Knappe Anschlüsse : Deutschlands Zukunft will ans Netz
Deutschlands Wirtschaft steht vor einer entscheidenden Weichenstellung: Der Zugang zum Stromnetz wird zum Schlüsselfaktor für Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz. Wer bekommt künftig den begehrten Netzanschluss – Industrie, Logistik, Rechenzentren oder Batteriespeicher? Warum es dringend Lösungen braucht und die Netzfrage nicht zur industriepolitischen Schicksalsfrage wird, schreiben Christoph Pellinger und Serafin von Roon, Geschäftsführer der Forschungsstelle für Energiewirtschaft.
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Neben den Dauerbrennern wie Kraftwerksstrategie, ETS und Wasserstoffhochlauf gibt es ergänzend in der Branche immer ein Jahresthema mit hoher Dringlichkeit. Waren dies im letzten Jahr die Solarspitzen, die vermeintlich einen sicheren Netzbetrieb gefährdeten, würden viele in diesem Jahr wohl den sogenannten Batterie-Tsunami auf Platz 1 ihrer Jahresplaylist wählen.
Die unglaubliche Zahl der Netzanschlussbegehren für Batteriespeicherprojekte, die sich bei den Netzbetreibern stauen, wird im Wochenrhythmus von einer immer noch größeren Zahl abgelöst. Man kann schon fast die Tage zählen, bis es heißt: 1000 GW Batterien warten auf ihren Netzanschluss! Kurz zur Einordnung: Die mittlere Last aller Verbraucher in Deutschland beträgt aktuell weniger als 60 GW. In unserem Trendszenario sehen wir bis zum Jahr 2045 ungefähr 80 GW an Großbatteriespeichern im klimaneutralen Stromsystem.
Die genannten Themen sind in der Regel außerhalb unserer Energieblase schwer kommunizierbar, und wenn wir ehrlich sind, sind diese Themen für die meisten Bürger und Unternehmen auch weniger relevant. Hier können innerhalb der Branche Lösungen erarbeitet werden. Wir haben etwa im Bereich der Batteriespeicher vor der Sommerpause das Kooperationsforum Großbatteriespeicher ins Leben gerufen, in dem wir mit über 50 Akteuren (Netzbetreiber, Projektierer, Vermarkter, EVUs) strukturiert und konstruktiv an Lösungen arbeiten. Hier war es uns wichtig, die teilweise emotionalisierte Debatte, von einem „sich beschweren“ wieder in ein „gemeinsam machen“ zu verwandeln.
Mehr als ein energiewirtschaftliches Nerd-Thema
Wir sehen jedoch, dass das Thema Netzanschluss mehr als ein energiewirtschaftliches Nerd-Thema ist und echte industriepolitische Sprengkraft hat. Wir haben unsere Big Five im Kampf um die knappe Ressource Netzanschluss identifiziert. Das sind neben den Batteriespeichern, Rechenzentren, Elektrifizierung der Industrie, Elektrifizierung des Schwerlasttransports und Elektrolyse.
Wir werden manchmal gefragt: „Und was mit den Erneuerbaren? Was ist mit der Elektrifizierung der Wärmebereitstellung in der Fernwärme?“ Ersteres ist definitiv kein neues Thema und hier gibt es auch Lösungen wie etwa Co-Location. Zweiteres sehen wir weniger kritisch, da dieses Thema typischerweise bei Stadtwerken liegt, die ihre bestehenden Netzanschlüsse nutzen können und bei integrierten Unternehmen auch schneller pragmatische Lösungen gefunden werden. Und was die Elektrolyse betrifft: Auch wenn aktuell einige Projekte abgesagt werden, ist dieses Thema industriepolitisch sehr relevant. Wir sehen die Technologie daher weiter im Kreis der Big Five.
Und worin besteht nun die industriepolitische Sprengkraft? Es kommen mit Rechenzentren, Logistikern und Industrieunternehmen Akteure ins Spiel, die wenig elektrizitätswirtschaftliche Perspektive mitbringen und bei denen sehr viel von ihrem eigentlichen Kerngeschäft von einer Zusage der Netzanschlusskapazitäten abhängt. Und wenn das Kerngeschäft von wichtigen wirtschaftlichen Akteuren beeinträchtigt wird, dann hat das Rückwirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands.
