Resilienz : Scheinsicherheit durch Datensperren – warum Transparenz unsere Stromnetze stärkt
Die öffentliche Verfügbarkeit von Daten zur Energieinfrastruktur ist mit den Anschlägen auf das Stromnetz in Berlin in die Diskussion geraten. Teile der Energiebranche wünschen sich weniger Transparenzpflichten. Ilka Cußmann vom Reiner Lemoine Institut warnt dagegen vor der Illusion von Sicherheit und sieht im Falle reduzierter Datenverfügbarkeit auch eine Gefahr für die Wissenschaft.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Nach dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz ist eine alte Forderung zurückgekehrt: Netzbetreiber und Behörden sollen weniger Daten über Stromnetze veröffentlichen. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert sogar, offene, community-getragene Datenbanken wie OpenStreetMap zu verbieten, da sie Daten kritischer Infrastruktur verfügbar machen.
Das Argument: Karten und Geodaten zu Trassenverläufen und Umspannwerken könnten potenziellen Angreifer:innen die Anschlagsplanung erleichtern. Was auf den ersten Blick nach Vorsorge klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als gefährliche Scheinsicherheit. Für eine sichere Energieversorgung müssen die Stromnetze resilienter werden, und genau dabei helfen offene Daten.
Die zentrale Annahme der Forderung des BDEW ist falsch. Die relevante Infrastruktur unserer Stromversorgung lässt sich nicht geheim halten. Oberirdisch verlaufende Hoch- und Höchstspannungsleitungen, Umspannwerke oder Kabelbrücken sind sichtbar. Man braucht weder OpenStreetMap noch Satellitenbilder oder Drohnenüberflüge, um sie zu finden. Ein Spaziergang reicht. Wer Schaden anrichten will, findet diese Anlagen ohnehin.
Richtig ist, dass viele dieser Informationen zusätzlich digital verfügbar sind – beispielsweise in offenen Geodatenbanken, auf frei zugänglichen Satellitenbildern oder in wissenschaftlichen Datenmodellen. Doch daraus folgt nicht, dass diese Daten die Ursache oder der Auslöser für Angriffe sind. Im konkreten Fall des Berliner Brandanschlags ist vollkommen unklar, ob die Täter:innen überhaupt auf OpenStreetMap oder ähnliche Quellen zurückgegriffen haben. Notwendig war das sicher nicht.
Illusion von Sicherheit
Der Versuch, nicht geheimhaltbare Informationen künstlich zu verschleiern, schafft lediglich eine Illusion von Sicherheit und lenkt von den eigentlichen Problemen ab. Statt uns mit symbolpolitischen Maßnahmen zu beschäftigen, sollten wir uns ehrlich machen. Unsere Energieinfrastruktur ist sichtbar, verwundbar und gleichzeitig unverzichtbar. Genau daraus folgt der Handlungsauftrag.
Resilienz, die Widerstandsfähigkeit des Systems, entsteht nicht durch Weglassen von Daten, sondern durch kluge Planung und robuste Auslegung von Infrastruktur. Räumlich voneinander getrennte Redundanzen im Stromnetz erhöhen die Sicherheit real. Genauso wie funktionierende Vorsorge- und Notfallkonzepte, schwarzstartfähige Inselnetze und neue Konzepte wie die Notstromversorgung durch Elektrofahrzeuge – sie helfen gegen Naturkatastrophen und technische Defekte ebenso wie gegen gezielte Angriffe. Kein Sturmschaden, kein technischer Defekt und kein Unfall lässt sich durch Datensperren verhindern.
Daten für Modellierung nötig
Dabei ist Datentransparenz kein Selbstzweck. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass wir unser Energiesystem weiterentwickeln können. Ich schreibe das nicht uneigennützig: Ich bin Wissenschaftlerin und forsche zur Transformation unserer Energiesysteme. Meine Kolleg:innen und ich nutzen täglich offene Netzdaten, sowohl solche, die Netzbetreiber im Rahmen ihrer Transparenzpflichten veröffentlichen, als auch Daten aus OpenStreetMap. Ohne sie wären zentrale Analysen und unsere Arbeit an der Verbesserung des Energiesystems nicht möglich.
Mit diesen Daten können wir modellieren, wie ein klimaneutrales, aber zugleich verlässliches Energiesystem aussehen kann. Sie helfen, Engpässe zu identifizieren, Szenarien für den Ausbau des Kraftwerksparks zu bewerten und Zukunftspfade für unser Energiesystem zu skizzieren. Und wir sind nicht die Einzigen: Projektierer nutzen offene Netzdaten, um potenzielle Netzverknüpfungspunkte für Wind- und Solaranlagen zu identifizieren.
Beratungsunternehmen bauen ihre Analysen und Dienstleistungen auf der Nutzung offener Netzdaten auf. Bürgerinitiativen und Umweltverbände informieren sich über bestehende und geplante Trassen. Ein informierter öffentlicher Diskurs über die Zukunft unserer Stromnetze ist ohne Datenverfügbarkeit nicht denkbar.
Wer diese Transparenz einschränkt, schwächt nicht Angreifer:innen, sondern Wissenschaft und demokratische Beteiligung an der Weiterentwicklung unseres Energiesystems. Jeder Euro und jede Arbeitsstunde, die in den Versuch fließen, faktisch öffentliche Informationen zu verschleiern, fehlen dort, wo sie dringend gebraucht werden: beim tatsächlichen Schutz und bei der Anpassung unserer kritischen Infrastruktur an eine sich rasant verändernde Welt.
Kollektives Wissen mobilisieren
Die Vorteile offener Daten zeigt auch der Blick in einen anderen Bereich: Open-Source-Software. Auch sie ist öffentlich einsehbar und gerade deshalb oft sicherer, weil viele Augen Fehler finden und diese gemeinsam behoben werden. Transparente Stromnetzdaten können ähnlich wirken. Sie eröffnen die Möglichkeit, kollektives Wissen zu mobilisieren und gemeinsam an besseren, robusteren Netzen und damit an einer sicheren Energieversorgung zu arbeiten.
Sicherheit entsteht durch Resilienz, durch Vorbereitung und durch die Bereitschaft, Realität anzuerkennen. Unsere Stromnetze sind sichtbar. Nutzen wir dieses Wissen, statt so zu tun, als ließe es sich verstecken.
Ilka Cußmann leitet den Forschungsbereich Transformation von Energiesystemen am Reiner Lemoine Institut.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden