Digitale Infrastruktur : Zugang zu unbeschalteter Glasfaser ist der Schlüssel
Deutschland modernisiert sein Telekommunikationsrecht. Doch beim Glasfaserzugang hakt es bislang weiter, findet Frank Rosenberger, Vorsitzender der Geschäftsführung von 1&1 Versatel. Gerade Unternehmen brauchen mehr als schnelles Internet. Um die Wünsche der Wirtschaft erfüllen zu können, benötigen Netzbetreiber regulierte Zugänge, Dark Fiber und klare Standards.
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Die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft nimmt weiter Fahrt auf. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) hat im Januar ein Konzept vorgelegt, das den Übergang von Kupfer- zu Glasfasernetzen regeln soll, sowie explizite Vorschläge für den regulierten Netzzugang im Geschäftskundenmarkt gemacht. Parallel arbeitet das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) an einer Novelle des Telekommunikationsgesetzes (TKG). Ziel ist es, faire Zugangsbedingungen und einen beschleunigten Glasfaserausbau zu ermöglichen.
All das birgt große Chancen: langfristig stabile, leistungsfähige Netze mit erhöhtem Sicherheitsniveau und neue innovative Geschäftsmöglichkeiten. Doch diese werden wir als Gesellschaft nur nutzen können, wenn der Netzzugang konsequent, flächendeckend und verbindlich geregelt wird.
Der Mittelstand braucht mehr als schnelles Internet
Dieser darf sich nicht allein auf freiwilligen Zugang zum Netz (Open-Access-Modelle) stützen, sondern muss durch einen regulierten, nachfragegerechten Zugang für alle Telekommunikationsanbieter ergänzt werden. Wenn wir über Glasfaserausbau sprechen, denken viele zunächst an Privathaushalte. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen haben aber zusätzliche Anforderungen.
Industriebetriebe mit vernetzter Produktion, Handelsunternehmen mit Hunderten Filialen bundesweit, Behörden, Schulen oder Krankenhäuser – sie alle benötigen nicht nur schnelle, sondern vor allem zuverlässige, sichere und individuell konfigurierbare Anbindungen. In einigen Fällen solche, die ihre Standorte effizient miteinander vernetzen.
Diese Kunden benötigen sogenannte Service Level Agreements (SLAs) – also vertragliche Garantien für Hochverfügbarkeit und schnelle Störungsbehebung. Wird eine Netzverfügbarkeit von mindestens 99,99 Prozent festgehalten, darf das Netz maximal 52 Minuten pro Jahr ausfallen.
Kritis-Unternehmen haben noch speziellere Anforderungen. Für sie sind redundante Verbindungen entscheidend, um Ausfälle bei Störungen oder Angriffen abzufedern. Außerdem gelten erhöhte Sicherheitsstandards, inklusive eigener Verschlüsselung, durchgängiger Kontrolle der Datenströme und strenger Compliance-Anforderungen. Die schwache Zugangsregulierung der BNetzA („Regulierung light“) im Zusammenhang mit Geschäftskunden wird diesen hohen Anforderungen nicht gerecht.
Hoheit über Glasfaserinfrastruktur erhöht die Sicherheit
Die Debatte rund um die digitale Souveränität Europas konzentriert sich zumeist auf Cloud-Dienste und Software. Doch die physische Glasfaserinfrastruktur ist das Fundament, auf dem alles aufbaut. Zwar existieren bereits viele Kooperationen auf Basis von Bitstream. Dabei überlässt ein Netzbetreiber einem anderen Anbieter einen bereits aktiv betriebenen und vorkonfigurierten Datenanschluss als Vorleistungsprodukt.
Servicequalität und Sicherheit können Diensteanbieter ihren Kunden jedoch nur dann vollständig garantieren, wenn sie auch Zugang zur unbeschalteten Glasfaser (Dark Fiber) haben. Nur so sind eigene Verschlüsselungstechnologien, redundante Routen und eine durchgängige Kontrolle der Datenübertragung möglich.
EU zeigt, wie es besser geht
Der Blick über die Landesgrenzen zeigt, dass es auch anders geht. In der Schweiz, in Frankreich und in skandinavischen Ländern ist der Zugang zur unbeschalteten Glasfaser längst Standard. Dort stellen Infrastrukturbetreiber passive Infrastruktur über zentrale Plattformen zur Mitnutzung bereit. Das Ergebnis: höhere Akzeptanz, bessere Take-up-Raten und ein beschleunigter Netzausbau. Weiterhin werden Wettbewerbsverzerrungen reduziert, da die Wertschöpfung nicht allein beim jeweils vor Ort ausbauenden Anbieter konzentriert ist, sondern breiter verteilt erfolgt.
Deutschland bleibt bislang hinter seinen Möglichkeiten zurück. Nicht weil die Technik fehlt, sondern weil Zugang und Standardisierung defizitär sind. Während anderswo der Wettbewerb auf der Leitung statt im Tiefbau stattfindet – was ineffizienten Doppelausbau und unnötige Kosten zugunsten von Mitnutzung vermeidet – blockieren hierzulande exklusive Nutzungsregelungen den Fortschritt.
Das Eckpunktepapier der BNetzA weist in die richtige Richtung
Das jüngste Eckpunktepapier der BNetzA für den Geschäftskundenmarkt ist ein wichtiger Schritt. Wir unterstützen die klare Ausrichtung auf Wahlfreiheit, Dienstevielfalt und umfassenden Netzzugang durch nachhaltige Wettbewerbsstrukturen.
Vor allem aus Sicht der Wirtschaft braucht Deutschland einen verpflichtenden, diskriminierungsfreien Zugang zur unbeschalteten Glasfaser, aber auch zu aktiven Vorleistungsprodukten. Wir brauchen dringend regulierte Entgelte und Standardisierung, denn der Aufwand für Zugangsanfragen ist heute unverhältnismäßig hoch. Einheitliche, digitale Bestellprozesse wären ein enormer Fortschritt. Die Entgelte sollten sich dabei an normalen Wettbewerbskonditionen orientieren.
Das BMDS verfolgt mit der geplanten TKG-Novelle das Ziel, den Glasfaserausbau „bis in jede Wohnung“ – insbesondere in Mehrfamilienhäusern und Multi-Tenant-Gewerbeimmobilien – massiv zu beschleunigen. Um hierfür ausreichende Investitionsanreize zu schaffen, soll der Ausbau der gebäudeinternen Infrastruktur durch Bürokratieabbau und ein angepasstes, länger umlagefähiges Bereitstellungsentgelt wirtschaftlich attraktiv gestaltet werden. Gleichzeitig sollen klare Mitnutzungsregeln für die interne Gebäudeverkabelung sicherstellen, dass trotz verbesserter Investitionsbedingungen der Wettbewerb im Gebäude gewahrt bleibt.
Nur wenn der faire, diskriminierungsfreie Zugang zu aktiver und passiver Glasfaserinfrastruktur zeitnah Realität wird, können Abhängigkeiten reduziert, Ausfallsicherheit erhöht und die digitale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nachhaltig gestärkt werden.
Frank Rosenberger ist seit Januar 2024 Vorsitzender der Geschäftsführung von 1&1 Versatel. Mit über 67.000 km Strecke betreibt das Telekommunikationsunternehmen ein Glasfasernetz in rund 350 deutschen Städten mit eigener Netzinfrastruktur.
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