Industrie-Transformation : Vom Gesetz zur Wirklichkeit – was Carbon Management in Deutschland jetzt braucht
CCS zuzulassen reicht nicht aus, um die deutsche Industrie auf dem Weg zur Klimaneutralität zu unterstützen, argumentiert Katharina Schubert von NRW.Energy4Climate. Die Bundesregierung müsse mit dem angekündigten Aktionsplan Carbon Management die richtigen Weichen stellen, damit Technologien und Infrastrukturen tatsächlich realisierbar werden.
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Deutschland hat in den vergangenen Monaten einen wichtigen Meilenstein erreicht: Das lang erwartete „Gesetz zur dauerhaften Speicherung und zum Transport von Kohlendioxid“ (KSpTG) erlaubt seit seinem Inkrafttreten im November 2025 die Abscheidung, den Transport und die Speicherung von CO2. Damit ist der Grundstein für den Umgang mit schwer vermeidbaren und unvermeidbaren CO2-Mengen und die „Erzeugung“ von Negativemissionen rechtlich gelegt.
Bei aller Euphorie gilt jedoch: Gesetze schaffen Möglichkeiten, garantieren aber keine Investitionen, da diese von der Wirtschaftlichkeit abhängen.
In Nordrhein-Westfalen stehen viele Projekte in den Startlöchern: In Erwitte/Geseke plant etwa die „Modellregion für klimaneutrale Zementproduktion“, künftig unvermeidbar entstehendes CO2 durch Pipelines abzutransportieren. Die Chemieindustrie arbeitet intensiv daran, Steamcracker mithilfe von CCS klimaneutral zu betreiben, verschiedene Modellprojekte erproben die CO2-Nutzung, und der Fernleitungsnetzbetreiber OGE plant bereits erste CO2-Leitungen durch NRW. Eine erfolgreiche Umsetzung im industriellen Maßstab hängt jedoch von weiteren politischen Weichenstellungen ab.
Die Bundesregierung rechnet bereits ab 2031 mit Emissionseinsparungen durch CCS und erwartet im Jahr 2040 jährlich immerhin über 26 Millionen Tonnen vermiedene Treibhausgasemissionen. Das kann nur gelingen, wenn der Ende März angekündigte und dringend erwartete „Aktionsplan Carbon Management“ Projekte rund um CO2-Abscheidung, -Transportinfrastruktur und -Speicherung jetzt gezielt unterstützt. Aus Gründen der Energie- und Kosteneffizienz ist dabei der CCS-Einsatz für schwer beziehungsweise unvermeidbare CO2-Mengen zu priorisieren.
Ganz konkret sind für den Hochlauf einer erfolgreichen Kohlenstoffwirtschaft in Deutschland die folgenden Maßnahmen entscheidend:
De-Risking von CO2-Infrastrukturen unterstützen
Pipelines sind die effizienteste Transportoption für abgeschiedenes CO2. Doch wie bei Wasserstoff besteht auch hier ein Henne-Ei-Problem: Ohne vorhandene Pipeline treffen Unternehmen keine Investitionsentscheidungen, ohne ausreichend Emittenten baut niemand Leitungen.
Für die Hochlaufphase ist daher wichtig, dass die Bundesregierung ein De-Risking-Instrument für die wichtigsten Transportkorridore einführt – angelehnt an den Wasserstoffhochlauf und das Amortisationskonto. Zudem müssen Netzentgelte möglichst kosteneffizient reguliert werden können.
Auch der multimodale Transport über Schiene und Schiff ist mitzudenken, da hier kurzfristig Kapazitäten zur Verfügung stünden und sich langfristig entlegenere Quellen anbinden lassen. Schiffs- und Schienentransport können – gut koordiniert und als Ergänzung zu einer entstehenden Leitungsinfrastruktur – den Hochlauf eines nachhaltig funktionierenden Transportsystems massiv beschleunigen, ohne unnötige und teure Redundanzen zu schaffen.
