Jugendschutz im Netz : Alterskontrollen sind der Anfang, nicht das Ende
In der Diskussion um effektiveren Jugendschutz Online rückt die Wirksamkeit von Altersüberprüfungstechnologien immer mehr in den Vordergrund. Nicht eine einzelne Methode, sondern nur ein mehrschichtiges System aus Authentifizierung und Altersschätzung kann langfristig zu einem sicheren System führen. Plattformen sollten ihr Wissen dazu unbedingt teilen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Weltweit erleben wir derzeit eine rasch wachsende Debatte darüber, wie junge Menschen im Internet am besten geschützt werden können. Australien und das Vereinigte Königreich haben Pläne angekündigt, Nutzern unter 16 Jahren die Nutzung sozialer Medien zu verbieten, wobei in Australien zur Durchsetzung der Zugangsbeschränkungen überwiegend auf Tools zur Altersschätzung gesetzt wird. Das ist eine deutliche Abkehr von den bisherigen, eher reaktiven Ansätzen der Plattformen.
Die Ankündigungen von Ursula von der Leyen vom April bezüglich der Einführung von Verifizierungs-Apps werden von Regierungen und in der Branche aufmerksam verfolgt. Die Vorschläge sehen vor, dass Nutzer ihr Alter einmalig mittels eines digitalen Ausweises verifizieren. Dieses System soll datenschutzfreundlich und praktikabel sein. Doch diese Systeme befinden sich noch in der Testphase und Fragen zur Wirksamkeit von einzelnen Überprüfungstechnologien rücken immer mehr in den Mittelpunkt.
Nehmen wir zum Beispiel die Altersschätzung. Kritiker haben schnell argumentiert, dass die Altersschätzung anhand des Gesichts zu viele Fehler liefert und entschlossene Personen nicht vollständig daran hindern kann, Wege zu finden, diese zu umgehen. Diese Bedenken müssen ernst genommen werden, doch sie übersehen die Unzulänglichkeit der derzeitigen Situation.
Herkömmliche Lösungen wie die Aufforderung an Nutzer, ihr Geburtsdatum anzugeben, oder ein Kontrollkästchen anzuklicken, sind deutlich weniger effektiv. Die Technologie zur Altersschätzung anhand des Gesichts, insbesondere in Verbindung mit ergänzenden Methoden, ist genauer als die Selbstangabe des Alters. Sie funktioniert bei Nutzern jeden Alters – anders als die Ausweisüberprüfung, die bei Kindern ohne amtlichen Ausweis scheitert – und erfordert keine oft langwierigen Bewertungszeiträume wie verhaltensbasierte Modelle.
Die Technologie ist nicht perfekt. In Tests des britischen „Age Check Certification Scheme“ konnten die Systeme, die wir einsetzen, bei Nutzern unter 18 Jahren im Durchschnitt eine Genauigkeit von ±1,4 Jahren erreichen. Entscheidend ist jedoch, dass große Abweichungen selten sind. Es ist beispielsweise höchst unwahrscheinlich, dass ein 13-Jähriger auf 23 Jahre geschätzt wird.
Auch das Risiko einer Umgehung lässt sich minimieren, wenn Plattformen die Altersüberprüfung oder -schätzung als globalen Standard einführen. Dann sinkt der Anreiz, ein VPN zu nutzen, um den eigenen Standort zu verschleiern, drastisch. Unvorhersehbares Nutzerverhalten (etwa Eltern, die ihr Alter für das Konto eines Kindes angeben) lässt sich durch Systeme abmildern, die eine Korrektur ermöglichen und alternative Verifizierungsmethoden anbieten. Ergänzt werden kann dies durch Verhaltenssignale, die dabei helfen, mögliche Unstimmigkeiten beim Alter einer Person zu erkennen und Nutzer zur erneuten Verifizierung aufzufordern, wenn ihr Verhalten nicht ihrem Alter entspricht.
