Redispatch-Vorbehalt : Wirksame Reformen stärken Akzeptanz der Energiewende und Standort
Der Ausbau der Erneuerbaren kostet die Stromkunden jedes Jahr Milliarden, weil Anlagen oft dort entstehen, wo das Netz bereits ausgelastet ist. Der Redispatch-Vorbehalt lenkt die Erzeugung dorthin, wo Kapazitäten frei sind, und schafft so mehr Ökostrom und mehr Akzeptanz für die Energiewende, schreibt der Vorstandsvorsitzende des zum Eon-Konzern gehörenden Verteilnetzbetreibers Edis , Patrick Wittenberg.
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Wie bei Gesundheit, Pflege, Steuern oder Rente entscheidet sich die Frage der Zukunftschancen Deutschlands auch bei der Energiewende an der Reformfähigkeit unseres Landes. Nach mehr als 25 Jahren des sehr erfolgreichen und erfreulichen Hochlaufs der Erneuerbaren Energien (EE) sind gleichsam auch strukturelle Ineffizienzen im System entstanden, die private Haushalte belasten und die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland beeinträchtigen.
So findet der Zubau von neuen großen EE-Anlagen unabhängig davon statt, ob der EE-Strom ins Netz aufgenommen werden kann. Kann er nicht aufgenommen werden, sprich, muss eine Abregelung vorgenommen werden, erfolgt über die Netzentgelte der Verbraucher eine vollumfängliche Entschädigung an den Erzeuger. Aufgrund des um ein Vielfaches höheren Zeitbedarfes im Ausbau der Stromleitungen auf den oberen Spannungsebenen im Vergleich zur Realisierungsdauer eines EE-Projektes entstehen zunehmend Hot-Spots mit „vollen“ Leitungen, in denen mehr EE-Leistung nicht mehr zu mehr EE-Strom führt. Damit wird kein Beitrag zum Klimaschutz geleistet.
Drei Milliarden Euro für abgeregelten Strom
Die Anschlusspflicht in Deutschland wirkt in ihrer Ausgestaltung im europäischen Vergleich sehr weitreichend. Kein anderes Land in Europa weist so hohe Mengen an abgeregeltem Strom auf. Über 70 Prozent der jährlich durch neue Anlagen in Deutschland hinzukommenden Abregelmengen entfallen auf Hot-Spots. Die Gesamtkosten für diesen in der zweiten Halbzeit der Energiewende nun nicht mehr bedarfsgerechten, systemisch nicht effizienten Zubau belaufen sich bereits heute auf rund 3 Milliarden Euro pro Jahr. Ohne gesetzliche Anpassungen drohen diese Kosten kurzfristig weiter zu steigen.
Gleichzeitig ist im deutschen Stromnetz nach Untersuchungen gegenwärtig an bis zu 90 Prozent der Leitungsabschnitte ausreichend Platz, um weitere EE-Anlagen zu integrieren. Daher ist es wichtig und richtig, dass, wie im Gesetzesentwurf der Bundesregierung zum Netzpaket mit dem so genannten Redispatch-Vorbehalt (RDV) vorgesehen, künftig eine Synchronisierung des Zubaus großer Wind- und PV-Anlagen mit den vorhandenen Netzkapazitäten erfolgen soll.
Beim Prinzip des RDV steht es jedem Erzeuger frei, eine neue Anlage an einen zuvor transparent gemachten Hot-Spot anschließen zu lassen. Sollte es an diesem Hot-Spot aber zum wahrscheinlichen Fall einer Abregelung kommen, trägt nicht die Gemeinschaft der Stromverbraucher, sondern der Erzeuger die Kosten.
Reform führt zu mehr Akzeptanz
Durch diese implizite gesetzliche Besserstellung von EE-Projekten an vorhandenen Netzkapazitäten wird die Ansiedlung dort incentiviert. Das bedeutet nicht weniger, sondern mehr EE-Strom im Netz – und das zu deutlich geringeren Kosten pro in das Netz tatsächlich eingespeister Kilowattstunde aus EE. Die Hebung dieser massiven Effizienzpotentiale wird die Unterstützung in Bevölkerung und Wirtschaft für die EE stärken.
Zugleich bleibt die Verantwortung des Netzbetreibers eindeutig: Durch den massiven Ausbau der Netze sowie eine weiter intensivierte Digitalisierung werden Kapazitätsengpässe abgebaut. Gerade in kapazitätslimitierten Gebieten hat der Ausbau daher Priorität. Der RDV überbrückt eine Engpasssituation, ohne sie zu verstetigen.
Wenn wir nicht zeitnah einen Rahmen schaffen, durch den diese strukturellen Ineffizienzen bei dem vor uns liegenden weiteren EE-Ausbau abstellt werden, gefährden wir die Akzeptanz der Energiewende insgesamt. Die Energiewende wird am Ende dann zu einem Erfolg, wenn sie zur wirtschaftlichen Stärkung des Produktionsstandortes Deutschland und zur Entlastung der privaten Haushalte führt.
Dr. Patrick Wittenberg ist CEO der Edis mit Sitz in Fürstenwalde/Spree in Brandenburg. Edis betreibt über 83.000 Kilometer Stromleitungen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.
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