Digitale Verwaltung : Deutschland-Stack: Zeit, das große Ganze zu sehen
Der Deutschland-Stack ist zur Projektionsfläche geworden: Unterschiedlichste Akteur:innen deuten den Stack aus ihrer jeweiligen Perspektive und ordnen ihre Projekte kurzerhand dem Stack zu. Doch so verwässern sie den eigentlichen Kern, schreibt Thilak Mahendran von der Agora Digitale Transformation. Eine präzise Definition muss her.
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„Die blinden Männer und der Elefant“ – so heißt eine alte indische Parabel. Sie erzählt von einer Gruppe blinder Menschen, die einen Elefanten ertasten. Der eine greift den Rüssel und hält ihn für eine Schlange, der nächste das Bein für einen Baum, ein Dritter das Ohr für ein Segel. Jeder beschreibt genau, was er fühlt – und liegt doch daneben, weil das Gesamtbild fehlt.
An diese Szene erinnern aktuell viele der Gespräche rund um den „Deutschland-Stack“. Politisch, medial und fachlich ist der Begriff zur Projektionsfläche geworden. Solange nicht klar ist, was genau darunter zu verstehen ist, bleibt die Debatte beliebig.
Unterschiedlichste Akteur:innen deuten den Stack aus ihrer jeweiligen Perspektive, ordnen bestehende Vorhaben kurzerhand darunter ein – und verwässern so den eigentlichen Kern. Statt Klarheit und Orientierung zu bieten, entsteht Verwirrung. Der erste Entwurf des Organigramms im Bundesdigitalministerium (BMDS) bringt dieses Dilemma auf den Punkt: Eine ganze Abteilung heißt „Deutschland-Stack“ – und spiegelt damit die thematische Überfrachtung des Begriffs wider.
Drei Säulen für den Stack
Ein Blick ins Ausland – aber auch in die Forschung – zeigt: In vielen anderen Staaten lässt sich längst beobachten, wie der „ganze Elefant“ aussieht. Erfolgreiche digitale Staaten wie Dänemark, Norwegen, Großbritannien, Singapur oder Indien setzen nicht auf beliebige Komponentenansammlungen, sondern auf einen klar strukturierten Stack – als technische Basisschicht unterhalb der Fachanwendungen.
Im Zentrum stehen drei Säulen:
- Vertrauensdienste ermöglichen es, sich digital eindeutig und rechtssicher auszuweisen – und stellen sicher, dass auch digitale Mitteilungen tatsächlich von einer Behörde stammen (zum Beispiel digitale Identitäten, Signaturlösungen).
- Interaktionsdienste machen digitale Verwaltung im Alltag nutzbar – sie ermöglichen Zahlungen, Benachrichtigungen oder Rückfragen, direkt und ohne Umwege (zum Beispiel E-Payment-Systeme, Benachrichtigungsinfrastruktur).
- Datendienste schaffen die technische Grundlage dafür, dass Informationen sicher und strukturiert zwischen Systemen fließen (zum Beispiel Transportinfrastrukturen).
Diese Ordnung folgt einem simplen Prinzip aus der Unix-Philosophie: „Mache nur eine Sache – und mache sie gut.“ Ein Prinzip, das digital erfolgreiche Staaten verinnerlicht haben. Sie setzen auf wenige, saubere Kernbausteine, vermeiden Redundanzen, standardisieren und sichern dauerhafte Betriebsfähigkeit. Fachanwendungen docken oberhalb an – föderale Eigenheiten bleiben möglich. Dabei ist zentral, was häufig übersehen wird: Stack ist nicht gleich Architektur. Der Stack beschreibt die wiederverwendbaren Komponenten – die Architektur dagegen regelt ihr Zusammenspiel.
Auf bestehenden Ansätzen aufbauen
Die gute Nachricht: Deutschland steht nicht bei null. Viele dieser Dienste existieren bereits – Deutschland-ID, E-Pay-BL, Fit-Connect oder Elster übernehmen zentrale infrastrukturelle Aufgaben. Auch strukturell gibt es eine Grundlage: Im Rahmen der föderalen Digitalstrategie wird derzeit eine Deutschland-Architektur entwickelt, die das Zusammenspiel zwischen Bund, Ländern und Kommunen ordnet – und dabei bewusst auf bestehenden Ansätzen aufbaut.
Doch: Der Entwicklungsstand der bestehenden Dienste ist heterogen. Technische Reife, Betriebssicherheit und Nutzungsfreundlichkeit unterscheiden sich teils erheblich. Eine übergreifende Strategie zur Weiterentwicklung und zur föderalen Einbindung fehlt bislang. Genau hier beginnt das Problem. Denn solange keine Grundgesetzänderung in Sicht ist – und die politischen Mehrheiten sprechen derzeit nicht dafür –, lässt sich Nachnutzung in der Breite nicht verordnen, sondern nur freiwillig erreichen.
Was daraus folgt, ist ein harter Maßstab: Der Deutschland-Stack muss so gut sein, dass Länder und Kommunen ihn freiwillig integrieren – weil es einfacher, wirtschaftlicher und nachhaltiger ist, ihn zu nutzen, als ihn zu ignorieren. Qualität ersetzt Verbindlichkeit. Das bedeutet: hohe technische Qualität, klare Schnittstellen, verlässlicher Betrieb und transparente Weiterentwicklung.
Was ist jetzt zu tun?
- Erstens braucht es eine präzise, disziplinierte Definition des Deutschland-Stacks. Die drei Säulen – Vertrauensdienste, Interaktionsdienste und Datendienste – müssen als Kernbestandteile benannt werden. Nur so gelingt die Trennung zur Anwendungsebene. Und nur so entsteht die nötige Fokussierung auf das Wesentliche – als Voraussetzung für den zweiten Schritt: eine klare Priorisierung der Weiterentwicklung.
- Zweitens muss das BMDS den nächsten Schritt gehen und alle zentralen Akteure an einen Tisch bringen, um die Basisdienste gemeinsam voranzutreiben. Ziel ist es, zentrale Dienste technisch zu ertüchtigen, klare Schnittstellen zu schaffen, benutzerfreundliche Zugänge bereitzustellen, sicherheitsrelevante Schwachstellen zu beheben und nachvollziehbare Entwicklungspläne vorzulegen. Diese Weiterentwicklung darf jedoch nicht isoliert erfolgen, sondern muss eng mit der Ausarbeitung der Deutschland-Architektur abgestimmt sein, die das Zusammenspiel zwischen Bund und Ländern regelt.
- Drittens muss der Stack mittelfristig interföderal verankert werden. Er braucht stabile Zuständigkeiten, ein langfristiges Betriebsmodell und eine koordinierte Weiterentwicklung. Als Produkt des IT-Planungsrats – mit der Fitko im operativen Produktmanagement – kann der Stack genau das leisten, wofür diese föderalen Strukturen geschaffen wurden: Komponenten identifizieren, die vor die föderale Klammer gezogen werden müssen, um digitale Verwaltung gemeinsam, arbeitsteilig und flächendeckend zu ermöglichen. Diese Verankerung wird jedoch Zeit brauchen. Umso wichtiger ist es, dass das Digitalministerium jetzt vorangeht – als Taktgeber, als Treiber, als erstes Lieferteam.
Der Deutschland-Stack muss als technisches Fundament gedacht werden – nicht als neue politische Etikette. Er darf nicht zum Sammelbecken diverser Wunschlisten werden. Nicht alles, was digital ist, gehört in den Stack. Aber alles, was in den Stack gehört, muss höchste digitale Qualität liefern. Zeit, den ganzen Elefanten zu sehen.
Thilak Mahendran ist bei der Agora Digitale Transformation für das Thema digitales Regierungshandeln zuständig. Sein neues Papier zum Deutschland-Stack und „Government as a Platform“ wird am heutigen Montag hier veröffentlicht.
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