Wer heute eine große Erzeugungsanlage plant, braucht nicht nur Fläche, Genehmigung und Finanzierung, sondern vor allem einen Netzanschluss, der rechtzeitig und verlässlich verfügbar ist.
Netzanschlüsse sind der Engpass
Genau hier setzt das Netzpaket an. Es will den Ausbau der Erneuerbaren stärker mit dem Netzausbau verzahnen. Kontrovers diskutiert wird vor allem der Redispatchvorbehalt. Im Kern geht es dabei um einen ökonomischen Anreiz, in einem Netz, das ohnehin schon durch Wind- oder PV-Einspeisung überlastet ist, die Engpasssituation nicht noch durch weitere Einspeiser des gleichen Typs zu verschärfen. Diese Debatte ist zweifelsohne wichtig.
Aber das ist nur die eine Seite. Die andere lautet: Welche Anreize können wir schaffen, damit neue Speicher, Wind- und Solaranlagen gezielt in jene Netzgebiete gehen, in denen freie Netzkapazitäten vorhanden sind? Wie vermeiden wir, dass Netzbetreiber mit Stückwerk und hohen Kosten den unkoordinierten Zubau der Erneuerbaren und Batteriespeicher hinterherbauen müssen, was die Netzausbaukosten in die Höhe treibt und damit Strom für alle teurer macht? Und wie kommen wir weg von einem System, in dem jede Anlage einzeln betrachtet wird, obwohl Erzeugung, Speicher und Verbrauch längst zusammengedacht werden müssten?
Die Antwort liegt nicht in einer Ausbremsung der Erneuerbaren. Sie liegt in einem effizienteren Ausbau der Netze und deren intelligenteren Nutzung.
Bündeln statt hinterherbauen
Mit der Einspeisesteckdose hat die LEW Verteilnetz gemeinsam mit Bayernwerk Netz mit zwei Pilotprojekten in der Realität gezeigt, was ein solcher Ansatz leisten kann. Die Idee dahinter ist einfach: Netzanschlusskapazität wird nicht erst geschaffen, wenn jedes einzelne Projekt seinen Antrag stellt. Stattdessen wird vorausschauend ein leistungsfähiges Umspannwerk geschaffen, an dem verschiedene Erzeugungsanlagen gebündelt einspeisen können.
Drei Batteriespeicher, drei PV-Anlagen und eine Windkraftanlage speisen an der Einspeisesteckdose im bayerischen Balzhausen ein. Der Mix der verschiedenen Energieträger sowie entsprechende Anschlussvereinbarungen ermöglichen eine Überbauung der Netzanschlusskapazität um 60 Prozent.
Das bedeutet: Die theoretische Gesamtleistung der Erzeugungsanlagen übersteigt die Kapazität der Einspeisesteckdose, falls alle gleichzeitig einspeisen würden. Da die Wind- und PV-Anlagen jedoch zu unterschiedlichen Zeiten Strom liefern, kann die tatsächliche Netzkapazität der Einspeisesteckdose optimal genutzt werden. Diese intelligente Kombination stellt für uns nicht weniger als den nächste Effizienzsprung der Energiewende dar.
Neue Regeln braucht das Land
Wie die Debatte bisher geführt wird, bekommt man fast den Eindruck, als gebe es nur zwei Alternativen: Den Anschlussvorrang auf der einen oder neue Hürden für Erneuerbare auf der anderen Seite. Dieses Schwarz-Weiß-Bild greift zu kurz. Natürlich benötigen wir verlässliche Bedingungen für Investitionen, gleichzeitig aber eben auch ein Regelwerk, welches dem Umstand Rechnung trägt, dass wir eben nicht unendlich viel Netzkapazität haben.
Dementsprechend braucht es eine Weiterentwicklung des rechtlichen und regulatorischen Rahmens auf Bundesebene. Dies umfasst eine gesetzliche Grundlage, die eine vorausschauende Bereitstellung von Netzkapazitäten durch Verteilnetzbetreiber fördert. Netzbetreiber benötigen zudem die Möglichkeit, die so geschaffenen Kapazitäten mittels Ausschreibung und verbindlich vorgesehener Überbauung optimal auszulasten. Denn, wenn wir jeden Anschluss einzeln planen, bauen wir teurer und langsamer als es nötig wäre und bremsen so die Elektrifizierung.
Volkswirtschaftliche Kosten für Netzausbau halbiert
Beim Bau der Einspeisesteckdose konnten die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten für die Netzintegration der Erneuerbare Energien-Anlagen sowie der Batteriespeicher halbiert werden. Drei Hebel wirken hier zusammen: Zum einen wurde der Netzanschlussprozess bei LEW Verteilnetz als Netzbetreiber optimiert und gebündelt, was Zeit und Kosten sparte. Zum anderen teilen sich die Anlagen, die an der Einspeisesteckdose einspeisen, Infrastruktur, Bauaufwand und Anschlusskosten.
Das transparente und strukturierte Verfahren schaffte Planungssicherheit und reduzierte Kosten seitens der Projektentwickler. Die Überbauung des Netzanschlusspunktes sorgt dafür, dass Netzkapazitäten technisch effizienter ausgelastet werden und sich zusätzlicher Netzausbau vermeiden lässt. Das reduziert insgesamt die Netzausbaukosten und stärkt damit den Wirtschaftsstandort, indem wir erneuerbare Energien schneller und günstiger in unser Energiesystem transportieren.
Besser anschließen statt bremsen
Wir sollten uns in Sachen Netzausbau ehrlicher machen. Selbstverständlich benötigen wir mehr Leitungen, Umspannwerke und einen stärkeren Fokus auf Digitalisierung, müssen aber gleichzeitig auch gemeinsam den Mut aufbringen, neue Wege bei Netzanschlüssen zu gehen. Bauen allein macht hierbei die Energiewende nicht unbedingt schneller. Das richtige Tempo kommt erst, wenn wir intelligenter und vorausschauender anschließen.
Aus unserer Sicht bietet das Netzpaket eine einmalige Chance. Vor allem das Pilotprojekt der Einspeisesteckdose verdeutlicht, was möglich ist. Wenn es jetzt noch die passenden Regeln gibt, sind wir davon überzeugt, dass unser Pilotprojekt zum Modell für viele Regionen in Deutschland werden kann.
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