Ein Jahrzehnt nach Paris : Die Welt in Bewegung, aber noch nicht auf Kurs
Zehn Jahre nach Paris zeigt das Klimaregime Wirkung: Märkte und Regierungen steuern um, Investitionen fließen in Erneuerbare. Doch trotz der Fortschritte wackelt die 1,5-Grad-Grenze. Um zur notwendigen wirkungsvollen Umsetzung zu kommen, braucht die UN-Klimarahmenkonvention jetzt ein Update, sagen Laura Schäfer und Christoph Bals von Germanwatch. Die COP30 muss diesen Reformprozess starten.
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Zehn Jahre nach dem historischen Durchbruch von Paris steht fest: Das Abkommen wirkt! Es hat Regierungen, Märkte und Investoren in Bewegung gesetzt. Die globale Erwärmung, die 2015 noch auf 3,9 Grad bis zum Jahrhundertende prognostiziert wurde, wird heute laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) auf etwa 2,6 Grad taxiert. Das Abkommen hat eine deutliche Dynamik ausgelöst und jedes vermiedene Zehntelgrad entscheidet über das Schicksal hunderter Millionen Menschen.
Die bisherige Pariser Architektur stößt nun an ihre Grenzen. Die ausgelöste Dynamik kam zu spät, zu langsam, zu fragmentiert. Die Welt kann es ohne Überschießen schon nicht mehr schaffen, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Jetzt braucht es eine Reform – und die muss auf der COP30 in Belém eingeleitet werden.
Eine globale Wende Richtung Erneuerbare
Paris hat den Takt gesetzt, und viele Länder sind gefolgt. Mehr als 100 Staaten haben sich seit 2015 Netto-Null-Ziele gegeben. Ein deutliches Signal an Märkte und Investoren: Fossile Geschäftsmodelle sind immer weniger wettbewerbsfähig.
Das Pariser Abkommen hat die Welt in großer Geschwindigkeit Richtung erneuerbarer Energien und Elektrifizierung von Verkehr, Gebäuden und Industrie bewegt. Die globale Kapazität erneuerbarer Energien ist laut internationaler Energieagentur seit 2015 um 140 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sind die Kosten für Solarenergie um 85 Prozent und für Batterien um 90 Prozent gefallen. Zivilgesellschaftliche Bewegungen und öffentlicher Druck haben den Wandel weiter beschleunigt.
2025 wird nach aktuellen Prognosen erstmals weltweit mehr Strom aus erneuerbaren Quellen als aus Kohle erzeugt werden. Die Energiewende ist vom Nischenthema zum makroökonomischen Faktor geworden – mit weitreichenden Folgen für Kapitalmärkte und geopolitische Machtstrukturen.
Kapital in Bewegung – aber nicht immer in die richtige Richtung
Das Pariser Abkommen hat nicht nur Regierungen, sondern auch Märkte und Investoren in Bewegung gesetzt. Große Vermögensverwalter wie BlackRock, Allianz oder AXA haben „Paris-aligned“-Strategien verabschiedet. Zwischenzeitlich hatten sich über 325 institutionelle Investoren mit zusammen fast 60 Billionen US-Dollar verwaltetem Vermögen der Net Zero Asset Managers Initiative angeschlossen. Anfang 2025 traten jedoch einige große Investoren auch auf Grund von politischem Druck aus der USA wieder aus.
Die Auswirkungen zeigen sich trotzdem: Die sechs größten Wall-Street-Banken reduzierten 2025 ihre Finanzierung fossiler Energien um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Laut Internationaler Energieagentur werden trotz wirtschaftlicher Unsicherheit die Kapitalflüsse in den Energiesektor bis 2025 weiter auf 3,3 Billionen US-Dollar steigen. Kapital beginnt, Investitionen in Richtung der Pariser Klimaziele zu lenken – aber noch nicht im nötigen Tempo und Umfang. Immer noch fließen 1,1 Billionen pro Jahr in Kohle, Öl und Gas, oft unterstützt von Subventionen.
Auch Unternehmen und Städte ziehen mit. Seit 2015 haben sich über 9000 Firmen zu wissenschaftsbasierten Emissionszielen verpflichtet, darunter Nestlé und Chanel. Zusammengenommen stehen sie für einen Marktwert von 3,6 Billionen Dollar – und einen CO₂-Fußabdruck, der größer ist als der Frankreichs.
Erster Kipppunkt schon überschritten
Trotz aller Dynamik: Die Welt ist nicht auf Kurs. Die derzeitigen nationalen Klimapläne führen uns auf einen inakzeptabel gefährlichen Pfad von deutlich über 2 Grad. Nur 64 Länder haben rechtzeitig neue nationale Klimapläne eingereicht. Das erst am Mittwoch beschlossene EU-Klimaziel für 2040 ist unzureichend und hat zudem viel zu große Schlupflöcher. Doch die Zeit läuft uns davon. 2024 war laut Copernicus das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Erstmals lag die globale Durchschnittstemperatur über ein ganzes Jahr hinweg mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Jetzt, wo wir die 1,5 Grad-Grenze ohne Overshoot nicht mehr erreichen können, gilt es umso mehr um jedes Zehntelgrad zu kämpfen.
Laut dem Global Tipping Points Report 2025 ist der erste systemische Kipppunkt bereits überschritten: Die für die Artenvielfalt so wichtigen tropische Warmwasserkorallen sterben global und unumkehrbar ab. Weitere Kippsysteme – vom Amazonas über Grönland bis zur Atlantischen Umwälzströmung – nähern sich gefährlich ihren Schwellen. Jedes weitere Zehntelgrad zählt – und jede weitere Verzögerung erhöht die Gefahr, dass die Kaskade kippt.
