Europa unter Druck : Eine LNG-Opec? Die Neuordnung der globalen Energieströme ist im Gange
Die wichtigen LNG-Lieferanten USA und Katar fühlen sich durch Europas Nachhaltigkeitsforderungen vor den Kopf gestoßen, warnt Friedbert Pflüger. Der Geschäftsführer des Clean Energy Forum und Aufsichtsratschef des Verbands Die Gas-und Wasserstoffwirtschaft rät der EU dringend zum Kompromiss, sofern sie ihre Gasversorgung nicht gefährden will.
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Ende Oktober erhielten die 27 EU-Mitgliedsländer ungewöhnliche Post: Die Energieminister der USA und Katars kritisierten in einem gemeinsamen Brief die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) der EU, also die europäische Lieferkettengesetzgebung, die von Produktions- und Exportfirmen verbindliche Bekenntnisse zu EU-Klima- und Menschenrechtszielen verlangt und bei Nichteinhaltung mit empfindlichen Strafen droht.
Der Brief warnt vor jeder extraterritorialen Einmischung, verlangt die Rücknahme verbindlicher Klimatransformationspläne und der zivilrechtlichen Haftung der Unternehmen. Diese Regelungen seien nicht akzeptabel, sie würden die Versorgung der EU mit Flüssiggas beeinträchtigen – mit ernsten Konsequenzen für die Energiesicherheit Europas.
Worum geht es genau? Ursprünglich wurde die Lieferketten-Gesetzgebung erfunden, um etwa Kinderarbeit bei der Herstellung von T-Shirts oder beim Schürfen in Rohstoff-Minen in Asien oder Afrika zu bekämpfen. Aber den EU-Regulatoren gefiel die Idee so gut, dass sie sie auch in andere Bereiche ausdehnten. Auch wer zum Beispiel Flüssiggas (LNG) nach Europa importieren wolle, müsse sich den Klima- und Menschenrechtszielen der EU unterwerfen.
Bei Textilien mögen wir als Verbraucher die Durchsetzungsmacht haben, uns von inhumanen Arbeitspraktiken zu distanzieren und eben anderswo zu kaufen. Bei LNG kann das nicht funktionieren. Mit zusätzlichem (Pipeline)-Erdgas aus Norwegen, dem Ausbau der LNG-Import-Infrastruktur bei uns und einem vermehrten LNG-Bezug aus den USA (Steigerung um 50 Prozent in diesem Jahr) hat es Europa bisher so gerade geschafft, die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten.
Die EU hat nun beschlossen, als Reaktion auf Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine bis 2027 russisches Gas gänzlich aus Europa zu verbannen. Die bisherigen US-Lieferungen müssen vor diesem Hintergrund fortgesetzt und zusätzliche Mengen gesichert werden. In einer solchen Situation hat Brüssel keine Möglichkeit, ethische oder klimapolitische Vorstellungen gegenüber Firmen in Lieferländern durchzusetzen. Im Gegenteil: Solche Forderungen stoßen angesichts der Situation, in der Europa dringend auf Importe angewiesen ist, in den Lieferländern auf Unverständnis und kaum verhohlenen Unmut.
Washington reicht Europas Reaktion auf seine Warnung nicht
Das Europäische Parlament hat – auch als Reaktion auf den Brandbrief – Anfang November CSDDD immerhin entschärft, vor allem durch die Beschränkung der Regeln auf große Unternehmen (über 5000 Mitarbeiter). Bei meinen Gesprächen als Aufsichtsratsvorsitzender des Verbands Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft vergangene Woche in Washington konnte ich nun erfahren, dass dieser Schritt aber weder der Trump-Administration noch den Liefer- oder Infrastrukturfirmen in den USA und ihren machtvollen Verbänden auch nur annährend reicht.
Im Gegenteil wirft man der EU vor, die Bedeutung und Ernsthaftigkeit der Warnung aus Katar und den USA nicht verstanden zu haben. Das Europäische Parlament habe zwar ein wenig Bürokratieentlastung für kleinere Unternehmen vorgenommen, aber die exterritorialen Forderungen, Haftungen und Strafen im Kern nicht aufgegeben. Das sei nicht nur problematisch, sondern schlicht ein „No-Go“. Die Konsequenzen würden die europäische Industrie und die Verbraucher tragen müssen. Am besten sei es, die EU stampfe CSDDD ganz ein.
Methan: Zertifizierung, Moratorium, „Grandfathering“
Ganz ähnlich lassen sich die Gesprächspartner zur geplanten europäischen Methan-Regulierung ein. Die US-Unternehmen würden bereits jetzt alles tun, um den klimaschädlichen Methan-Schlupf bei Produktion und Transport von Erdgas zu verhindern. Niemand leiste auf diesem Gebiet mehr als die USA. Deshalb gelte auch hier: Der Versuch der EU, ihre Standards in Amerika durchzusetzen, werde nicht akzeptiert. Der CEO einer der großen Lieferfirmen sagte mir: „Ihr könnt das machen, aber dann gibt es kein LNG von uns“.
Der Vorschlag, an dem Verbände und Regierung in den USA arbeiten, könnte so lauten: „Friert Eure Regulierung so lange ein, bis wir eine gemeinsame Lösung gefunden haben.“ Bis dahin solle für alle Projekte dem sogenannten „Grandfathering“ zugestimmt werden, also der fortgesetzten Geltung auch nach einer später erfolgten Gesetzgebung. Ein weiterer Vorschlag, der etwa innerhalb der US Chamber of Commerce oder im American Petroleum Institute diskutiert wird: Könnte eine auf allen Seiten akzeptierte unabhängige Instanz – eine Art TÜV – die notwendigen Daten sammeln und Lieferungen zertifizieren?
Man erkennt in Washington durchaus die Wichtigkeit des Themas und sucht konstruktiv nach Möglichkeiten für eine Regulierung. Aber mit dem Glauben, den Amerikanern ihre Standards vorschreiben zu können, überhebe sich Brüssel.
Ungeduld mit den Europäern – droht eine neue Zollkeule?
In der kommenden Woche wird der amerikanische Handelsminister Howard Lutnick nach Europa kommen. Er dürfte ähnliche Botschaften übermitteln. Gleichzeitig wird er voraussichtlich die in Washington überall spürbare Ungeduld mit den Partnern auf der anderen Seite des Atlantiks deutlich formulieren. In Amerika schwindet der Glaube, dass die Europäer den von Donald Trump und Ursula von der Leyen geschlossenen Deal von Ende Juli 2025 ernstnehmen und implementieren. Die Vereinbarung lautete: US-Energielieferungen (Öl, Gas und Nuklear) im Wert von 750 Milliarden Dollar in drei Jahren im Gegenzug für erträgliche Zölle. Jetzt erwarten die Amerikaner „Delivery“. Sie wollen Verträge sehen, nicht nur Absichtserklärungen.
Mein Hinweis, nur Firmen könnten Verträge schließen, niemand könne sie in einer freien Wirtschaft zwingen, wird hier abgetan: Die EU habe doch dem Deal zugestimmt. Sie müsse nun dafür sorgen, dass ihr Teil der Vereinbarung eingehalten werde. Wie – das sei unsere Sache. Man habe aber den Eindruck, die EU wolle gar nicht wirklich. Sie spiele auf Zeit, denn irgendwann sei Trump ja nicht mehr im Amt. Das werde man nicht tatenlos mit ansehen. Droht da eine Neuauflage der Zollkeule?
Kurzfristige Brücke vs. langfristige Lösung
Generell liegen die Vorstellungen über die zukünftige Energie-Zusammenarbeit auf beiden Seiten des Atlantiks noch weit voneinander entfernt. Während die EU die Lieferungen von LNG als Übergangslösung ansieht und erklärt, man müsse „kurzfristig“ damit den Energiebedarf decken, bevor erneuerbare Energien und Wasserstoff Gas ablösen, sieht Washington das ganz anders: Der Ausbau der Gasförder- und Transportinfrastruktur in den USA sei enorm kostspielig. Das sei deshalb nicht etwas für drei Jahre. Es gehe um die grundsätzliche Neuordnung der globalen Energieströme für die Zukunft. Die Erwartung in den USA: Europa sei für die „nächsten Jahrzehnte“ ihr Hauptabnehmer für Flüssiggas. Es gehe jetzt um langfristige Verträge.
