KI-Standort Deutschland : Es braucht keine eigenen Modelle, sondern mehr Anwendung
Deutschland führe die falsche KI-Debatte, ist Fabian Ulitzka überzeugt. Wir diskutieren Rechenzentren, nationale Modellprojekte und Regulierung, als könnten wir den Wettlauf um Foundation Models noch gewinnen, sagt er. Dabei liege unsere Zukunftsfähigkeit in der Anwendung.
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Wenn wir vom „KI-Standort Deutschland“ sprechen, vermischen wir zwei unterschiedliche Ebenen: erstens die Entwicklung eigener KI-Technologie – also Modelle, Chips, Infrastruktur – und zweitens die Fähigkeit, vorhandene KI-Technologie produktiv zu integrieren und zu nutzen.
Der technologische Vorsprung der großen Plattform-Ökosysteme ist heute ein Kapital- und Skalenspiel. Big-Tech-Konzerne planen im Jahr 2026 Investitionen von über 700 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur. Zum Vergleich: Das entspricht mehr als dem gesamten nominalen Bruttoinlandsprodukt Schwedens im Jahr 2025. Mit solchen Summen baut man nicht nur Modelle, sondern komplette Wertschöpfungsketten. Die Vorstellung, Deutschland könne in absehbarer Zeit ein gleichwertiges Gegenmodell zu den US-Plattformen aufbauen, ist politisch attraktiv, aber ökonomisch unrealistisch.
Unsere strategische Option liegt nicht im technologischen Aufholen, sondern im intelligenten Nutzen. Hier entscheidet sich unsere Wettbewerbsfähigkeit. Denn wir werden nicht das nächste große Modell liefern. Aber wir können entscheiden, ob wir die vorhandenen Modelle wirksam in unsere Wertschöpfung übersetzen oder ob wir Lizenznehmer bleiben, die hohe Kosten tragen und wenig Nutzen sehen.
Förderpolitik: Viel Geld, falsche Mechanik
Deutschland hat keine „Null-Förderung“. Im Gegenteil: Es gibt Programme, Töpfe, Initiativen. Das Problem ist die Mechanik. Sie ist oftmals sehr schwerfällig, zu fragmentiert und zu bürokratisch. Wer schnell handeln will, muss sich zunächst durch Anträge, Kategorien und Zuständigkeiten kämpfen.
Wir lenken Förderung häufig dorthin, wo sie politisch gut aussieht, nicht aber zwingend dorthin, wo sie produktiv wirkt. Beispielhaft genannt sei das Thema Weiterbildung: Viel Geld fließt in individuelle Förderung, wenn Menschen bereits aus dem Arbeitsmarkt herausfallen. Das ist zu spät. Wir brauchen Breitenwissen vor dem Bruch: in der arbeitenden Bevölkerung, in Unternehmen, in Ausbildung, in Schulen, als pragmatische Befähigung mit unmittelbarem Effekt.
Regulierung: Oft der perfekte Vorwand
In der Praxis wird Regulierung oft zum Argument für Stillstand: „Das geht nicht – Datenschutz – zu kompliziert.“ Regulierung wird damit zur Begründung für Zurückhaltung. Dabei kann gerade die DSGVO ein Standortfaktor sein, etwa mit Blick auf IT-Sicherheit, Schutz geistigen Eigentums und Vertrauen. In einer datengetriebenen Ökonomie sind das strategische Vorteile.
Entscheidend ist, ob diese Regulierung Unternehmen handlungsfähig macht. Zwischen abstrakter Norm und praktischer Umsetzung klafft in vielen Organisationen eine Lücke. Unternehmen wissen häufig nicht, was konkret möglich ist.
Was fehlt, sind klare, praxisnahe Antworten:
- Wie kann KI rechtskonform in Geschäftsprozesse integriert werden?
- Welche Daten dürfen in welchem Kontext genutzt werden?
- Welche Governance-Strukturen sind angemessen, ohne Innovation zu blockieren?
