AI Impact Summit : Zwischen Machtgerangel und strategischer Ambiguität
Über dem AI Impact Summit schwebt eine geopolitische Grundsatzfrage: Wer setzt die Spielregeln für KI – und mit welchem Verständnis von digitaler Souveränität? Deutschland und Indien sollten eine KI-Partnerschaft auf Augenhöhe eingehen und gemeinsame Spielregeln entwickeln, findet Sophia Tawonga Longwe von Wikimedia Deutschland.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Indien bietet in dieser Woche die Bühne für eine neue digitale Weltordnung und Selbstverortung. Der Slogan „For India, AI stands for All Inclusive“ ist Anspruch und strategische Botschaft zugleich: Indien will beim AI Impact Summit zeigen, dass technologische Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe als Digital Public Infrastructure (DPI) zusammen gedacht werden können. Es ist ein zunehmend technologieoptimistischer Blick, bei dem weniger über Regeln verhandelt wird als über konkrete Anwendungen.
Wer setzt die Spielregeln?
Eine Vielzahl von Initiativen befassen sich mit KI-Governance auf globaler Ebene: der Hiroshima-Prozess der G7, die Global Partnership on AI, für die die OECD das Sekretariat stellt, die Unesco Recommendations on the Ethics of AI. Außerdem das Independent International Scientific Panel on AI und der Global Dialogue on AI Governance, die aus dem Global Digital Compact der Vereinten Nationen entstanden sind. Viele Staaten und Organisationen reagieren darauf mit eigenen Initiativen – auch aus Frust darüber, dass wichtige Entscheidungen oft in kleinen Kreisen wie der G7 fallen.
Zwischen geopolitischen Abhängigkeiten navigieren viele Länder auf einem pragmatischen Kurs. Sie beteiligen sich an chinesischen Infrastrukturprojekten, nutzen US-amerikanische Cloud-Dienste und orientieren sich bei der Regulierung teilweise an europäischen Vorbildern wie dem AI Act.
China verfolgt einen besonders konsequenten Kurs. Der Aufbau eigener Chipkapazitäten, strenge Auflagen für ausländische Unternehmen und Register für algorithmische Systeme sollen Kontrolle und Unabhängigkeit sichern. Die USA bleiben technologisch prägend, treten politisch auf solchen Gipfeln aber immer selektiver auf. Das Ergebnis: Ein Nebeneinander konkurrierender Modelle.
Europas Weg zu digitaler Souveränität
Die EU beansprucht, eine Alternative zu den dominierenden Technologie- und Governance-Modellen aus den USA und China zu bieten. Digitale Souveränität ist der politische Leitbegriff, der vieles verspricht und wenig eindeutig definiert. Immer häufiger wird darunter nicht mehr vollständige Unabhängigkeit verstanden, sondern die Fähigkeit, eigene politische Prioritäten durchsetzen zu können.
In Neu-Delhi wird Europas strategische Herausforderung deutlich, einen Anspruch geschlossen zu vertreten. Einzelne Staats- und Regierungschefs nutzen den Summit für eigene außenpolitische Akzente, während eine gemeinsame europäische Linie oft abstrakt bleibt. Gleichzeitig hat sich die politische Praxis verschoben: Nicht nur Regulierung, auch Investitionen, Infrastrukturpolitik und die Förderung offener Technologien mit freien Lizenzen sind heute wichtige Instrumente geopolitischer Einflussnahme.
Deutschlands Angebot
Deutschland wird in diesem Wettstreit zunächst nicht durch eigene Large Language Modelle (LLMs) glänzen. Der deutsche Einfluss kann in der Gestaltung offener Infrastrukturen, gemeinsamer Standards und institutioneller Kooperation liegen. Initiativen zur Förderung freier und Open Source Software wie die Sovereign Tech Agency zeigen, welches Potenzial hier liegt. Sie können Alternativen zu proprietären Systemen schaffen und technologische Zusammenarbeit ermöglichen, ohne neue Abhängigkeiten zu erzeugen. Doch bislang fehlt eine internationale Einbettung solcher Ansätze zu digitalen öffentlichen Infrastrukturen in globale Standardisierungsprozesse und Governance-Strukturen.
