Energiekosten : Netzentgelte: Alle Optionen für Einsparungen müssen auf den Tisch
Die Stromnetze in Deutschland müssen in den kommenden Jahren massiv ausgebaut werden. Eine Folge: steigende Netzentgelte, die Haushalte belasten und für Unternehmen zum Wettbewerbsfaktor werden. Eva Schreiner, Leiterin des Hauptstadtbüros des Bundesverbands der Energie-Abnehmer und Sebastian Bolay, Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie bei der DIHK, stellen in ihrem Standpunkt fünf Optionen vor, um den Kostenanstieg zu begrenzen.
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Ein flächendeckender und verlässlicher Zugang zu leistungsfähigen Stromnetzen ist entscheidend für die Elektrifizierung der Wirtschaft. Viele mittelständische Unternehmen benötigen eine Erweiterung ihrer Anschlussleistung, um ihre Prozesse zu elektrifizieren, zu flexibilisieren oder Anlagen anzuschließen. Zugleich sind die Netzentgelte als gewichtiger Teil des Strompreises mitentscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Kostensenkungen sind im Koalitionsvertrag dementsprechend als Top-Priorität benannt.
Netzentgelte könnten sich teilweise verdoppeln
Schon heute zahlen Unternehmen und private Haushalte in Deutschland hohe Netzentgelte. Und die Perspektive gleicht einem heraufziehenden Unwetter: Bis 2050 müssen – Stand heute – bis zu 1,5 Billionen Euro an Investitionen und Zinskosten über die Netzentgelte refinanziert werden – eine immense Belastung für die Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Laut einer Studie von Frontier Economics im Auftrag der DIHK könnten die Netzentgelte bis 2045 um rund 50 Prozent für private Haushalte sowie 60 bis 70 Prozent für Gewerbe und Industrie ansteigen. Bei sehr großen Industriebetrieben sind sogar Anstiege von 130 Prozent möglich. Diese Steigerungen stehen unter der Prämisse, dass der Stromverbrauch durch Elektrifizierung deutlich zunimmt und entsprechend viele Schultern gemeinsam die Last tragen. Tut er das nicht, würden die Netzentgelte noch empfindlicher pro Kilowattstunde zu Buche schlagen.
Hohe Strompreise wiederum würden die Elektrifizierung weiter verlangsamen, was die Netzentgelte noch weiter steigen lassen könnte. Ein Teufelskreis, der die Stilllegung von Produktion weiter beschleunigen könnte. Umso dringlicher ist es, alle verfügbaren Optionen zur Kostensenkung auf den Tisch zu legen und systematisch zu bewerten.
Option A: Effizienter Netzausbau durch Netzdienlichkeit als Steuerungsinstrument für die Netznutzung
Ein offensichtlicher Hebel liegt im Umfang des Netzausbaus selbst. Weniger neue Stromleitungen bedeuten geringere Investitionskosten und im Nachgang geringere Betriebskosten. Wenn der Hochlauf von erneuerbaren Energien, Wärmepumpen und E-Mobilität gezielter gesteuert wird – etwa durch Lastmanagement, Speicherlösungen oder regionale Preissignale durch Netzentgelte –, könnte der Bedarf an neuen Leitungen reduziert werden. Die Bundesnetzagentur sollte deshalb die Netzentgelte an der Netzdienlichkeit ausrichten.
Allerdings zeichnet sich bereits ab: Viele Unternehmen, die eine Elektrifizierung ihrer Prozesse planen, scheitern beim Netzbetreiber, der ihnen einen Stromnetzanschluss oder eine Anschlusserweiterung erst in vielen Jahren bereitstellen kann. Steigt die Stromnachfrage schnell, weil die Netzbetreiber Anschlüsse rasch bereitstellen, könnte der Netzausbau wiederum zu langsam sein. Die Folge wären drastisch steigende Redispatch-Kosten und damit Netzentgelte. Es bleibt also ein Drahtseilakt, den Netzausbau in der notwendigen Geschwindigkeit und in der notwendigen Kapazität zu steuern, ohne zu schnell, zu langsam oder zu groß, zu klein zu sein.