Ohne diese Übersetzung bleibt Regulierung ein Unsicherheitsfaktor, während andere Länder schlicht ausprobieren, scheitern, lernen und skalieren. Mit ihr könnte sie zu einem echten Wettbewerbsvorteil werden.
Risikoaversion ist der Standortnachteil, nicht Technik
Der härteste KI-Nachteil Deutschlands ist nicht Infrastruktur. Es ist Risikokultur. Wir sind gut im Perfektionieren, oft aber schlecht im Probieren. Wir belohnen Fehlervermeidung, nicht Lernkurven. Je größer die Unsicherheit ist, desto weniger wird darum umgesetzt.
Genau deshalb wird KI in der Praxis zum Führungsthema: Wer KI nur in die IT delegiert, bekommt Tools. Wer KI als Organisationsentwicklung begreift, bekommt Wirkung.
Der Engpass ist nicht Rechenleistung, sondern Organisation
Auf Anwendungsebene ist KI keine klassische IT-Einführung. Viele Unternehmen behandeln sie aber so: Tool einkaufen, ein paar Trainings, Projekt abschließen – fertig. Das ist das alte Technologiemindset der letzten Jahrzehnte: Knopf drücken, Ergebnis erwarten.
Doch KI funktioniert anders. Sie ist eine Enablement-Technologie. Ihr Nutzen entsteht nicht „nach Rollout“, sondern durch Integration in Prozesse und durch die Fähigkeit der Menschen, sie verantwortungsvoll zu nutzen. Wenn KI abstrakt bleibt, produziert sie vor allem eines: Ausreden. „Dürfen wir nicht.“ „Zu riskant.“ „Datenschutz.“ „Noch kein Use Case.“ Ergebnis: Es wird getestet, dann folgt Stillstand. Unternehmen investieren zwar, aber die Wirkung bleibt aus, nicht wegen Technologie, sondern wegen fehlender struktureller Umsetzung und fehlender organisatorischer Wandlungsfähigkeit.
Drei Aufgaben, die jetzt entscheiden
- Anwendung vor Symbolpolitik.
Kein Fokus auf „wir bauen das nächste Modell“, sondern auf produktive Nutzung in Industrie, Mittelstand und (öffentliche) Verwaltung: Prozessintegration, Standards, Beschaffung, Skalierung. Gerade in der öffentlichen Verwaltung ist das Transformationspotenzial mit Blick auf Produktivität und Effizienz besonders groß. - Regulatorische Klarheit für die Anwendungsebene.
DSGVO und EU-Regeln so operationalisieren, dass Unternehmen wissen, was sie tun können, inklusive Muster-Governance, Datenklassifizierung und Audit-Standards. - Breitenkompetenz als nationale Infrastruktur behandeln.
KI-Kompetenz muss so selbstverständlich werden wie Office-Kenntnisse – in Ausbildung, Umschulung, Verwaltung, Betrieben: schnell, niedrigschwellig, wirksam.
Warum das mehr ist als Wirtschaftspolitik
KI wird nicht nur Jobs verändern, sondern die Produktivitätsschere öffnen. Menschen, die KI souverän nutzen, werden ein Vielfaches leisten können. Wer das nicht kann, wird abgehängt. Das ist nicht nur ein Unternehmensproblem. Es ist ein sozialer Sprengsatz.
Demografie und Fachkräftemangel zwingen Deutschland zu mehr Produktivität. KI kann das leisten, aber nur, wenn wir sie in die Breite bringen, statt sie in Pilotprojekten zu parken.
Die entscheidende Standortfrage lautet daher nicht, ob wir KI entwickeln können, sondern ob es uns gelingt, Gesellschaft und Wirtschaft KI-fähig zu machen.
Fabian Ulitzka ist Geschäftsführer von Faive, einer Marke der internationalen Cosmo-5-Gruppe. Er unterstützt Unternehmen beim KI-Einsatz und greift dabei etwa auf KI-basierte Performance-Marketing-Prozesse zurück.
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