Nach tödlichem Dooring-Unfall : Eine Autotür, eine Sekunde, ein Menschenleben
Täglich sterben in Deutschland Menschen im Straßenverkehr – oft durch Unachtsamkeit, wie beim tragischen Tod der Schauspielerin Wanda Perdelwitz. Dabei schreibt Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung klare Grundregeln vor: ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Doch solange diese Prinzipien im Alltag ignoriert werden, bleibt Sicherheit auf unseren Straßen ein unerfülltes Versprechen.
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Es gibt Gesetze und Rechtsverordnungen, die jeder kennt – und solche, an die kaum jemand denkt. Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung gehört oft zu Letzteren. Dabei trägt er den Titel „Grundregeln“ und legt die wichtigsten Werte für unsere Sicherheit im Straßenverkehr fest: „ständige Vorsicht“ und „gegenseitige Rücksicht“. Niemand darf andere Verkehrsteilnehmende schädigen, gefährden, behindern oder belästigen. Ein klarer Auftrag – juristisch wie moralisch.
Paragraf 1 ist also die konkrete Umsetzung der Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes im Straßenverkehr, laut denen die Würde des Menschen „zu achten und zu schützen“ ist und jeder Mensch ein Recht „auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ hat. Doch wie gut gelingt dies dem Staat – und uns allen – tatsächlich auf unseren Straßen?
Im vergangenen Jahr starben in Deutschland 2770 Menschen im Straßenverkehr, weitere 50.600 wurden schwer und 314.400 leicht verletzt. Acht getötete Menschen, 139 Schwerverletzte, 861 Leichtverletzte – an jedem Tag des Jahres. Das sind keine tragischen Einzelfälle. Das ist ein Systemversagen, das wir einfach so hinnehmen – auf Kosten von Menschenleben.
Der Tod von Wanda Perdelwitz hätte verhindert werden können
Eine der anonymen Zahlen im Straßenverkehr getöteter Menschen trägt nun einen Namen: Wanda Perdelwitz. Viele kennen sie in ihrer Rolle als Polizeiobermeisterin Nina Sieveking aus dem ARD-„Großstadtrevier“. Am 28. September fuhr sie mit dem Fahrrad auf einem Radweg nahe dem Hamburger Dammtorbahnhof, als der Beifahrer eines Transporters einen folgenschweren Fehler machte: Eine geöffnete Autotür, eine Sekunde, ein Aufprall – ein Menschenleben beendet. Am 6. Oktober erlag sie ihren Verletzungen. Ein sogenannter Dooring-Unfall – vermeidbar, wenn nur Vorsicht und Rücksicht gegolten hätten.
Ja, der Tod von Wanda Perdelwitz hätte verhindert werden können. Ja, er hätte verhindert werden müssen. Doch Gesetze und Rechtsverordnungen allein reichen dafür nicht. Paragraf 14 der Straßenverkehrsordnung mahnt ausdrücklich Sorgfalt beim Ein- und Aussteigen an – doch im Alltag fehlt das Bewusstsein für Sorgfalt oft. Wir ignorieren Vorsicht und Rücksicht, bis es wieder einmal zu spät ist.
Was müssen wir tun, um Dooring-Unfälle zu verhindern? Einzelmaßnahmen reichen nicht. Wir brauchen ein Gesamtpaket aus Infrastruktur, Technik, Kontrollen, Bildung – und persönlicher Verantwortung jedes Verkehrsteilnehmenden.
Türen nur mit holländischem Griff öffnen
Für Autofahrer bedeutet das konkret: Beim Überholen innerorts mindestens 1,5 Meter Abstand zu Radfahrern halten – und ganz besondere Vorsicht, wenn diese neben parkenden Autos fahren. Türen sollten ausschließlich mit dem „Holländischen Griff“ geöffnet werden – also mit der Hand, die der Autotür abgewandt ist, Schulterblick inklusive. Gesetze und Rechtsverordnungen sind kein Allheilmittel – doch der Holländische Griff gehört dringend in die Straßenverkehrsordnung.
Radfahrer sollten mindestens einen Meter Abstand zu parkenden Fahrzeugen halten, an Personen in parkenden Fahrzeugen besonders achtsam vorbeifahren und unbedingt einen Helm tragen. Allgemeinbildende Schulen und Fahrschulen müssen Dooring konsequent thematisieren. Optimalerweise sollte der Holländische Griff auch in die Fahrschüler-Ausbildungsordnung aufgenommen werden.
Städte müssen Radwege mindestens 1,85 Meter breit anlegen und zusätzlich mindestens 0,75 Meter Abstand zu Parkplätzen einhalten. Noch besser sind Radwege, die gar nicht erst an Parkplätzen entlangführen. Die Anzahl von Verkehrskontrollen – angekündigt und unangekündigt – muss deutlich steigen. Außerdem müssen Automobilhersteller Ausstiegswarner endlich serienmäßig in allen Fahrzeugen einbauen.
Grundlegende Gesetze werden missachtet
Nicht jede Maßnahme ist sofort oder überall umsetzbar, nicht jede bezahlbar. Nicht jede Straße lässt sich lückenlos kontrollieren, und kein noch so fortschrittliches Fahrzeug kann jede Gefahr erkennen. Doch der Tod von Wanda Perdelwitz, ebenso wie der Tod vieler anderer, die in diesem Augenblick, die morgen und übermorgen auf unseren Straßen sterben, ist mehr als die Summe einzelner Tragödien. Er zeigt die eklatante Missachtung grundlegender Gesetze zum Schutz des Lebens im Straßenverkehr.
Die gesellschaftliche Anteilnahme am Tod von Wanda Perdelwitz darf nicht bei Beileid stehenbleiben. Sie muss jetzt Handeln auslösen – in Infrastruktur, Technik, Kontrollen, Bildung und persönlicher Verantwortung. Vorsicht und Rücksicht im Straßenverkehr müssen die oberste Maxime unserer Mobilität werden, damit Leben und körperliche Unversehrtheit niemals wieder an einer Autotür enden.
Die Vision Zero – eine Welt ohne im Straßenverkehr getötete und schwerverletzte Menschen – muss Realität werden. Ich wiederhole: Vorsicht und Rücksicht – heute, jetzt, auf dem Weg zur Arbeit, auf jedem Weg. Im Lkw, im Pkw, auf dem Motorrad, auf dem Fahrrad, auf dem Roller und zu Fuß.
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