Der Schutz der Privatsphäre muss zudem bei jedem Ansatz eine zentrale Rolle spielen. Durch „Privacy by Design“-Prinzipien (wie beispielsweise das Löschen von Gesichtsbildern nach der Verarbeitung) können Plattformen die von den Aufsichtsbehörden festgelegten hohen Standards erfüllen, ohne die Sicherheit der Nutzer zu beeinträchtigen.
Letztendlich kann keine einzelne Technologie ein Allheilmittel für die Online-Sicherheit sein. Ein mehrschichtiges Schutzsystem, bei dem jede Schicht darauf ausgelegt ist, Regelumgehungen zu erkennen, kann jedoch einen echten Unterschied machen.
Theorie in die Praxis umsetzen
Im Januar 2026 haben wir die Altersüberprüfung mittels Gesichtsalterschätzung zu einem grundlegenden Bestandteil der Funktionsweise von Roblox gemacht – damit sind wir weltweit die erste große Online-Plattform, die für den Zugriff auf Kommunikationsfunktionen eine Altersüberprüfung verlangt. Mehr als die Hälfte unserer täglich aktiven Nutzer hat diesen Vorgang bereits abgeschlossen. Wer dies noch nicht getan hat, kann auf der Plattform nicht chatten.
Doch die Altersüberprüfung für die Kommunikation war erst der Anfang. Im Juni haben wir „Roblox Kids“- und „Select“-Konten für Nutzer unter 16 Jahren eingeführt, die den Zugriff auf Inhalte, die Datenschutzeinstellungen und die Kommunikationsmöglichkeiten besser auf das Alter der Nutzer abstimmen. Außerdem arbeiten wir daran, unsere Altersfreigaben vollständig an die USK in Deutschland anzupassen.
Standards setzen, Wissen teilen, Verantwortlichkeit durchsetzen
Unsere Erfahrungen haben uns gelehrt, dass keine einzelne Plattform dieses Problem im Alleingang lösen kann. Der rechtliche Rahmen ist vorhanden: Der Digital Services Act verpflichtet Plattformen zur Umsetzung von Schutzmaßnahmen für Minderjährige. Was fehlt, ist ein branchenweites Bekenntnis, über das Minimum hinauszugehen. Drei Punkte sollten dabei im Fokus stehen:
- Klare Standards nach der Altersüberprüfung: Um die Fehlerquote bei den derzeitigen Methoden zur Altersschätzung zu verringern, sollten Authentifizierungsprüfungen zur branchenüblichen Praxis werden, wobei integrierte Sicherheitsvorkehrungen vorgesehen werden sollten, die es Eltern ermöglichen, mögliche Fehler zu korrigieren.
- Altersprüfungen können mehr als nur den Zugang ermöglichen: Viel zu oft werden sie als einzelne Zugangsbarriere betrachtet. Diese Technologie lässt sich intelligenter einsetzen, sodass Inhalte, Datenschutzeinstellungen und Kommunikation sich dem Alter des Nutzers anpassen – genau wie bei „Roblox Kids“ und „Roblox Select“.
- Wissensaustausch zwischen Plattformen fördern: Initiativen wie das „Lantern Project“ der Tech Coalition haben gezeigt, wie effektiv der Austausch von Ressourcen sein kann. Open-Source-Initiativen und branchenübergreifende Beteiligung müssen weiter gestärkt werden.
Gemeinsam müssen die Technologiebranche und die Regierungen weltweit über die Frage hinausgehen, ob eine Altersüberprüfung zum Schutz von Kindern im Internet notwendig ist. Es ist an der Zeit, den Fokus darauf zu legen, wie wir Systeme aufbauen, die auch lange nach der Gewährung oder Verweigerung des Zugangs wirksam bleiben. Roblox ist bereit, seinen Teil dazu beizutragen.
Eliza Jacobs ist Vice President Safety Product Policy bei der Online-Spieleplattform Roblox. Das Unternehmen hat seinen Sitz in San Mateo, Kalifornien.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden