Industrie : Mehr als grüne Imagepflege: Warum Unternehmen jetzt auf Energieeffizienz setzen sollten
Wenn es um Nachhaltigkeit geht, geraten Unternehmen schnell in einen vermeintlichen Zielkonflikt: Entweder man investiert in die Umwelt oder in die Wirtschaftlichkeit. Doch dieser Gegensatz ist ein Mythos – mit den richtigen Maßnahmen geht beides Hand in Hand, schreibt Thomas Schuhmann, Division Manager, Living Environment Systems, Mitsubishi Electric Europe.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Ein zentrales Instrument für nachhaltiges Wirtschaften – im doppelten Wortsinn – ist die Energieeffizienz. Mit ihr können Unternehmen Kosten senken, regulatorische Risiken minimieren und zugleich glaubwürdig zur Dekarbonisierung beitragen. Die Faktenlage ist eindeutig: Wer auf Energieeffizienz setzt, investiert nicht in ein teures „Nice to have“, sondern in die Zukunftsfähigkeit seines Unternehmens.
Kosten runter, Resilienz rauf
Allein der Stromverbrauch macht in energieintensiven Branchen zwischen 5 und 30 Prozent der laufenden Betriebskosten aus. Das Potenzial für Effizienzsteigerung ist enorm: In Industrie, Handel, Gewerbe und Dienstleistungen sehen Branchenverbände wie die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF) eine durchschnittliche Energieeinsparung von etwa 30 Prozent durch Effizienzmaßnahmen als realistisch an. Investitionen in effiziente Anlagen, Prozesse oder Gebäudetechnik amortisieren sich deshalb oft schon nach wenigen Jahren – während die Einsparungen dauerhaft bleiben.
Dazu kommt: Wer seine Energiebilanz verbessert, reduziert nicht nur seine Ausgaben, sondern auch seine Abhängigkeit von volatilen Energiepreisen. Gerade die Energiekrise der Jahre 2021 bis 2023 hat die Verwundbarkeit energieintensiver Unternehmen, etwa in der Chemie, Glas- und Metallverarbeitung oder der Papierindustrie, schonungslos offengelegt. Die Gaspreise stiegen an den Großhandelsmärkten in der Spitze um mehr als 400 Prozent, und der Strompreis erreichte an der Börse im Sommer 2022 zeitweise Werte von über 700 Euro/Megawattstunde – ein Niveau, das für viele mittelständische Betriebe zur Existenzfrage wurde.
Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) aus dem Jahr 2023 sahen sich rund ein Drittel der Industrieunternehmen gezwungen, Investitionen aufzuschieben oder ihre Produktion zu drosseln, weil die Energiekosten unkalkulierbar wurden. Wer in dieser Zeit bereits auf Energieeffizienz, eigene Erzeugung (z. B. Photovoltaik) oder strombasierte Technologien wie Wärmepumpen gesetzt hatte, war deutlich besser aufgestellt. Energieeffiziente Unternehmen konnten nicht nur ihre Betriebskosten stabil halten, sondern auch ihre Margen und Lieferfähigkeit sichern – ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Und obwohl sich die Energiepreise seit 2023 teilweise normalisiert haben, sprechen geopolitische Unsicherheiten, der Rückbau fossiler Infrastruktur und die steigende CO2-Bepreisung für dauerhaft erhöhte Preisniveaus und neue Schwankungsrisiken. Ab 2027 will die EU zudem die Sektoren Verkehr und Gebäude in den Zertifikathandel aufnehmen – was voraussichtlich einen höheren CO2-Preis nach sich ziehen wird. Das bedeutet: Jede eingesparte Kilowattstunde schützt nicht nur das Klima, sondern den Cashflow.
Gleichzeitig machen der European Green Deal und der kürzlich angekündigte Clean Industrial Deal der EU klar: Die Energieeffizienzvorgaben werden nicht lockerer, sondern ambitionierter. Wer frühzeitig in effiziente Systeme investiert, verschafft sich einen Wettbewerbsvorteil, nicht zuletzt durch niedrigere CO2-Abgaben, bessere ESG-Ratings oder Zugang zu Förderprogrammen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) etwa unterstützt Investitionen in Energieeffizienz mit bis zu 40 Prozent Tilgungszuschuss. Wer klug investiert, wird dafür belohnt.
Effizienz: Der unterschätzte Klimaschützer
Die Umweltwirkung von Effizienzmaßnahmen ist ebenfalls beachtlich. Laut Umweltbundesamt sind Effizienzsteigerungen in Deutschland ein zentraler Treiber für Emissionseinsparungen. Im Jahr 2022 lag die gesamte CO2-Emissionsminderung im Energiebereich bei rund 80 bis 100 Millionen Tonnen gegenüber dem Vorjahr, wobei ein erheblicher Teil auf Effizienzmaßnahmen entfiel. Und das, ohne dass dafür neue Technologien erfunden werden müssten: Vielfach geht es lediglich darum, bestehende Lösungen effizient zu nutzen und breiter zu implementieren.
