Wind an Land : Windkraft trifft Verteidigung: Zeit für klare Regeln
Energiewende und Landesverteidigung dürfen nicht als Gegensätze verstanden werden: Erneuerbare Energien stärken nicht nur den Klimaschutz, sondern auch die sicherheitspolitische Resilienz Deutschlands, betonen Borja Caruana, Alexander Rabuske und Yannik John vom Erneuerbaren-Finanzierer Qualitas Energy. Um beide Ziele zu erreichen, brauche es klare Verfahren und verbindliche Zuständigkeiten, wer in der Bundeswehr die Genehmigung von Windkraftprojekten koordiniert.
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Der Ausbau der Windenergie ist eine zentrale Säule der deutschen Klimapolitik – und Voraussetzung für eine unabhängige, resiliente Energieversorgung. Doch vielerorts geraten Windkraftprojekte zunehmend in Konflikt mit militärischen Belangen: Tiefflugkorridore, Radarmindestführungshöhen oder Luftraumsicherungszonen begrenzen das nutzbare Flächenpotenzial, insbesondere in Süddeutschland. Die sicherheitspolitische Zeitenwende trifft hier auf die Anforderungen der Energiewende – und bislang fehlt eine tragfähige Strategie, die die Ausbauziele der Windenergie mit der Sicherheit Deutschlands vereint.
Allein in Niedersachsen scheitern rund 65 Prozent der Windkraftprojekte bereits in der frühen Sondierungsphase, wie eine Analyse des Bundesverbands Windenergie zeigt. Der Grund: fehlende frühzeitige Rückmeldungen zu militärischen Belangen, langwierige Rücklaufzeiten informeller Voranfragen, uneinheitliche Planungsgrundlagen. Ähnlich erging es der Stadt Tübingen, wo der Bau von drei Windrädern trotz abgeschlossener Planung kurzfristig wegen militärischer Tiefflugkorridore gestoppt wurde – mit hohen Kosten und politischem Frust. Gleichzeitig drängt die Zeit – energie- wie klimapolitisch.
Die Frage ist also: Wie lässt sich der Spagat zwischen Klimaschutz und Energiesicherheit sowie nationaler beziehungsweise Bündnissicherheit meistern? Also kurzgefasst: Wie betten wir die Windenergie in die allgemeine Verteidigungsdebatte mit ein?
Drei Ansatzpunkte für einen tragfähigen Interessenausgleich
- Effizientere Kommunikationsroutinen: Viele Projektverzögerungen ließen sich vermeiden, wenn es einen festen Ansprechpartner gäbe, der als Koordinierungsstelle innerhalb der Bundeswehr agiert – analog zu zentralen Genehmigungsstellen in anderen Infrastrukturbereichen. Dieser „Single Point of Contact“ könnte Anfragen bündeln, Rücklaufzeiten verkürzen und eine verlässliche Bewertung ermöglichen. Gerade in Regionen mit US-Stützpunkten – wie etwa Ramstein oder Spangdahlem – fehlt bislang jede klare Zuständigkeit. Auch für die Bundeswehr wäre ein solcher Ansprechpartner von Vorteil: klarere Prozesse, weniger Bürokratie und geringeres Risiko juristischer Auseinandersetzungen.
- Vertrauliche Einzelfallprüfung sensibler Projekte: Wenn sicherheitsrelevante Informationen einer öffentlichen Prüfung nicht zugänglich gemacht werden können, braucht es Verfahren, die Geheimhaltung mit Rechtssicherheit zu verbinden. Die Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) und das Telekommunikationsgesetz (TKG) kennen sogenannte In-Camera-Verfahren, bei denen ein spezialisiertes Gremium Einsicht erhält – nicht jedoch die Öffentlichkeit oder Verfahrensbeteiligte. Dieses Prinzip ließe sich auch für Windkraftprojekte adaptieren, etwa durch ein unabhängiges Fachgremium, das militärische Einwände prüft, ohne operative Details offenzulegen.
- Frühzeitige Einbindung in die Regionalplanung und transparente Genehmigungsverfahren: Militärische Belange müssen systematisch in die Flächenplanung integriert werden – und zwar frühzeitig und mit bundesweit einheitlichen Standards. Ein Kriterienkatalog zur Bewertung sicherheitsrelevanter Aspekte würde nicht nur die Transparenz erhöhen, sondern auch Projektträgern eine verlässlichere Einschätzung der Realisierbarkeit ermöglichen. Gleichzeitig muss die militärische Prüfung von Vorhaben in bestehende Genehmigungsprozesse standardisiert eingebunden werden – mit definierten Fristen und klaren Verfahren.
Energie- und Sicherheitspolitik gemeinsam denken
Ein Blick auf andere NATO-Staaten zeigt, wie eine erfolgreiche Verzahnung von Energie- und Sicherheitspolitik gelingen kann. Länder wie Polen oder das Vereinigte Königreich integrieren bereits heute Fragen der Energiesicherheit, der Resilienz kritischer Infrastrukturen und der Verteidigungsfähigkeit in gemeinsame Strategien. Dort diskutiert man nicht mehr über Zuständigkeiten, sondern über Integration: Wie wird regenerative Erzeugung in militärische Szenarien eingepasst? Wie kann kritische Infrastruktur im Krisenfall geschützt werden? Und welche Rolle können Anlagenbetreiber als Teil der Sicherheitsarchitektur spielen?
Deutschland hat nun die Chance, diesen Weg ebenfalls zu beschreiten. Die Grundlagen sind vorhanden – was es braucht, ist ein strukturierter, institutionalisierter Austausch zwischen Bundeswehr, Projektträgern, Behörden und Industrie. Ein solcher Dialog, technisch fundiert und politisch getragen, könnte sich an erfolgreichen Formaten aus dem Rüstungsbereich orientieren – etwa dem FCAS-Projekt – und so den Grundstein für eine integrierte Sicherheits- und Energiepolitik legen.
Ein tragfähiger Rahmen ist politisch gestaltbar
Die Integration von Windkraftausbau und sicherheitspolitischen Anforderungen ist keine technische, sondern eine politische Herausforderung – und damit lösbar. Wenn Energiewende und Landesverteidigung nicht gegeneinander ausgespielt werden sollen, braucht es eine klare gesetzliche Grundlage, transparente Verfahren und einen strukturierten Austausch auf Augenhöhe. Nur so lässt sich die sicherheitsrelevante Infrastruktur der Zukunft planen – regenerativ, resilient und verteidigungsfähig.
Der Kompromiss zwischen Energiewende und Zeitenwende ist möglich. Er erfordert ein gemeinsames Verständnis, politische Führung und die Bereitschaft aller Akteure, Verantwortung zu übernehmen – auch über Ressortgrenzen hinweg.
Borja Caruana ist Co-CEO der Qualitas Energy Deutschland GmbH, einem Investor in Erneuerbare Energien. Alexander Rabuske ist Planungsingenieur und Fachexperte, Yannik John ist Public Affairs Referent ebenfalls bei Qualitas Energy.
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