Mobilität in Deutschland : Ohne gendersensible Planung keine Verkehrswende
Eine rein zahlenorientierte Verkehrswende greift zu kurz: Sicherheit und Zugänglichkeit für alle – insbesondere Frauen – müssen systematisch mitgedacht werden. Unsichere und unattraktive Räume schließen ganze Gruppen von der Nutzung nachhaltiger Verkehrsmittel aus.
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Die Verkehrswende wird häufig in Zahlen gemessen: Anteil des Radverkehrs, Taktung im ÖPNV, CO2-Einsparungen. Doch übersehen wird dabei oft eine entscheidende Dimension: Sicherheit und Zugänglichkeit für alle Menschen. Insbesondere Frauen und alle Menschen, die sich als solche identifizieren, erleben den öffentlichen Raum oft anders – ihre Wegeketten sind komplexer, ihre Verkehrsmittelwahl vielfältiger, ihr Sicherheitsbedürfnis ausgeprägter. Wenn wir diese Perspektive in der Planung nicht systematisch berücksichtigen, bleibt die Verkehrswende auf der Strecke.
Unsere Studie zu weiblicher Mobilität in dem Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zeigt, dass gendersensible Planung keine Nische ist, sondern Grundbedingung für eine resiliente und zukunftsfähige Mobilitätspolitik. Im Kern machen die Ergebnisse deutlich, dass ohne die systematische Berücksichtigung subjektiver Sicherheit, sozialer Brauchbarkeit und inklusiver Gestaltung die Verkehrswende auf halber Strecke liegenbleibt.
Frauen legen ihre Alltagswege aufgrund struktureller Ungleichheiten wie geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und überproportional hoher Sorgeverpflichtungen häufiger in Form von „Wegeketten“ zurück: Kita, Arbeitsplatz, Einkäufe, Angehörige – meist zu Fuß, mit dem Rad oder im öffentlichen Verkehr.
Zusätzlich sind sie im öffentlichen Raum überdurchschnittlich häufig von Belästigung und Übergriffen betroffen, sodass Unsicherheiten einen zentralen Mobilitätsfaktor darstellen. Anders als beim direkten Pendeln mit dem Auto sind sie damit stärker auf sichere, barrierefreie und einladende Räume angewiesen. Fehlt diese Qualität, führt das nicht nur zu subjektiven Unsicherheiten, sondern auch zu realen Einschränkungen gesellschaftlicher Teilhabe.
Warum Sicherheit mehr ist als Unfallstatistik
Dabei ist wichtig zu bedenken, dass Maßnahmen, die Frauen zugutekommen, zielgruppenübergreifend wirken. Beleuchtung, Übersichtlichkeit, funktionierende Aufzüge oder sichere Übergänge helfen genauso älteren Menschen, Kindern, Menschen mit Behinderungen oder Personen mit Migrationsgeschichte. Gendersensible Planung bedeutet also nicht Sonderwege für eine einzelne Gruppe, sondern die Öffnung des öffentlichen Raums für alle.
Verkehrsplanung orientiert sich traditionell stark an objektiven Kriterien wie Unfallzahlen. Doch das greift zu kurz. Subjektive Sicherheit – also das Gefühl, sich gefahrlos bewegen zu können – entscheidet darüber, ob Menschen einen Ort nutzen oder meiden. Dunkle Unterführungen, enge Passagen oder leere Plätze mögen statistisch unauffällig sein, erzeugen aber Angst und führen zu Vermeidungsverhalten. Politik und Planung müssen daher konsequent beide Dimensionen zusammenführen.
Messbare Sicherheitsstandards und Unfallstatistiken sind notwendig, aber ohne den Einbezug subjektiver Wahrnehmungen bleiben sie unvollständig. Instrumente wie teilnehmende Beobachtungen, qualitative Kartierungswerkstätten oder partizipative Sicherheits-Audits sollten daher Standard in kommunalen Mobilitätsstrategien werden.
Die Ergebnisse unserer qualitativen Studie bestätigen dies: Straßen und Plätze dürfen nicht allein nach funktionalen Kriterien geplant werden. Orientierung können hier die sechs „immateriellen Ansprüche“ geben, die eine ganzheitliche Gestaltung öffentlicher Räume beschreiben:
- Soziale Brauchbarkeit: Verkehrsräume sollten Orte der Begegnung und des sozialen Austauschs ermöglichen.
- Orientierung: Eine klare und intuitive Gestaltung hilft, sich schnell zurechtzufinden.
- Identität: Der Raum sollte den lokalen Charakter widerspiegeln und Wiedererkennungswert haben.
- Identifikation: Menschen fühlen sich einem Raum verbunden, wenn er ihre Bedürfnisse widerspiegelt.
- Anregung: Vielfältige und ansprechende Gestaltungselemente fördern das Wohlbefinden.