Lange Antwortzeit der Netzbetreiber gefährdet Dekarbonisierung
Der Schwerlasttransport auf der Straße ist bislang komplett treibstoffbasiert. Jetzt fallen die TCO (Total Cost of Ownership) der elektrischen Variante unter die der konventionellen fossilen Antriebe. In diesem margengetriebenen Geschäft kann eine Umstellung dann schnell gehen. Die notwendige Ladeinfrastruktur eines Logistikers liegt gerne schnell im zweistelligen Megawattbereich. Wenn die Antwort der Netzbetreiber auf eine Netzanfrage dann lautet, dass eine Prüfung erst in frühstens fünf Jahren möglich ist und gegebenenfalls negativ beschieden wird, dann verlieren wir nicht nur Zeit. Wir verlieren die Chance, dass der Verkehrssektor endlich einen signifikanten Beitrag zur Dekarbonisierung leistet. Aber vor allem wird nicht modernisiert und es werden die Logistikkosten nicht gesenkt, was beides das Potenzial eines kleinen Konjunkturpakets haben kann.
Einzelne Rechenzentren können den Stromverbrauch einer Kleinstadt aufweisen. Dementsprechend benötigen sie hohe Anschlussleistungen. Viele der „neuen“ Geschäftsmodelle benötigen hohe Rechenkapazitäten. Wir beklagen, dass diese neuartigen digitalen Geschäftsmodelle vor allem in den USA entwickelt werden. Der Ausbau der Rechenzentren in Deutschland ist das Rückgrat eines digitalisierten Wirtschaftslebens. Wenn die Akteure, die in Deutschland investieren wollen, keinen Netzanschluss bekommen, dann besteht die Gefahr, dass wir noch stärker an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.
Wir an der FfE unterstützen viele große Unternehmen auf ihrem Weg der Dekarbonisierung, beispielsweise durch Erstellung sogenannter Trafo-Pläne oder durch Begleitung von Energieeffizienz- und Dekarbonisierungsnetzwerken. All diesen Unternehmen ist gemein, dass sie Pläne entwickelt haben, wie sie in den nächsten Jahren ihre Scope-1- und Scope-2-Emissionen auf Null senken werden. All diesen Plänen ist gemein, dass der Stromverbrauch deutlich ansteigen wird, da überall wo es geht, fossile Moleküle (in der Regel Erdgas) durch grüne Elektronen (in der Regel: Eigenerzeugung, PPAs, Grünstromzertifikate) ersetzt werden sollen. Auch hier schlummert ein entsprechendes Konjunkturprogramm, da Ersatzinvestitionen geplant sind und die Energiekosten gesenkt werden sollen. Zudem sichern diese Maßnahmen auch gegenüber Preisschwankungen und einem steigenden CO2-Preis ab.
Jeder der Big Five muss Platz finden
Im Zukunftsbild einer klimaneutralen starken Wirtschaft muss jeder der Big Five seinen Platz finden. Hier darf es kein Gegeneinander geben, sondern wir müssen das Gesamtbild im Blick behalten und gemeinsam Lösungen entwickeln. Dies wird nicht einfach.
Weder ist eine Art Planwirtschaft anzustreben, wo genau festgelegt wird, wer wann wieviel Netzanschluss bekommen sollte. Kommende Entwicklungen könnten so nicht ausreichend berücksichtigt werden. Ein zentraler Akteur kann nie so viele Informationen haben, wie die Summe der Akteure eines funktionierenden Marktes. Andererseits ist eine rein marktliche Lösung etwa durch Ausschreibungen ebenfalls kritisch zu sehen, da die Akteure extrem unterschiedliche Zahlungsbereitschaft und Zeithorizonte bei der Umsetzung haben.
Aufgrund des Erfolgs des Kooperationsforums Großbatteriespeicher haben wir nun erstmals entsprechende Foren für die vier weiteren Interessensgruppen der Big Five gegründet. Hiermit sammeln wir die unterschiedlichen Perspektiven ein, versachlichen die Diskussion und sind jeweils im Austausch mit den Netzbetreibern, um gemeinsam Lösungsoptionen zu entwickeln. Deutschlands Zukunft will ans Netz – lasst uns gemeinsam eine Erfolgsgeschichte schreiben.
Serafin von Roon und Christoph Pellinger sind Geschäftsführer der Forschungsstelle für Energiewirtschaft.
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