Finanzierungssicherheit durch CO2-Differenzverträge
Die aktuellen CO2-Preise von unter 100 Euro pro Tonne im ETS 1 sind zu niedrig für rentable CCS-Investitionen: Entsprechend hohe CO2-Preise werden erst für Mitte der 2030er-Jahre prognostiziert – mit den aktuell diskutierten Anpassungen am ETS 1 eventuell noch später. Im Zeitraum von 2030 bis 2035 rechnet eine aktuelle NRW.Energy4Climate-Analyse, die in Kürze veröffentlicht wird, mit CCS-Kosten von 220 bis 510 Euro pro Tonne CO2. Da CCS-Projekte viele Jahre Vorlauf benötigen, ist es wichtig, Unternehmen im Übergang gegen zu langsam steigende CO2-Preise abzusichern, insbesondere über CO2-Differenzverträge: Sie sichern die Projekte vorübergehend ab und schaffen eine ideale Brücke, um Investitionen auszulösen. Es muss sichergestellt sein, dass sie auch in den kommenden Jahren in mehreren jährlichen Ausschreibungsrunden substanzielle Mittel für CCS-Projekte bereitstellen.
Basis für Infrastrukturplanung und Industrietransformation
In der Hochlaufphase ist entscheidend, gezielt Ankerprojekte mit No-Regret-Anwendungen wie zum Beispiel in der Kalk- und Zementbranche zu unterstützen. Für die Planung nötiger Transportkapazitäten fehlen jedoch verlässliche Leitplanken: Denn Negativemissionen und CO2-Nutzung – Carbon Capture and Utilisation, kurz CCU – zur Deckung industrieller Kohlenstoffbedarfe können die CO2-Ströme in Deutschland und damit die Anforderungen an die Infrastruktur verändern, wie ein aktuelles IN4climate.NRW-Papier zeigt. Für beides fehlen derzeit verlässliche Anreizinstrumente. Die Entwicklung eines regulatorischen Rahmens wird auf EU-Seite noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Diese Lücke sollte der Bund schließen, zum Beispiel durch eine Kurzfriststrategie als Ergänzung zur Langfriststrategie Negativemissionen, wie wir gemeinsam mit der Stiftung Wissenschaft und Politik bereits angeregt haben.
Um die CCU-Kapazitäten besser abzuschätzen, ist vor allem zu klären, wie ein zentrales Ziel der Chemieagenda 2045, die Reduktion fossiler Rohstoffe, erreicht werden kann. Dabei stellt sich auch die Frage, welche Wertschöpfungsschritte zur Herstellung von nicht-fossilen Chemikalien inländisch angestrebt werden. Dies ist entscheidend für den Standorterhalt und -umbau der deutschen Chemieindustrie.
Energiewende als Basis für wirksames CCS stärken
Zusätzlich zu zentralen CO2-Hubs, also infrastrukturellen Sammelpunkten, an denen Energiebedarfe für die Aufbereitung des abgeschiedenen CO2 anfallen, entstehen durch die dezentralen Abscheideanlagen bei den Unternehmen selbst punktuell hohe Energiebedarfe. Die meisten CO2-Abscheideverfahren sind stromintensiv, das heißt, der Ausbau von Netzanschlusskapazitäten, die Kapazitäten im Verteilnetz und in Umspannwerken müssen mitgedacht werden. Dass CCS nur dann sinnvoll sein kann, wenn die erforderliche Energie klimaneutral ist, liegt auf der Hand. Der ambitionierte Ausbau lokaler Erneuerbarer Energien ist daher ebenso zentral wie die Planung eines gesicherten klimaneutralen Transports – insbesondere via Schiff und Schiene.
Um das Potenzial von CCS als Lösung für unvermeidbare fossile CO2-Mengen und Negativemissionen zu erschließen, ist es unerlässlich, dass binnen der kommenden fünf bis sieben Jahre großskalige Umsetzungsprojekte Praxistauglichkeit beweisen und zeigen, dass Carbon Management funktioniert. Die nächsten 12 bis 18 Monate sind dafür entscheidend. Das KSpTG hat die Tür geöffnet. Ein gezielter Aktionsplan muss nun die Voraussetzungen schaffen, damit Unternehmen diese Tür auch durchschreiten können. Das Momentum ist da. Nutzen wir es!
Dr. Katharina Schubert ist Geschäftsführerin der nordrhein-westfälischen Landesgesellschaft für Energie und Klimaschutz NRW.Energy4Climate.
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