- Schönheit: Ästhetik spielt eine entscheidende Rolle für die Akzeptanz und das Gefühl von Sicherheit.
Diese Kriterien sind keine „weichen“ Extras, sondern zentrale Faktoren für eine erfolgreiche Verkehrswende. Sie sind bereits im technischen Regelwerk der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen zur Straßenraumgestaltung enthalten und sollten in kommunalen Entscheidungsstrukturen verbindlich verankert werden. Straßenräume, die soziale Brauchbarkeit, Orientierung und Identität bieten, werden angenommen, sind belebt und erfahren soziale Kontrolle.
Damit entsteht ein öffentlicher Raum, der nicht nur Sicherheit vermittelt, sondern auch Vertrauen in die Nutzung nachhaltiger Verkehrsmittel schafft. Wer sich in Bus und Bahn oder auf dem Rad unsicher fühlt, wird diese Angebote meiden – unabhängig davon, wie gut das Netz ausgebaut ist. Gendersensible Planung bedeutet daher, die Grundlage dafür zu legen, dass die Verkehrswende überhaupt von allen mitgetragen werden kann.
Wie gendersensible Kriterien auf die Straßen gebracht werden
Doch in welcher Form lassen sich gendersensible Kriterien systematisch in kommunale Mobilitätsplanungen integrieren? Es reicht nicht, einzelne Leuchtturmprojekte umzusetzen – entscheidend ist eine verbindliche Verankerung in den Entscheidungsstrukturen von Planung und Politik. Nur so können subjektive Sicherheit, soziale Brauchbarkeit und inklusive Gestaltung vom Randthema zum festen Bestandteil kommunaler Entscheidungen werden. Drei zentrale Ansatzpunkte lassen sich dafür benennen:
1. Verbindliche Kriterien in Planungsprozesse aufnehmen
Kommunale Leitbilder und Mobilitätsstrategien sollten gendersensible Kriterien verpflichtend berücksichtigen. Dazu gehört, subjektive Sicherheit als gleichwertigen Indikator neben Unfallstatistiken zu etablieren. Unterstützen können dabei Instrumente wie regelmäßige Mobilitätsmonitorings oder verpflichtende Gender-Folgenabschätzungen in Verkehrsprojekten.
2. Partizipation zielgruppenspezifisch gestalten
Beteiligung darf nicht „one size fits all“ sein. Unterschiedliche Gruppen haben unterschiedliche Mobilitätsrealitäten. Deshalb braucht es Formate, die gezielt Frauen, Jugendliche, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen einbinden. Bewährt haben sich in der Praxis Methoden wie teilnehmende Beobachtungen in Form von Go-Alongs oder digitale Feedbackplattformen. So werden subjektive Perspektiven systematisch Teil des Planungswissens.
3. Sicherheit durch räumliche Gestaltung
Städte brauchen Straßenräume, die Aufenthaltsqualität mit Sicherheit verbinden. Das bedeutet: gute Beleuchtung, offene Sichtachsen, multifunktionale Nutzung statt monofunktionaler Transitflächen. Grünflächen, Sitzgelegenheiten und soziale Nutzung schaffen soziale Kontrolle und stärken das Sicherheitsgefühl. So entsteht ein öffentlicher Raum, der auch in Krisenzeiten tragfähig bleibt.
Zugang und Sicherheit als Voraussetzung für Wandel
Die Verkehrswende kann nur dann gelingen, wenn sie alle Menschen erreicht. Unsichere und unattraktive Räume schließen ganze Gruppen faktisch von der Nutzung nachhaltiger Verkehrsmittel aus. Wer dagegen auf inklusive, sichere und ansprechende Straßenräume setzt, stärkt nicht nur die gesellschaftliche Teilhabe, sondern reduziert auch die Abhängigkeit vom Auto. Eine Verkehrswende, die Frauen und andere bislang benachteiligte Gruppen nicht mitdenkt, bleibt unvollständig. Subjektive Sicherheit, soziale Brauchbarkeit und inklusive Gestaltung sind keine Nebenthemen, sondern zentrale Voraussetzungen für einen erfolgreichen Wandel.
Die gute Nachricht ist: Werkzeuge und Konzepte liegen längst vor. Was jetzt gebraucht wird, ist ihre konsequente Anwendung. Politik und Verwaltung sollten gendersensible Kriterien verbindlich in Mobilitätsgesetze, Verkehrsentwicklungspläne und Förderprogramme integrieren. Denn nur wenn subjektive Sicherheit und selbstbestimmte Mobilität systematisch berücksichtigt werden, entsteht eine Verkehrswende, die alle mitnimmt und so auch die notwendige gesellschaftliche Akzeptanz gewinnt. Gendersensible Planung ist damit nicht Ergänzung, sondern Kernstück einer Mobilitätspolitik, die fair, wirksam und zukunftsfähig ist.
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