Wasserstoff : Wie Merz’ Indien-Reise zum Startsignal für eine neue Energiepartnerschaft werden könnte
Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz Anfang dieser Woche nach Indien reist, ist das mehr als ein klassischer Antrittsbesuch. Es stellt im Vorfeld eine strategische Wegmarke dar – gerade, weil schon am 27. Januar die europäische Spitze in Neu-Delhi erwartet wird, um hochrangige Gespräche zu führen.
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Bundeskanzler Merz ist Pfadfinder für einen Prozess, der in einer wandelnden geoökonomischen Lage Deutschland, Europa und Indien enger zusammenführen kann. Und das auf nahezu allen Ebenen: wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und vor allem energie- und industriepolitisch.
Indien als verlässlicher Partner – und als neuer Maßstab bei Molekülen
Europa hat gelernt, dass Energie nicht nur ein Preis- und Effizienzthema ist. Sie ist auch an Fragen der Infrastruktur, Verträge, Standards, Häfen, Versicherungen und an geopolitische Risiken gebunden.
Genau deshalb ist Indiens aktueller Ansatz im Hinblick auf Wasserstoffhochlauf so bemerkenswert. Er umfasst die Parameter Beschleunigung, Skalierung, Marktdesign und ist zugleich eine Einladung zur globalen Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Indien verfolgt mit seiner National Green Hydrogen Mission ein ambitioniertes Ziel. Mindestens 5 Millionen Tonnen grüner Wasserstoff sollen ab 2030 jährlich produziert werden. Verbunden ist dieses Ziel mit massiven Investitionen in erneuerbare Energien und Industriekapazitäten.
Das Entscheidende aus europäischer Sicht: Indien denkt nicht nur in Kapazitäten, sondern in Märkten und nutzt Ausschreibungen und Nachfragebündelung, um private Investitionen anzuziehen und Lieferketten aufzubauen.
Diese Dynamik verdient nicht nur Aufmerksamkeit, sondern Anerkennung. Indien positioniert sich als verlässlicher, pragmatischer Partner in einer Welt, in der Energie- und Rohstoffströme immer öfter politischen Spannungen unterliegen.
Warum Deutschland jetzt handeln muss – nicht irgendwann nach dem Gipfel
Deutschland kann in diesen Tagen die Weichen für eine deutsch-indische Kooperation stellen, der unmittelbar europäische Relevanz zukommen würde. Merz’ Reise fällt nicht zufällig in das Vorfeld des erwähnten Indien-EU-Termins.
Im besten Fall könnte sie Chancen bereiten, um konkrete Arbeitsaufträge zu definieren, die Europa dann im größeren Rahmen fortschreiben könnte. Was bedürfte es dazu? Drei Hebel sind hier relevant.
Handel braucht Vertrauen: Standards, Zertifizierung, Digital Product Passport
Grüner Wasserstoff und seine Derivate sind nur dann global handelbar, wenn Zertifizierung, Nachhaltigkeitsnachweise sowie Sicherheits- und Qualitätsstandards kompatibel sind. Europa hat mit seinem Regelwerk (RED-Systematik, Importanforderungen, CBAM-Logik) hohe Ansprüche.
Indien braucht daher Planungssicherheit, dass Projekte auch wirklich Zugang zum europäischen Markt erhalten. Ein gemeinsamer Vertrauensrahmen, inklusive digitaler Nachverfolgbarkeit, kann Investitionen beschleunigen, Handelsrisiken senken und den Marktzugang transparent machen – ohne die indische Dynamik auszubremsen.
Markthochlauf braucht Abnahme: H2Global als Scharnier und Beschleuniger
Weil sich grüne Moleküle nicht von selbst in einen funktionierenden Weltmarkt einpreisen, sind Instrumente zur Nachfrageabsicherung entscheidend. Das von der Bundesregierung 2021 gegründete Wasserstoff-Förderinstrument H2Global setzt genau hier an: langfristige Abnahmeverträge, wettbewerbliche Preisfindung und die Brücke zwischen Produzenten und europäischen Offtakern.
Aus deutscher Perspektive heißt das: Man muss H2Global konsequent als Außenwirtschafts- und Resilienz-Instrument denken, und zwar als verlässliche Nachfrageplattform, die Exportprojekte bankfähig macht und zugleich Europas Versorgungssicherheit stärkt.