Reaktionärer Gegenwind
Diese Klimawandelauswirkungen spüren wir immer stärker in einer Phase des reaktionären Gegenwinds. Denn die Transformation, die Paris ausgelöst hat, trifft auf mächtige Interessen. Staaten und Unternehmen, die vom fossilen Geschäftsmodell profitieren, blockieren zunehmend die multilaterale Klimapolitik. Sie verteidigen ihr altes Geschäftsmodell, gefährden damit das gemeinsame Fundament globaler Klimapolitik – und nehmen auch die Zerstörung der Demokratie in Kauf. Denn der fossile Sektor unterstützt weltweit rechtspopulistische und autoritäre Kräfte – finanziell und strategisch. Diese wiederum arbeiten an politischen Rahmenbedingungen, die das fossile Zeitalter verlängern.
Zugleich verschiebt sich in einer Ära geopolitischer Rivalität bei einigen Staaten der Fokus von gemeinsamer Verantwortung („common but differentiated responsibilities“) hin zu strategischer Eigeninteressenpolitik. Viele Länder sind mit drängenden politischen und humanitären Krisen konfrontiert, Kriege, Inflation und soziale Spannungen lenken politische Aufmerksamkeit ab. Doch genau jetzt entscheidet sich, ob der Übergang gelingt. Die Technologien sind da, das Kapital ist da – was fehlt, ist politischer Wille.
Belém als Wendepunkt: UNFCCC braucht ein Update
COP30 in Belém wird zur Bewährungsprobe. Es geht nicht um neue Regelwerke, sondern um Umsetzung, Rechenschaftspflicht und Glaubwürdigkeit. Wie nah kann die Pariser Architektur die Welt noch an einen 1,5 Grad-kompatiblen Pfad bringen?
Das Regelwerk von Paris ist so gut wie fertig – jetzt zählt Umsetzung und Überprüfung. Um vom Forum der Verhandlungen zum Motor der Umsetzung zu werden, muss die UN-Klimarahmenkonvention reformiert werden. Transparenz, Verbindlichkeit und Fairness sind die Schlüssel, um in Krisenzeiten handlungsfähig zu bleiben. Eine Reformagenda sollte mit vier Punkten beginnen:
- Strengere Kriterien für COP-Präsidentschaften: Gastgeberländer müssen glaubwürdige Klimapolitik, transparente Prozesse und die Achtung der Menschenrechte gewährleisten.
- Ende des fossilen Einflusses: Zugang nur für Unternehmen mit überprüfbaren Übergangsplänen und offengelegter Lobbytätigkeit.
- Stärkung des Compliance-Mechanismus: nationale Verpflichtungen müssen überprüfbar und mit klaren Konsequenzen versehen werden.
- Bessere internationale Verzahnung: Engere Kooperation mit den anderen Rio-Konventionen zur Nutzung von Synergien.
Mittelfristig gehören auch die UNFCCC-Entscheidungsregeln (mit Blick auf das oft blockierende Konsensprinzip) und die jährlichen COP-Formate auf den Prüfstand. Seit Jahren blockieren einzelne Staaten, allen voran Saudi-Arabien, jede Reform. Doch nach dem jüngsten Gutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH) könnte sich hier ein neues Fenster öffnen.
Denn der IGH macht klar, dass Staaten für unangemessene Klimaschutzmaßnahmen haftbar sind. Nun muss auch UNFCCC anerkennen, dass die rechtliche Haftung ein zentrales Element internationaler Klimapolitik ist – mit Auswirkungen auf die Verantwortlichkeiten von Staaten und Unternehmen gleichermaßen. Der laufende Reformprozess der UNFCCC sollte neue Standards der Rechenschaftspflicht widerspiegeln, insbesondere für NDCs.
Ein Jahrzehnt der Entscheidung
Zehn Jahre nach seiner Verabschiedung zeigt das Pariser Abkommen Wirkung: Es hat die Richtung von Regierungen und Weltwirtschaft verändert, fossile Strukturen unter Druck gesetzt und Milliardeninvestitionen in Erneuerbare ausgelöst. Das sind große Fortschritte – aber noch zu wenig, um das Versprechen von Paris einzulösen.
Wenn die UNFCCC jetzt mutig reformiert wird, kann sie vom Forum der Verhandlungen zum Motor der Umsetzung werden. Wenn nicht, droht sie – wie so viele multilaterale Institutionen – im Sog geopolitischer Blockaden zu versinken. Brasilien als Gastgeber hat das Thema auf die Agenda gesetzt und eine „Umsetzungs-COP“ ausgerufen. Jetzt braucht es eine Gruppe von Vorreiterstaaten um die UNFCCC-Reform ernsthaft vorzubereiten und effektive Entscheidungswege dafür zu identifizieren, zum Beispiel über die UN-Generalversammlung. Denn das Pariser Abkommen selbst sollte dafür nicht wieder geöffnet werden.
Zehn Jahre nach Paris lautet die entscheidende Frage: Wie kommen wir vom Verhandeln ins Handeln? COP30 muss den Weg dorthin ebnen.
Laura Schäfer ist Leiterin des Bereichs Internationale Klimapolitik, Christoph Bals, Politik-Vorstand bei Germanwatch.
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