Infrastruktur-Investitionen : Deutschland braucht eine integrierte Strategie vom Molekül bis zum Rack
Energiewende und Digitalisierung getrennt zu betreiben, kann Deutschland sich nicht länger leisten, warnt Vincent Policard von der Investmentgesellschaft KKR. Er plädiert für eine integrierte Strategie und Infrastruktur-Sonderzonen mit beschleunigten Genehmigungsverfahren.
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Vergangene Woche trafen sich in Berlin internationale Infrastrukturinvestoren zum Global Infrastructure Investor Summit. Eine zentrale Frage: Wie kann Deutschland seine Infrastrukturlücke schließen? Dabei wurde eine Dimension besonders deutlich: Energiewende und Digitalisierung müssen zusammengedacht werden. Die Antwort liegt in einer integrierten Strategie, die beide Systeme nicht länger getrennt behandelt.
Deutschlands Energieinfrastruktur und seine Digitalinfrastruktur wachsen heute nebeneinander – aber nicht miteinander. Das ist ein Problem. Denn in einer Wirtschaft, die zunehmend von Elektrifizierung und künstlicher Intelligenz geprägt ist, entscheidet die Verbindung beider Systeme über Wettbewerbsfähigkeit.
Deutschland steht vor einer Infrastruktur-Investitionslücke von 1,2 Billionen Euro bis 2035. Diese Lücke ist nicht nur eine Herausforderung – sie ist vor allem eine der größten Investitionschancen Europas. Die Debatte um den Deutschlandfonds hat zuletzt an Fahrt gewonnen – zu Recht. Doch während sich die Diskussion bislang vor allem auf die Energiewende konzentriert, wird eine entscheidende Dimension übersehen: die Konvergenz von Energie und Daten. Wer die Infrastrukturlücke schließen will, muss beide Systeme zusammendenken.
Raus aus dem „Energie-Silo“
Die deutsche Wirtschaft braucht nicht nur „grüne Elektronen", sondern zunehmend auch „intelligente Elektronen“. Rechenzentren, die künstliche Intelligenz antreiben, benötigen mehr als nur Strom – sie benötigen verlässliche, skalierbare und CO2-arme Energie in Echtzeit. Gleichzeitig erfordert die Energiewende selbst digitale Steuerungssysteme, um volatile erneuerbare Quellen ins Netz zu integrieren.
In Deutschland werden Energie- und Digitalprojekte heute weitgehend getrennt geplant, genehmigt und finanziert. Die Folge sind Koordinations- und Reibungsverluste, die beide Transformationen ausbremsen. Genehmigungsverfahren für Windparks und Rechenzentren laufen parallel, aber nicht synchron. Netzbetreiber und Rechenzentrumsbetreiber sprechen unterschiedliche Sprachen. Investoren müssen sich durch fragmentierte Zuständigkeiten kämpfen.
Diese „Coordination Tax“ kostet Zeit, Geld und Wettbewerbsfähigkeit. Um sie zu eliminieren, braucht Deutschland eine integrierte Infrastrukturstrategie – eine, die das gesamte Spektrum „vom Molekül bis zum Server-Rack“ abdeckt: von der Erzeugung erneuerbarer Energie über deren Transport bis hin zur Nutzung in digitalen Hubs.
Den Deutschlandfonds operationalisieren
Der Deutschlandfonds kann dabei eine zentrale Rolle spielen. Doch seine Wirkung hängt davon ab, wie er eingesetzt wird. Als reines Subventionsinstrument wird er die Lücke nicht schließen können. Wenn er jedoch als katalytische Co-Investment-Plattform konzipiert wird, kann er privates Kapital im großen Maßstab mobilisieren. Denn eines ist klar: Ohne privates Kapital wird Deutschland die Infrastrukturlücke nicht schließen können. Institutionelle Investoren verfügen über das notwendige langfristige Kapital. Sie brauchen jedoch Planungssicherheit und klare Investitionsbedingungen.