Ein besonders anschauliches Beispiel ist der Gebäudebereich: Seit Einführung der EU-Ecodesign-Richtlinie 2009 ist der Stromverbrauch privater Haushalte in Deutschland zwischen fünf und sieben Prozent gesunken – trotz wachsender Zahl und Leistung der eingesetzten Elektrogeräte. Und auch im gewerblichen Sektor sind die Chancen enorm. Dabei müssen Unternehmen je nach Branche, Gebäudestruktur und Energiebedarf individuell passende Technologien kombinieren – von intelligenter Steuerung über effiziente Antriebssysteme bis hin zur Wahl des richtigen Wärmeerzeugers.
Wärme, Wasser, Strom, Luft: Die richtigen Hebel finden
Wärmepumpen sind hier ein zentraler Hebel für mehr Unabhängigkeit und Effizienz. Moderne Luft/Wasser-Systeme eignen sich für Wohngebäude aber auch für gewerbliche Anwendungen mit hohem Heiz- und Brauchwasserbedarf – etwa in Hotels, Produktionshallen oder Verwaltungsgebäuden. Diese Systeme erreichen Energieeffizienzklassen bis A+++ und ermöglichen Einsparungen von bis zu 75 Prozent an Primärenergie gegenüber fossilen Heizsystemen. In Kombination mit Solarstrom lassen sich nahezu emissionsfreie Wärmeversorgungskonzepte realisieren – und das bei stabilen Betriebskosten.
Besonders Luft/Luft-Wärmepumpen bieten hocheffiziente und kostengünstige Lösungen, insbesondere in diversen Gewerbeeinheiten, Büros oder Einzelhandelsflächen, und zunehmend auch Wohngebäuden. Sie vereinen Heizung und Kühlung in einem kompakten System, sind vergleichsweise einfach nachrüstbar und arbeiten mit hohem Wirkungsgrad – je nach Modell selbst bei winterlichen Außentemperaturen bis zu -28 °C. Damit sind diese Systeme besonders für den Sanierungsbereich und auch Regionen mit strengen Wintern interessant: Auch Bestandsgebäude, die bislang als „nicht wärmepumpenfähig“ galten, können so in die energetische Transformation einbezogen werden.
Ein weiteres Beispiel für technologiegetriebene Effizienz sind moderne Halbleiterlösungen auf Basis von Siliziumkarbid (SiC). Diese kommen in Frequenzumrichtern, Stromrichtern und Industrieanlagen zum Einsatz – etwa im Ausbau der Übertragungsnetze, im Maschinenbau und in der Automobilindustrie, aber auch in der Gebäudetechnik, der Bahntechnik, der Ladeinfrastruktur und zunehmend auch in Rechenzentren.
Überall dort reduzieren sie die Energieverluste bei der Umwandlung und Steuerung elektrischer Leistung um bis zu 30 Prozent. Damit einher gehen weniger Abwärme, kompaktere Systeme, längere Lebensdauer – und vor allem niedrigere Betriebskosten bei gleichem Output.
Und schließlich trägt auch die Gebäudeautomation maßgeblich zur Energieeffizienz bei: Intelligente Steuerungssysteme können Heizung, Kühlung, Beleuchtung und Lüftung bedarfsgenau regeln, etwa auf Basis von Raumbelegung, Wetterdaten oder Strompreissignalen. Die Vernetzung dieser Komponenten schafft Synergien und minimiert unnötigen Verbrauch.
Fazit: Energieeffizienz ist strategische Unternehmensentwicklung
Bei aller Vielfalt der technologischen Möglichkeiten gilt: Energieeffizienz beginnt nicht im Technikraum, sondern in der Unternehmensstrategie. Statt um einzelne Produkte geht es vielmehr um eine Haltung, die technologieoffen denkt und vor allem bereit ist, bestehende Prozesse zu hinterfragen. Wo das gelingt, wird Energieeffizienz ein zentrales Steuerungsinstrument für Unternehmen, die zukunftsfähig, wettbewerbsstark und klimafreundlich sein wollen. Sie reduziert Kosten, steigert die Resilienz, verbessert das Image und leistet einen sofort wirksamen Beitrag zum Klimaschutz.
Eine ausgeklügelte Nachhaltigkeitsvision für 2050 ist schön und gut – aber was wir wirklich brauchen, sind Entscheiderinnen und Entscheider, die heute handeln. Die Technologien sind da. Nutzen wir sie.
Thomas Schuhmann ist Division Manager, Living Environment Systems, Mitsubishi Electric Europe B.V. German Branch
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden