Digitale Transformation im Land : Wie Deutschland den KI-Graben zwischen Ost und West schließen kann
Im aktuellen „Eco Branchenmonitor Internetwirtschaft“ finden sich signifikante Unterschiede in der Nutzung von KI zwischen Ost- und Westdeutschland. Bei der Aufgabe der digitalen Transformation Deutschlands wird diese Entwicklung von besonderem Interesse sein, da sie tief in die Fragen von digitaler Ungleichheit und wirtschaftlicher Teilhabe eingreift.
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Die digitale Transformation ist nicht nur technologischer Wandel, sondern auch wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prüfstein für den Zusammenhalt unseres Landes. Laut der Umfrage Eco-Branchenpuls nutzen in Westdeutschland rund 71 Prozent der Unternehmen bereits Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz (KI), im Osten nur etwa 52 Prozent. Dieser digitale Graben hat komplexere Ursachen als fehlende Technologie.
Der Rückstand bei KI ist vor allem strukturell bedingt: kleinere Unternehmen, kleinteiligere Wirtschaftsstrukturen, dünnere Kapitaldecken, schlechter ausgebaute digitale Infrastrukturen und ein Mangel an Fachkräften. Das ist kein Naturgesetz, sondern ein klarer wirtschaftspolitischer Handlungsauftrag.
Regionale Unterschiede sind kein Schicksal
Den digitalen Rückstand strukturschwächerer Regionen kurzfristig zu überwinden, ist unrealistisch, mittelfristig jedoch machbar. Dafür braucht es einen differenzierten Ansatz des Bundes in Abstimmung mit Ländern und Kommunen bei Fachkräftegewinnung, Gigabitinfrastruktur und Rechenzentrumsansiedlung, der auch strukturschwache Regionen einbezieht. Die im Koalitionsvertrag verankerte Förderung von Rechenzentren, insbesondere in Ostdeutschland, ist ein wichtiger Schritt. Jetzt müssen Förderprogramme so gestaltet werden, dass mittelständische Unternehmen im Osten einfachen Zugang zu Beratung, Schulung und Technologie erhalten – ohne zusätzliche Bürokratie. Digitaler Fortschritt darf keine Standortfrage sein.
Zweitens gilt es, den Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Start-ups in Ostdeutschland deutlich zu intensivieren. Die CHE-Studie „TransForM“ (2025) zeigt: Mehr als die Hälfte der Hochschulmanager:innen nutzt Forschungsergebnisse kaum, weil geeignete Austauschformate fehlen. In strukturschwachen Regionen verschärft die geringe Dichte an Transferstrukturen dieses Defizit. KI‑Labore, Reallabore und Digital Hubs können hier zu echten Schrittmachern werden.
Rechtsrahmen ohne Richtung: Unternehmen in der Warteschleife
Ein zentrales Hemmnis für den Einsatz von KI bleibt die Rechtsunsicherheit. Laut dem Branchenmonitor Internetwirtschaft nennen 41 Prozent der IT-Entscheiderinnen und -Entscheider die unklare Rechtslage als größte Hürde, noch vor Sicherheitsbedenken mit 40 Prozent und fehlendem Know-how mit 30 Prozent. Ein Jahr nach Inkrafttreten des AI Act ist vielerorts nicht Zuversicht, sondern Verunsicherung zu spüren.
Der AI Act gilt, doch seine praktische Umsetzung ist unklar (Tagesspiegel Background berichtete). Es fehlen eindeutige behördliche Zuständigkeiten, praxisnahe Leitlinien und eine Verzahnung mit bestehendem Recht wie der Datenschutzgrundverordnung oder dem Digital Services Act. Unternehmen wissen oft nicht, welche Pflichten bereits gelten, welche noch kommen und wie sie sich vorbereiten sollen. Diese Unsicherheit bremst Innovationen und schwächt Deutschland.
Als Verband plädieren wir deshalb ausdrücklich dafür, auch eine Aussetzung einzelner nationaler KI-Regelungen offen zu diskutieren, solange zentrale Standards, Leitlinien und Zuständigkeiten fehlen oder unklar sind. Denn Regulierung darf kein Selbstzweck sein – sie muss Innovation ermöglichen, nicht blockieren.
Ressourcen bündeln, Kompetenzen stärken
Noch ist unklar, wie sich deutsche Unternehmen im Rennen um eine nationale KI-Gigafactory positionieren (Tagesspiegel Background berichtete). Diese Unentschlossenheit zeigt ein Kernproblem: fehlende strategische Bündelungskraft. Ohne klar definierte Herausforderungen und koordinierte Lösungen werden deutsche und europäische Unternehmen im globalen Wettbewerb an Skaleneffekten anderer Volkswirtschaften scheitern.
Besonders strukturschwächere Regionen wie Ostdeutschland könnten von Infrastrukturprojekten dieser Größenordnung profitieren – vorausgesetzt, sie werden als nationale Zukunftsinvestitionen geplant. Das Beispiel Silicon Saxony zeigt: Mit politischer Unterstützung und Milliardeninvestitionen können solche Regionen zu einem international attraktiven KI- und Halbleiterstandort werden.
Fünf Thesen für einen digitalen Aufbruch in Ostdeutschland
Für den digitalen Aufbruch braucht es fünf Dinge:
- Regionale Differenzierung: Förderprogramme sollten gezielt auf Infrastruktur, Beratung und Weiterbildung in strukturschwachen Regionen ausgerichtet sein, besonders für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU).
- KI-Hubs vor Ort: Kompetenzzentren sollten bewusst in schwächeren Regionen aufgebaut werden, um Know-how, Geschäftsmodelle und Praxistransfer zu fördern.
- Rechtsklarheit schaffen: Deutschland sollte den AI Act zügig und praxisnah umsetzen, Ansprechpartner und Standards benennen und dazu eventuell nationale Regeln außer Kraft setzen.
- Bildung stärken: Schulungen für Fach- und Führungskräfte sollten gefördert und leicht zugänglich werden, ihr Inhalt sollte sich am AI Act ausrichten.
- Gemeinschaftsaufgabe: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft müssen sich enger vernetzen, zum Beispiel in Reallaboren und regionalen Innovationsclustern.
Handlungsfähigkeit ist Ultima Ratio
Mit dem AI Act hat die Europäische Union einen ambitionierten Ordnungsrahmen geschaffen – doch er steht und fällt mit seiner praktischen Umsetzbarkeit. Deutschland darf nicht der Ort sein, an dem große europäische Ideen scheitern. Jetzt braucht es Klarheit, Verbindlichkeit und den politischen Willen, KI nicht nur zu regulieren, sondern zu ermöglichen.
Wer die Unterschiede zwischen Ost und West ignoriert, riskiert nicht nur ein regionales Gefälle, sondern eine digitale Spaltung, die den Fortschritt insgesamt bremst. Zielgerichtete Investitionen, Vertrauen durch Aus- und Weiterbildung sowie verständliche, praxisnahe Regeln können dagegen dafür sorgen, dass Deutschland im KI‑Zeitalter zusammenwächst – und gemeinsam international besteht.
Alexander Rabe verantwortet in seiner Funktion des Geschäftsführers seit 2018 die strategisch-inhaltliche, politische als auch kommunikative Positionierung des Eco-Verbandes der Internetwirtschaft an den Standorten Berlin, Brüssel und Köln. Alexander Rabe ist offizielles Mitglied im Digitalbeirat Digitalstrategie Deutschland beim Bundesminister für Digitales und Verkehr (BMDV). gewähltes Mitglied im Präsidium der Gesellschaft für Informatik e.V.
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