Konkret: Der Fonds sollte gezielt in Infrastruktur-Sonderzonen investieren, in denen Energie- und Digitalprojekte gebündelt genehmigt werden. In diesen Zonen könnten Genehmigungsverfahren im Fast-Track-Verfahren vorangetrieben werden – ähnlich wie es bei LNG-Terminals gelungen ist. Das würde nicht nur die Planungssicherheit erhöhen, sondern auch institutionelle Investoren anziehen, die langfristig denken, aber Ausführungsrisiken scheuen.
Der richtige Rahmen für Investition und Innovation
Hier liegt die zentrale Herausforderung: Die deutsche Regulierung ist historisch auf Versorgungssicherheit ausgerichtet – ein wichtiges Gut. Doch in einer Welt, in der Energie und Daten verschmelzen, reicht das nicht mehr. Wir brauchen einen Regulierungsrahmen, der Innovation ermöglicht und integrierte Infrastrukturprojekte aktiv erleichtert.
Das bedeutet konkret:
- Anreize für integrierte Projekte: Wer Rechenzentren mit erneuerbaren Energien koppelt, sollte von beschleunigten Genehmigungsverfahren profitieren oder regulatorische Vorteile erhalten, etwa bei Netzentgelten.
- Investitionsanreize für innovative Infrastruktur: Die Bundesnetzagentur muss anerkennen, dass innovative Infrastruktur höhere Anfangsinvestitionen erfordert und entsprechende Investitionsanreize schaffen.
- Digitale Genehmigungsverfahren: Behörden müssen in die Lage versetzt werden, Anträge digital, transparent und schnell zu bearbeiten.
Ohne diese regulatorischen Anpassungen wird auch der Deutschlandfonds sein Potenzial nicht entfalten können. Denn Deutschland steht im globalen Wettbewerb um Kapital. Pensionsfonds, Versicherungen und Staatsfonds suchen nach langfristigen, produktiven Anlagen. Doch sie investieren nur dort, wo Rahmenbedingungen Planungssicherheit bieten und Renditen mit Risiken im Einklang stehen.
Umsetzung durch strategische Partnerschaften
Damit Strategie und Kapital am Ende auch in realen Projekten münden, braucht es eine Modernisierung der Vergaberahmen und die Ermöglichung echter Partnerschaften zwischen öffentlichen und privaten Akteuren. Zu oft scheitern Infrastrukturprojekte nicht am Kapital, sondern an starren Prozessen, die Innovation und Geschwindigkeit ausbremsen.
Erfahrene Infrastrukturentwickler müssen mehr Eigenverantwortung erhalten – nicht weniger. Wer nachweislich liefern und umsetzen kann, sollte die Möglichkeit bekommen, Projekte von der Planung bis zum Betrieb zu verantworten. Das beschleunigt die Realisierung, minimiert Ausführungsrisiken und setzt kurzfristig hochwirksame Investitionen frei – von der Brückenmodernisierung bis hin zu integrierten Energie- und Digital-Assets.
Gleichzeitig muss der Staat klare Prioritäten setzen. Wo liegen die größten Engpässe? Welche Regionen haben das höchste Potenzial für integrierte Lösungen? Und wie können Genehmigungsbehörden so ausgestattet werden, dass sie schneller entscheiden können, ohne Abstriche bei der Qualität zu machen?
Deutschland kann gewinnen
Die Infrastrukturlücke ist real. Aber sie ist auch eine Chance. Wenn Deutschland jetzt die richtigen Weichen stellt – durch integrierte Planung, katalytisches Kapital und strategische Partnerschaften –, kann es die Lücke schließen und zum Vorbild für Europa werden.
Die Energiewende und die KI-Revolution sind keine getrennten Projekte. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Wer das versteht und entsprechend handelt, sichert nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland, sondern auch die Zukunft seiner Industrie.
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