Industriepolitik in beide Richtungen: Technologie-Transfer, Joint Ventures, Wertschöpfung
Indien wird nicht nur Lieferant sein, sondern auch Industriestandort. Genau darin liegt eine Chance für Deutschland und Europa. Elektrolyseure, Anlagenbau, Sicherheitstechnik, Standards und Engineering – Europas Stärken können in Indien skalieren, während Indien Produktionskapazitäten und Kostenvorteile einbringt. Das Ergebnis sind Joint Ventures und gemeinsame Wertschöpfung statt einseitiger Abhängigkeiten.
Ammoniak, Dünger, CBAM: Energie- und Ernährungssicherheit zusammendenken
Ein Bereich ist politisch unterschätzt, aber ökonomisch und gesellschaftlich hochsensibel: Düngemittel. Europas Abhängigkeiten und Preisschocks der letzten Jahre haben gezeigt, wie schnell Ernährungssicherheit zum politischen Risiko wird. Gleichzeitig zwingt Europas Klimapolitik die Industrie zu CO2-armen Inputs.
Indien kann hier Teil der Lösung werden, durch grünes Ammoniak als Grundstoff für klimafreundlichere Düngemittel. Programme zur Nachfragebündelung und der Aufbau eines heimischen Marktes senden ein klares Signal; Indien will skalieren. Unternehmen wie Jindal und andere indische Industriegruppen denken längst in globalen Märkten inklusive europäischer Regeln wie CBAM. Je besser wir Prozesse, Standards und Investitionsbedingungen abstimmen, desto eher entstehen Lösungen, die Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit auf beiden Seiten sichern, statt neue Bruchlinien im Handel zu schaffen.
Grünes Methanol und Shipping-Korridore: IMEC als neue Infrastruktur-Erzählung
Über Wasserstoff und Ammoniak hinaus wächst ein weiterer Markt rasant: grünes Methanol – als Alternative im maritimen Sektor. Hier kann Indien, mit erneuerbaren Ressourcen und industrieller Skalierung, ein zentraler Produzent werden.
Das passt in eine größere strategische Erzählung: den India–Middle East–Europe Economic Corridor (IMEC). IMEC ist nicht nur Logistik und Handel, sondern eine Vision für Energie-, digitale und industrielle Konnektivität – inklusive Perspektiven für grüne Moleküle. Wenn Deutschland und Europa IMEC ernst nehmen, dann nicht als PowerPoint-Projekt, sondern als Investitions- und Standardisierungsagenda: Häfen, Terminals, Zertifizierung, langfristige Abnahme und politisches Commitment.
Was Merz in Indien konkret anstoßen sollte
Diese Reise ist eine Chance, sofort handlungsfähig zu werden. Drei pragmatische Schritte wären ein starkes Signal:
•Deutsch-indische Taskforce „Hydrogen & Derivatives“ (Marktregeln, Zertifizierung, Sicherheit/Qualität, DPP-Roadmap).
•Pilot-Offtake-Korridor über H2Global-Mechanismen: ein erstes „Proof of Trade“ für grünes Ammoniak und grünes Methanol mit klaren Compliance-Leitplanken.
•Industriepaket für Joint Ventures: Anlagenbau- und Elektrolyseur-Kooperationen, Qualifizierung, Standards – gekoppelt an Investitionsschutz und Risikoabsicherung.
Fazit
Indien zeigt, wie man einen Zukunftsmarkt politisch klug aufbaut, nämlich über Ausschreibungen, Skalierung, Industriekapazität und Offenheit für Kooperation. Europa wiederum braucht verlässliche Partner, um Dekarbonisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz zusammenzubringen.
Deutschland kann – mit Merz’ Reise – den Startschuss geben: für eine deutsch-indische Wasserstoff-Achse, die anschließend europäisch verstetigt wird. In einer Welt, in der Energie immer öfter zur geopolitischen Variable wird, ist das keine Option unter vielen – sondern ein strategischer Imperativ.
Markus Exenberger ist CEO der H2Global Foundation. Jorgo Chatzimarkakis ist CEO des Wasserstoffverbandes Hydrogen Europe.
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