Option B: Digitalisierung und Standardisierung als Effizienzhebel
Ein bislang unterschätzter Hebel liegt in der Digitalisierung und Standardisierung der Netztechnik. Deutschland gleicht in vielen Bereichen einer „Energiewende-Manufaktur“. Transformatoren, Zählerschränke und Messtechnik sind hierzulande oft doppelt oder dreimal so teuer wie in anderen europäischen Ländern. Nicht zuletzt aufgrund fehlender Standards und hoher Individualisierung.
Ein flächendeckender Rollout digitaler Messsysteme und die Einführung flexibler Netzentgelte könnten den Netzausbaubedarf um bis zu 100 Milliarden Euro reduzieren. Zugleich würden standardisierte Komponenten auch auf Kundenseite erhebliche Einsparungen ermöglichen. Die Voraussetzung ist ein konsequenter regulatorischer Rahmen, der Digitalisierung und Standardisierung nicht nur erlaubt, sondern aktiv fördert.
Option C: Ambitionierte Effizienzvorgaben für Netzbetreiber
In natürlichen Monopolen besteht immer die Gefahr, dass Kunden hohe Renditen finanzieren müssen. Die Bundesnetzagentur hat erst vor kurzem festgestellt, dass die durchschnittliche Eigenkapitalrendite der Verteilnetzbetreiber bei 14 Prozent und das Erlösvolumen bei rund 23 Milliarden Euro liegt. Werte, von denen viele Branchen und gerade der Mittelstand nur träumen können.
Die Bundesnetzagentur ist hier gefordert, Transparenz zu schaffen und ambitionierte Effizienzvorgaben durchzusetzen. Netzkunden im europäischen Ausland bekommen oftmals ähnliche Leistungen für Netzentgelte, die unter den deutschen liegen. Die 866 Netzbetreiber sollten sich überlegen, wie sie von sich aus Kosten sparen.
Option D: Günstigere Finanzierung der Netzinvestitionen
Der vielleicht größte Hebel liegt in der Finanzierung der Netzinvestitionen. Auf jeden Euro Investition kommen über den Zeitverlauf bis zu 90 Cent an Zinskosten. Hier liegt eine enorme Belastung, zugleich aber auch ein enormer Hebel für Einsparungen. Schon ein Prozentpunkt weniger Eigenkapitalverzinsung könnte über 35 Jahre hinweg Einsparungen von bis zu 60 Milliarden Euro bringen.
Wenn der Staat selbst als Kapitalgeber auftritt, sinkt der Zinssatz von derzeit 5 bis 7 Prozent deutlich. Besonders beim Offshore-Ausbau, der ab den 2030er Jahren Netz-investitionen von bis zu 200 Milliarden Euro erfordert, sollte dieser Weg beschritten werden. Die Netzkunden würden durch breit genutzte und günstigere Finanzierungsoptionen langfristig um dreistellige Milliardenbeträge entlastet. Auch könnten private Haushalte und Unternehmen als Kapitalgeber eingebunden werden, was die Finanzierungskosten senken kann. Dem Gemeinschaftsprojekt Energiewende könnte dies einen Schub verleihen.
Option E: Netzanschlüsse beschleunigen
Die Elektrifizierung und der Stromverbrauch werden nur dann anwachsen und einem Teufelskreis wie oben beschrieben entgegenwirken, wenn Netzanschlüsse schneller als bisher möglich sind. Daher ist die Umsetzung des vom Bundestag dazu gefassten Entschließungsantrags überfällig.
Der Ausbau von Netzanschlusskapazitäten, die Verbesserung der Netztransparenz sowie die Einführung digitaler und transparenter Prozesse für Anschlussanfragen gehört deshalb zu den prioritären Maßnahmen, die zügig umgesetzt werden sollten. Wir brauchen Verfahren mit verbindlichen Fristen. Diese sind gemeinsam mit den Anschlussnehmern zu entwickeln
Ein Gesamtkonzept ist überfällig
Deutschland steht vor einer Richtungsentscheidung: Die Bundesregierung muss die Kostenentwicklung jetzt in den Griff bekommen und nicht erst, wenn die Belastungen für Haushalte und Wirtschaft nicht mehr tragbar sind. Der Bundeszuschuss zu den Netzentgelten von 6,5 Milliarden Euro verschafft eine Atempause, die genutzt werden sollte. Alle genannten Optionen müssen in einem Gesamtkonzept zusammengeführt werden. Bundesregierung und Bundesnetzagentur sind gefordert, hierzu einen klaren Plan vorzulegen!
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