Deutsche Rechenzentrumsstrategie : So gelingt der Bau-Turbo für Rechenzentren
Die deutsche Rechenzentrumsstrategie könnte zum „Bau-Turbo“ für eine digitalisierte Wirtschaft werden, glaubt Luka Kim von Vantage Data Centers. Was sich dafür beim Thema Planungs- und Genehmigungsverfahren ändern muss, schreibt er im Standpunkt.
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Selten war das Momentum für einen echten digitalen Durchbruch in Deutschland so groß wie heute. Der Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD, der die enorme Bedeutung von Rechenzentren hervorhebt und die Einrichtung eines eigenen Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung ermöglichte, hat ein international sichtbares Signal gesetzt: Es besteht ein klarer politischer Wille, Deutschland zu einem digitalen Leuchtturm in Europa zu machen und seine digitale Souveränität zu stärken.
Deutschland hat vor kurzem den Konsultationsprozess für eine Rechenzentrumsstrategie eingeleitet, die von der Branche lange gefordert wurde (Tagesspiegel Background berichtete).
Ohne Rechenzentren keine KI-Kapazitäten
Die Geschwindigkeit beim Neubau, die Stromversorgung sowie wettbewerbsfähige Preise sind die wichtigsten Faktoren für die Ansiedlung und Sicherung von Rechenzentren – insbesondere für Investitionen im Bereich KI. Während beispielsweise traditionelle Cloud-Anbieter die Bereitstellung neuer Kapazitäten in der Regel über einen Zeitraum von mehreren Jahren planen, benötigen KI-Anbieter diese innerhalb von nur 12 bis 18 Monaten. Die derzeitigen Planungs- und Genehmigungsverfahren in Deutschland machen es praktisch unmöglich, diese Erwartungen und Zeitpläne zu erfüllen. Das gefährdet Deutschlands Ambitionen einer Führungsrolle im Bereich KI und seine digitale Wettbewerbsfähigkeit.
Deswegen muss der Fokus auf der schnellen und effektiven Umsetzung der richtigen Reformen liegen. Gemeinsam mit dem Bitkom haben wir einen Aktionsplan entwickelt, um ins Handeln zu kommen. Dort geht es um die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren und dem Abbau von Bürokratie – dem zentralen Hindernis für die Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsattraktivität Deutschlands. Mit einem Bau-Turbo für Rechenzentren können wir die Wettbewerbsfähigkeit und das Wirtschaftswachstum in Deutschland stärken.
Rechenzentren als Rückgrat der digitalen Transformation
Ein Blick auf die Zahlen: Rechenzentren sind ein oft unterschätzter, aber hochrelevanter Wirtschaftsfaktor in Deutschland. Sie schaffen bereits heute mehr als 200.000 Arbeitsplätze. Laut dem IW Köln ermöglichen Rechenzentren durch indirekte „Spillover-Effekte“ eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von rund 250 Milliarden Euro für die deutsche Wirtschaft. Allein KI könnte laut derselben Studie zu einem Produktivitätswachstum von 1,3 Prozent pro Jahr in Deutschland führen. Rechenzentren sind ein wichtiger Wegbereiter für die digitale Souveränität Deutschlands.
Leider zeigen internationale Vergleiche, dass der Anteil Deutschlands an der globalen IT-Kapazität laut Bitkom von 3,5 Prozent im Jahr 2015 auf nur noch 2,5 Prozent im Jahr 2024 gesunken ist, während die USA und China ihre Kapazitäten massiv ausbauen. Darunter befindet sich auch der kürzlich angekündigte 1,4 Gigawatt KI-Megacampus von Vantage Data Centers in Texas, der Investitionen in Höhe von über 20 Milliarden Euro und Tausende von Arbeitsplätzen mit sich bringen wird.
Eine Studie von Deloitte schätzt, dass bis 2030 in Deutschland Investitionen in Höhe von bis zu 60 Milliarden Euro erforderlich sein werden, um eine erwartete Kapazitätslücke von 1,4 GW zu schließen.
Wo es in der Praxis hakt
Derzeit kommt es regelmäßig dazu, dass Unterlagen nachträglich angefragt werden und sich Verfahren so verzögern. Auch werden gesetzliche (Bau-)bestimmungen unterschiedlich ausgelegt. Jede technische und bauliche Änderung kostet aber Zeit und Geld.
Helfen würde:
- Ein Fast-Track Verfahren für Bebauungspläne.
- Eine verbindliche Checkliste für erforderliche Unterlagen zur Antragsvollständigkeit, eine „Vollständigkeitsfiktion” und feste Entscheidungsfristen für Behörden.
- Eine Bindungswirkung für einmal getroffene behördliche Entscheidungen, in deren Rahmen einmal akzeptierte Auslegungen auch in nachfolgende Verfahren für dasselbe Projekt Bestand haben.
- Die Möglichkeit zur Einschaltung von Projektmanagern als Helfer der Verwaltung auf Kosten des Antragstellers, wenn behördliche Kapazitäten nicht ausreichen.
Momentan gibt es keine speziell auf Rechenzentren zugeschnittenen gesetzlichen Standards. Daher werden allgemeine Vorschriften aus anderen Bereichen angewandt, die nicht immer zweckmäßig sind. Daher sollten die bisherigen Anforderungen überprüft und ausschließlich unabdingbare Regelungen beibehalten werden.
Heute gibt es keinen ausreichenden Bestandsschutz für einzelne Bestandteile von Genehmigungen. Nachträgliche Anträge für geringfügige Änderungen können zu einer vollständigen Überprüfung der gesamten Genehmigungsunterlagen führen, einschließlich von Abschnitten, die nicht Teil des Änderungsantrages sind und bereits genehmigt wurden.
Folglich birgt jede neue Chipgeneration in Rechenzentren das Risiko von Verzögerungen und erneuten Genehmigungsschleifen. Das hemmt Innovationen. Besser wäre es, wenn zuvor genehmigte Elemente grundsätzlich geschützt bleiben und keiner Neubewertung unterzogen werden, sofern sie nicht direkt von der Änderung betroffen sind.
Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen zusätzlich für die kontinuierliche technologische Entwicklung der KI zukunftsfest gemacht werden. Die Rechenleistung pro Rack wird voraussichtlich von heute maximal 120 kW auf 600 kW im Jahr 2027 steigen. Diese Sprünge verändern das physische Anforderungsprofil und Design von Rechenzentren. Die Verfahren müssen diese kontinuierlichen Fortschritte mitdenken und ermöglichen.
Auch sollte der gesamte Planungs- und Genehmigungsprozesses auf potenzielle Hindernisse für KI-gesteuerte Anforderungen überprüft werden.
Von Worten zu Taten
In Deutschland dauern Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich länger als im EU-Durchschnitt. Mit den oben genannten Prioritäten ist eine Wende möglich. Jetzt ist es an der Zeit für mutige, pragmatische und wirksame Reformen. Dies wird nicht nur die dringend benötigte Beschleunigung und Planungssicherheit schaffen, sondern Deutschland außerdem zu einem Magneten für Investitionen in die digitale Infrastruktur machen.
Die Branche steht bereit: Milliardeninvestitionen und immense internationale Innovationskraft warten darauf, Deutschlands digitale Transformation zu stärken. Dafür steht unser bevorstehender Aktionsplan. Die Bundesregierung hat das Momentum auf ihrer Seite und kann auch bei Rechenzentren dafür sorgen, dass „die Bagger wieder rollen“.
Luka Kim ist Leiter Public Policy von Vantage Data Centers in Deutschland.
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