Der bestehende Digitaldialog mit Indien ist ein Beispiel dafür. Bisher spielen Fragen der Governance, der Standardsetzung oder der Einbindung von zivilgesellschaftlichen Organisationen eine untergeordnete Rolle. Hier könnte Deutschland ein eigenständiges Angebot machen. Denn die Weichen werden nicht nur in Forschungslaboren gestellt, sondern in Normungsgremien, internationalen Organisationen und mit technischen Standards. In Gesprächen rund um den deutsch-indischen Dialog scheint immer wieder ein mögliches Szenario auf: Deutschland bringt die Struktur mit, Indien die Skalierung. Bundesstaaten wie Uttar Pradesh allein sind bevölkerungsstärker als die gesamte Bundesrepublik. Gemeint ist aber mehr als Arbeitsteilung. Es beschreibt eine mögliche Partnerschaft, in der institutionelle Gestaltungskraft und gesellschaftliche Größenordnung zusammenkommen – ein gemeinsames Angebot, das über reine Marktkooperation hinausgeht.
Koordination für mehr Kooperation
Der Summit in Neu-Delhi macht deutlich, dass sich die internationale Ordnung in einer Übergangsphase befindet. Programme wie FAIR Forward für KI oder GovStack im Bereich der Verwaltungsdigitalisierung zeigen zwar, wie internationale Kooperation aussehen kann, bleiben aber oft einseitig. Erfahrungen aus Partnerschaften fließen nicht systematisch in politische Praxis und Strategien der Bundesregierung zurück. Das ist nicht nur ineffizient – es untergräbt auch politische Glaubwürdigkeit. Erforderlich ist eine bessere Koordination zwischen den Ressorts.
Gleichzeitig nutzen viele Staaten bewusst ihre Zwischenposition und arbeiten mit unterschiedlichen Partnern zusammen. Diese strategische Ambiguität ist Ausdruck neuer politischer Selbstbestimmung. Für die EU und Deutschland liegt darin eine Chance – vorausgesetzt, sie sind bereit, ihre Rolle neu zu definieren. Wenn Indien für Größe und Skalierung steht und Europa für institutionelle Gestaltung, kann daraus eine Partnerschaft entstehen, die über punktuelle Kooperation hinausgeht.
Das jüngst beschlossene India-European Union Free Trade Agreement ist ein Startpunkt. Es ist ein Handelsabkommen und geopolitisches Signal zugleich. Entscheidend ist, ob die EU geschlossen bereit ist, ihre Beziehungen zur globalen Mehrheitsgesellschaft strategisch neu auszurichten. Maßgeblich wird sein, ob die EU und Deutschland ihre Prinzipien in konkrete Zusammenarbeit übersetzen: in digitale öffentliche Infrastrukturen, gemeinsame Standards und glaubwürdige Partnerschaften auf Augenhöhe.
Der AI Impact Summit macht deutlich, dass sich die internationale Digitalpolitik in einer Umbruchphase befindet. Neu-Delhi ist dafür ein Gradmesser. Denn hier zeigt sich, wer bereit ist, Macht durch Kooperationen zu teilen und wer Gefahr läuft, eine neue digitale Weltordnung von der Seitenlinie zu beobachten.
Sophia Tawonga Longwe ist Projektmanagerin und Policy-Expertin mit Schwerpunkt auf digitaler Governance, KI-Ethik und Multistakeholder-Politikgestaltung. Sie arbeitet als Projektmanagerin für Politik bei Wikimedia Deutschland und war an der Task Force für globale KI-Governance des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr beteiligt.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden