Abwärme : Mailand heizt mit Servern. Deutschland kann das auch

Peter von Dietze
Peter von Dietze, Managing Director, Equinix Deutschland Foto: Equinix Germany

Damit aus Rechenzentren tatsächlich verlässliche Wärmequellen für unsere Städte werden, müssen Kommunen und Rechenzentrumsbetreiber ihre Beziehung neu denken, fordert Peter von Dietze. Der Chef von Equinix Deutschland empfiehlt eine frühzeitige Verzahnung von Wärmeplanung, Netzinfrastruktur und Rechenzentrumsentwicklung statt starrer Vorgaben.

von Peter von Dietze, Equinix Deutschland

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Über kaum eine Infrastruktur wird derzeit so kontrovers diskutiert wie über Rechenzentren. Das ist nachvollziehbar, greift aber häufig zu kurz: Rechenzentren sind aus unserer kritischen Infrastruktur nicht mehr wegzudenken. Sie sind ein zentraler Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit und digitale Souveränität Deutschlands. Die entscheidende Frage ist daher nicht, wie wir Rechenzentren auslagern oder verhindern. Entscheidend ist, wie wir sie zu noch besseren Partnern der Städte und Gemeinden machen, in denen sie entstehen.

Ein wichtiger Hebel dafür ist die Nutzung von Abwärme. Energie spielt in Rechenzentren eine zentrale Rolle. Sie wird dort aktiv umgewandelt, denn aus jeder Kilowattstunde Strom, die in einem Server landet, entsteht im Rechenprozess Wärme. Darin liegt eine Chance: Aus einem Nebenprodukt der Digitalisierung kann, wenn frühzeitig, realistisch und standortbezogen geplant wird, eine lokale Energiequelle werden.

Was andere schaffen und was wir schaffen können

Davon können ganze Gemeinden profitieren. In Paris beheizt ein Rechenzentrum bereits das olympische Schwimmbad, in Stockholm wird Rechenzentrums-Abwärme über das Fernwärmenetz in die Versorgung von Wohnungen, Büros und öffentlichen Gebäuden integriert. Auf diese Weise werden bereits heute Tausende Haushalte mit Wärme und Warmwasser versorgt. Ein weiteres aktuelles Beispiel findet sich in Mailand. Dort kann die Abwärme von Rechenzentren in das städtische Fernwärmenetz eingespeist werden. Die so gewonnene Wärme versorgt heute über 21.000 Gebäude, vom örtlichen Flughafen bis hin zum Mailänder Dom. Es werden hier jährlich über 345.000 Tonnen CO2 eingespart.

Auch in Deutschland können wir an diesen Punkt kommen. Was andere Länder uns voraushaben, sind ein flächendeckendes Fernwärmenetz und die Praxis, Abwärmenutzung von Anfang an mitzudenken.

Fehlende Abnehmer, niedrige Temperaturen

Hierzulande hakt es an zwei Herausforderungen: Erstens braucht es einen geeigneten Abnehmer für die Abwärme, und zwar in räumlicher Nähe. In der Praxis ist das oft schwieriger als gedacht, weil den potenziellen Abnehmern die notwendige Planungs- und Investitionssicherheit fehlt. Die Kosten der Abwärme selbst sind meist nicht das eigentliche Problem. Entscheidend ist vielmehr der Aufwand für Aufbereitung, Transport und die Einbindung in bestehende Wärmenetze. Zweitens fällt die Abwärme aus Rechenzentren meist auf einem Temperaturniveau an, das für viele Bestandsnetze zu niedrig ist. Sie muss daher über Großwärmepumpen nutzbar gemacht werden. Das ist technisch problemlos möglich, erhöht jedoch den Strombedarf und damit die Betriebskosten.

Kurz gesagt: Investitionen in Wärmepumpen, Wärmeleitungen, Netzanschlüsse sowie langfristige Abnahmeverträge sind teuer, ebenso die laufenden Betriebskosten durch hohe Strompreise. Das setzt schlicht zu wenige Anreize. Solange Strom für Wärmepumpen teurer ist als Gas für den Heizkessel, werden sich viele Projekte wirtschaftlich nicht rechnen. Das ist eine lösbare energiepolitische Frage. Wenn wir künftig besser zusammenarbeiten, schaffen wir echten Mehrwert: weniger CO2 im Wärmesektor, höhere lokale Akzeptanz und eine glaubwürdigere Rolle digitaler Infrastruktur in der Energiewende.

Pflicht und Ermöglichung

Das Energieeffizienzgesetz setzt hierfür wichtige Impulse. Eine Pflicht zur Abwärmenutzung wird aber nur dann erfüllbar, wenn ihr die entsprechenden Voraussetzungen zur Seite stehen. Wo Leitungswege zu lang, Temperaturen ungeeignet oder potenzielle Abnehmer zu unsicher sind, entstehen hohe Kosten bei vergleichsweise geringem Nutzen. Regulierung darf nicht dazu führen, dass Projekte zwar formal geplant, in der Praxis aber nur begrenzt wirksam werden.

Es braucht langfristige Partnerschaften zwischen Kommunen, Netzbetreibern und Betreibern von Rechenzentren. Planungssicherheit über zehn bis zwanzig Jahre entscheidet darüber, ob sich Investitionen tragen. Sie ist zugleich das Fundament, auf dem Vertrauen zwischen Rechenzentrum und Nachbarschaft wächst.

Deutschland steht bei der Nutzung von Rechenzentrums-Abwärme nicht am Anfang. Erste Projekte in Frankfurt, Berlin und München zeigen bereits, was technisch möglich ist, auch an bestehenden Standorten. Allein in Deutschland sind bereits Hunderte Rechenzentren in Betrieb, jedes davon ist eine potenzielle Wärmequelle. Wo geeignete Rahmenbedingungen vorhanden sind, investieren wir bereits heute in Lösungen zur Wärmerückgewinnung. Wenn wir den aktuellen Bestand einbeziehen, können wir das vorhandene Potenzial deutlich schneller heben.

Gemeinsames Ziel setzen

Rechenzentren werden mit dem Wachstum digitaler Anwendungen weiter an Bedeutung gewinnen. Ihre Abwärme kann einen messbaren Beitrag zur lokalen Wärmewende leisten. Dafür brauchen wir keine Symbolpolitik, sondern Partnerschaften, Planungssicherheit und wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen. Bestehende Beispiele zeigen: Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, profitieren Städte, Bürgerinnen und Bürger ebenso wie die digitale Infrastruktur. Deutschland sollte diesen Weg entschlossener gehen.

Peter von Dietze ist seit April 2026 Managing Director von Equinix Deutschland. Equinix ist einer der größten Rechenzentrumsbetreiber der Welt. Von Dietze hatte zuvor leitende Positionen bei Oracle und Dell inne.

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