Rechenzentrumsstrategie : Ohne Stromnetz keine KI
Rechenzentren sind das stark wachsende Rückgrat digitaler Wirtschaft. Doch ihr weiterer Ausbau hängt noch von einer anderen Infrastruktur ab: einem leistungsfähigen Stromnetz, an das Rechenzentren schnell angeschlossen werden müssen. Wenn Deutschland im Wettbewerb um digitale Investitionen bestehen will, müssen ausreichend Netzkapazitäten verfügbar sein. Dafür müssen Planungen, Genehmigungen und der energiepolitische Rahmen Schritt halten, schreibt Anke Hüneburg, ZVEI-Bereichsleiterin Energie.
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Streaming, Cloud-Anwendungen, Künstliche Intelligenz oder digitale Industrieprozesse – all diese Anwendungen laufen über Rechenzentren. Sie sind die physische Grundlage unserer digitalen Wirtschaft.
Mit der steigenden Nachfrage nach Rechenleistung wächst jedoch auch der Energiebedarf. Die Bundesregierung geht davon aus, dass der Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2045 um bis zu 60 Terawattstunden steigen könnte. Das entspricht einem durchschnittlichen Zuwachs von rund sechs Prozent pro Jahr – und bedeutet jährlich neue Rechenzentren mit mehreren Gigawatt Anschlussleistung.
Das heißt: Rechenzentren sind längst nicht mehr nur ein Thema der Digitalpolitik. Sie sind ein energie- und ein industriepolitisches Thema – und stellen weitere neue Anforderungen an unsere Strominfrastruktur.
Die angekündigte Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung muss diese Realität konsequent berücksichtigen und den erforderlichen Rahmen schaffen.
Rechenzentren sind strategische Infrastruktur
Rechenzentren ermöglichen datenbasierte Geschäftsmodelle für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Sie sichern industrielle Prozesse und treiben Innovationen wie Künstliche Intelligenz oder automatisierte Produktion voran. Dabei reicht die Bandbreite von großen Hyperscale-Rechenzentren für Cloud-Anbieter über Colocation-Zentren für Unternehmen bis hin zu Edge-Rechenzentren für Anwendungen in der Fläche.
Gemeinsam ist ihnen eines: Sie benötigen eine stabile und leistungsfähige Stromversorgung. Ohne eine verlässlich, strategisch geplante Energieinfrastruktur kann auch die digitale Infrastruktur nicht wachsen.
Das Stromnetz als Standortfaktor
Die verfügbare Netzkapazität wird damit zunehmend zum entscheidenden Standortfaktor für neue Rechenzentren. Engpässe im Übertragungs- und Verteilnetz bremsen bereits heute neue Projekte aus.
Das Problem ist strukturell: Rechenzentren lassen sich in zwei bis drei Jahren planen und bauen. Der Ausbau von Stromnetzen dauert oft fünf bis zehn Jahre.
Wenn Energieinfrastruktur und Digitalisierung nicht besser zusammengedacht werden, entsteht ein Planungsproblem. Investoren brauchen frühzeitig Klarheit darüber, wo Netzkapazität verfügbar ist. Ohne diese Transparenz drohen Projekte zu verzögern – oder an andere Standorte abzuwandern.
Deshalb braucht es eine vorausschauende und koordinierte Planung zwischen Netzbetreibern, Behörden und Betreibern digitaler Infrastruktur. Transparente Netzkapazitäten und verbindliche Netzausbau- und Netzentwicklungspläne können hier entscheidend helfen.
Netzanschlussverfahren müssen schneller werden
Neben dem Netzausbau spielt auch die Geschwindigkeit der Anschlussverfahren eine entscheidende Rolle.
Heute sind Netzanschlussprozesse häufig komplex, regional unterschiedlich organisiert und kaum digitalisiert. Für große Infrastrukturprojekte kann das zu langen Planungszeiten und Unsicherheiten führen.
Dabei liegt hier enormes Potenzial: Digitale und standardisierte Verfahren könnten neue Verbraucher deutlich schneller integrieren. Eine zentrale Plattform für Netzanschlussanfragen, einheitliche Anforderungen und verbindliche Bearbeitungsfristen würden Planungssicherheit – und einen Standortvorteil – schaffen.
Rechenzentren als Säule für Systemstabilität und Energieeffizienz
Rechenzentren sind nicht nur zusätzliche Stromverbraucher. Richtig integriert, können sie aktiv zur Stabilität des Energiesystems beitragen. Viele Rechenzentren verfügen über eigene Energie- und/oder Back-up-Versorgung, Speicher oder flexible Laststeuerung. Dadurch können sie Lasten zeitlich verschieben, auf Netzsignale reagieren oder Systemdienstleistungen bereitstellen. Solche Flexibilitätsoptionen können helfen, Stromnetze effizienter zu nutzen und erneuerbare Energien besser zu integrieren.
Damit dieses Potenzial gehoben werden kann, müssen regulatorische Rahmenbedingungen entsprechend ausgestaltet werden. Flexibilität und netzdienliches Verhalten sollten deshalb im Stromsystem anerkannt und wirtschaftlich attraktiv gemacht werden.
Als strategische Infrastruktur sollen Rechenzentren stärker in Notfall- und Wiederaufbaukonzepte des Stromsystems einbezogen werden. Sie können beim Wiederanfahren von Netzen nach Stromausfällen oder bei der Stabilisierung lokaler Netzbereiche einen wichtigen Beitrag leisten.
Eine engere Abstimmung zwischen Netzbetreibern, Regulierungsbehörden, Betreibern von Rechenzentren und Technologielieferanten kann helfen, dieses Potenzial systematisch zu erschließen. Gerade weil digitale Infrastruktur für Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft immer unverzichtbarer wird, muss ihre Einbindung in die Sicherheitsarchitektur des Stromsystems frühzeitig mitgedacht werden.
Auch die Energieeffizienz spielt eine wichtige Rolle. Viele Rechenzentren setzen bereits heute auf erneuerbare Energien, energieeffiziente Technologien oder die Nutzung von Abwärme.
Dieses Potenzial sollte konsequent weiterentwickelt werden. Innovative Ansätze – etwa Speicherlösungen oder neue Technologien wie Gleichstromnetze innerhalb von Rechenzentren – können dazu beitragen, Energie effizienter zu nutzen. Forschung und Entwicklung in diesem Bereich sollten daher gezielt gefördert werden.
Klar ist: Für mehr Rechenzentren in Deutschland brauchen wir eine stärkere Energieinfrastruktur. Netzanschlüsse, Netzausbau, Netzdigitalisierung und die Integration großer Stromverbraucher müssen konsequenter zusammengedacht werden. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Stromnetz selbst ausreichend Rechenleistung für einen resilienten Ausbau benötigt: Der Einsatz von Softwarelösungen und KI im Netz steigt gerade durch die Digitalisierung immer weiter.
Gerade deshalb dürfen wir beim Ausbau von Stromnetzen, Speichern und erneuerbaren Energien nicht nachlassen. Mehr Effizienz ist richtig, darf aber nicht mit „langsamer“ gleichgesetzt werden, sondern mit schlauer. Dafür brauchen wir Durchhaltewillen statt Richtungswechsel, um voranzukommen.
Denn eines steht fest: Ohne leistungsfähige und effiziente Stromnetze gibt es keine digitale Transformation – und umgekehrt. Diese Energieinfrastruktur ist das Fundament der elektrischen und damit der digitalen Zukunft unseres Landes.
Anke Hüneburg ist Bereichsleiterin Energie beim Verband der Elektro- und Digitalindustrie ZVEI.
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