Dekarbonisierung : Die THG-Quote entscheidet über den Durchbruch von grünem Wasserstoff
Deutschland steht bei der Weiterentwicklung der Treibhausgasminderungsquote vor einer Richtungsentscheidung: Mit der nationalen Umsetzung der RED III im Verkehrssektor den Markthochlauf von grünem Wasserstoff aus politischen Ankündigungen in den industriellen Alltag zu überführen oder ihm den Hahn abzudrehen, bevor es losgeht. Es braucht eine Erhöhung der Unterquote für grünen Wasserstoff auf mindestens 2,5 Prozent im Jahr 2030, schreibt Nils Aldag, CEO des Elektrolyseurherstellers Sunfire.
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Kein anderes Instrument setzt so direkt einen Nachfrageimpuls für grünen Wasserstoff. Die THG-Quote ermöglicht einen Markthochlauf ohne neue staatliche Fördermechanismen oder spürbare Mehrbelastungen für Verbraucher. Mit der Weiterentwicklung steht Deutschland energie- und industriepolitisch an einem Wendepunkt. Die Umsetzung der RED III im Verkehrssektor bietet die seltene Chance, aus einem politischen Versprechen jetzt Realität zu machen – und unsere Abhängigkeit von importierten fossilen Energien zu reduzieren. Die Blicke sind nun auf das laufende parlamentarische Verfahren gerichtet.
Raffinerien als Hebel für schnelle, skalierbare CO2-Minderung und Energieunabhängigkeit
Grüner Wasserstoff ist keine Zukunftsoption, sondern ein verfügbares und resilientes Industrieprodukt mit klaren Anwendungspfaden. Raffinerien sind dafür der geeignete Startpunkt: höchster Wasserstoffverbrauch, heute nahezu vollständig fossil, technisch problemlos auf grünen Wasserstoff umstellbar. Die Klimawirkung ist unmittelbar und erheblich: Einzelne Raffinerien können jährlich bis zu eine Million Tonnen CO2 vermeiden. In Zeiten politischer Unsicherheiten und multipler Kriege steigert grüner Wasserstoff zudem die Energieunabhängigkeit.
Die Industrie ist bereit, der entscheidende Nachfrageimpuls fehlt
Der Großteil der final entschiedenen Elektrolyseprojekte in Europa ist auf Raffinerien ausgerichtet. Langfristige Abnahmeverträge – wie der 15-Jahres-Vertrag zwischen RWE und TotalEnergies für die Raffinerie Leuna mit 30.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr – zeigen die Investitionsbereitschaft. Aber: Ohne ein klares regulatorisches Signal greifen die Geschäftsmodelle der „first mover“ nicht, und die nächste Welle finaler Investitionsentscheidungen bleibt aus. Eine ambitionierte RED III-Umsetzung über die THG-Quote setzt genau hier an, nur dann können wir die Ärmel hochkrempeln und aus den Trampelpfaden für grünen Wasserstoff zuverlässige Wege und Infrastruktur garantieren.
Der vorgelegte Kabinettsentwurf bietet eine solide Grundlage, und kann mit wenigen gezielten Anpassungen im parlamentarischen Verfahren eine echte Hebelwirkung entfalten. Drei Punkte sind entscheidend:
1. Ein ambitionierter Hochlaufpfad der RFNBO-Unterquote.
Eine wie vom Bundeskabinett vorgeschlagene RFNBO-Unterquote von 1,2 Prozent im Jahr 2030 liegt zwar leicht über dem von der EU geforderten Minimum. Sie wird aber weitgehend durch Projekte gedeckt, die bereits im Bau sind. Der notwendige zusätzliche Nachfrageimpuls bliebe aus.
Dabei verfügt allein Deutschland über eine realistische Projektpipeline von bis zu fünf Gigawatt Elektrolyseleistung bis 2030 – sofern der regulatorische Rahmen rechtzeitig ein klares Marktsignal setzt. Eine ambitioniertere Quote würde an das ursprüngliche Ziel der Nationalen Wasserstoffstrategie anknüpfen und zugleich Planungssicherheit schaffen, die Investoren so dringend benötigen, um Projekte tatsächlich umzusetzen. Gleichzeitig erlaubt sie eine gewisse Auslastung bei deutschen Elektrolyseur-Herstellern und ihren Zulieferern. Diese haben sich in den letzten Jahren zur Weltspitze entwickelt.
Der Vorschlag liegt auf dem Tisch: der Bundesrat empfiehlt einen stufenweisen Anstieg der RFNBO-Unterquote auf 2,5 Prozent (2030), 3 Prozent (2032) und 3,5 Prozent (2034). Dieser Anstieg ist industriepolitisch sinnvoll und praktisch umsetzbar. Ein solcher Pfad würde einen kontinuierlichen Hochlauf ermöglichen, und verhindern, dass Investitionen aufgeschoben oder ins Ausland verlagert werden.
2. Eigenständige und wirksame Pönale zur Absicherung der Unterquote
Eine Quote wirkt nur, wenn sie durch eine klare Sanktion hinterlegt ist. Ohne wirksame Pönale bleibt sie ein Instrument auf dem Papier. Der Kabinettsentwurf setzt mit einer Pönale von 120 Euro/Gigajoule ein richtiges Signal. Entscheidend ist, dass dieses Niveau im parlamentarischen Verfahren nicht abgeschwächt wird.
3. Klimaschutz mit industrieller Wertschöpfung verbinden
Mit den genannten Anpassungen kann der Markthochlauf für grünen Wasserstoff in Deutschland entfesselt werden. Die Raffinerieroute reicht weit über den Verkehrssektor hinaus: größere Stückzahlen senken Kosten für Elektrolyseure, beschleunigen technologische Lernkurven und stärken die Wettbewerbsfähigkeit von grünem Wasserstoff für die Stahl-, Chemie- und Grundstoffindustrie. Parallel entsteht ein funktionierender Heimatmarkt, der die Position europäischer Technologieanbieter sichert.
Das parlamentarische Verfahren zur Weiterentwicklung der THG-Quote ist mehr als eine technische Anpassung. Es ist ein Test dafür, ob Klimaschutz, industrielle Wertschöpfung und technologische Souveränität konsequent zusammengedacht werden.
Nils Aldag ist Mitgründer un CEO des Anbieters von Großelektrolyseanlagen Sunfire mit Sitz in Dresden.
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