Die gute Nachricht: Die Verträge, die amerikanische Produzenten anbieten, erlauben den Käufern, den Lieferort zu bestimmen. In dem Maße, wie die Dekarbonisierung bei uns fortschreitet, können die Mengen also in andere Märkte etwa in Asien oder Lateinamerika umgeleitet werden. Außerdem: Wir brauchen auf längere Zeit Gas, denn der Wasserstoff-Hochlauf wird länger als erwartet dauern. Aber wir können das Erdgas „grüner“ machen, indem wir es nach und nach durch Biomethan oder synthetisches Methan (e-NG) ersetzen. Der Zubau von Erneuerbaren und von Speicherkapazitäten muss weitergehen, aber er wird nicht reichen – vor allem wenn wir am baldigen Kohleausstieg festhalten wollen und neue energiehungrige Daten- und AI-Zentren aufbauen wollen.
Kommt eine LNG-Opec?
Dennoch: Niemand hat bei uns bisher zu Ende gedacht, wie sich diese Erwartungshaltung mit unseren Plänen deckt, europaweit 2050 und in Deutschland schon 2045 klimaneutral zu sein. Aber niemand sollte sich täuschen: Die Trump Administration wird hier hart spielen und der Glaube, dass sich in der Zeit nach ihm an dieser Front viel ändert, ist Wunschdenken.
Überhaupt haben wir in Berlin und Brüssel bisher nicht wirklich verstanden, was durch die – in den Exportländern als Provokation verstandene – CSDDD indirekt bewirkt wurde: zwei Lieferkonkurrenten, Washington und Doha, schließen sich zusammen und drohen unverhohlen den Importländern. Ist das der Beginn einer LNG-Opec? Sicher, der amerikanische Gasmarkt ist stark fragmentiert, eine zentrale Preissetzung ist nur schwer vorstellbar. Allerdings könnte es zu einer Gebietsaufteilung kommen: Katar liefert nach Asien, die USA nach Europa. Der gemeinsame Brief zeigt, dass man in Doha und Washington gewillt ist, gemeinsame Exportstrategien zu entwickeln und auf die Rahmenbedingungen der Importländer einzuwirken.
Gesetz des Stärkeren statt regelbasierter Weltordnung
Wenige Tage vor meinem Besuch in Washington war ich zu Diskussionen an der Harvard-Universität. Hier kämpft man nach wie vor – wie wir in Europa – für eine regelbasierte Weltordnung und die Geltung des internationalen Rechts. Leider aber ist davon – auch von dem Aufbruch des Pariser Abkommens 2015 – nicht mehr viel übriggeblieben. Längst regiert das Gesetz des Stärkeren. Oder sollte man sagen: des Dschungels? Russland, China, Brics+, Shanghai Cooperation Organization (SCO) – dorthin wandert gerade die Macht.
Donald Trump hält dem MAGA entgegen. Und wir in Europa? Wollen wir weiter von einer fairen globalen Ordnung mit starken internationalen Institutionen träumen? Wollen wir uns weiter einbilden, wir würden in der Welt als Vorreiter für eine bessere Welt und Modell für die beste Klimapolitik anerkannt? Eher gelten wir heute als Außenseiter. Wir müssen uns ehrlich machen, uns der neuen Lage stellen und uns – ob wir es wollen oder nicht – neu, realistischer und etwas bescheidener positionieren.
Dr. Friedbert Pflüger ist Geschäftsführender Partner von Pflüger International und der Denkfabrik Clean Energy Forum (CEF), Aufsichtsratsvorsitzender des Verbands Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft und Senior Fellow am Global Energy Center (GEC) des Atlantic Council. Pflüger war Bundestagsabgeordneter (CDU) sowie 2005/2006 Parl. Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Mit seinem Unternehmen hat er bei Energieprojekten mitgewirkt und Unternehmen aus Deutschland und dem Ausland beraten, darunter Trans Adriatic Pipeline und Nord Stream 2.
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