Industrie : Wie Unternehmen kostengünstig Scope-3-Emissionen senken
500 Milliarden Euro sollen in den nächsten zehn bis zwölf Jahren in die Erneuerung der deutschen Infrastruktur fließen. Und auch auf europäischer Ebene stehen vergleichbare Pläne – getrieben durch Initiativen wie den Draghi-Plan – weit oben auf der Agenda. Das sei die Chance, unsere energieintensiven Industrien zu modernisieren und zu dekarbonisieren, erläutert Jürgen Peterseim, Director, Sustainability Services bei PwC Deutschland. Grüne Leitmärkte hält der Experte für das geeignete Instrument.
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„Wir wollen als marktgerechtes Instrument Leitmärkte für klimaneutrale Produkte schaffen“, heißt es im Sondierungspapier von Union und SPD. Gut so. Grüne Leitmärkte sind ein effizienter Weg, um die vielen Milliarden Euro, die Deutschland jetzt für seine Infrastruktur in die Hand nimmt, auch für die Modernisierung und Dekarbonisierung unserer energieintensiven Industrien zu nutzen.
Denn viele Technologien aus dem Bereich kommen zunehmend in die Jahre und sind damit prinzipiell schlechter gestellt als moderne Anlagen im Ausland. Das Problem: Wenn wir in Bahn-, Strom- und Wasserstoffnetze oder Straßen, Brücken und den Wohnungsbau investieren, kommen Stahl und Zement sowie chemische Grundstoffe genau daher. Wir sollten also dafür sorgen, dass diese Rohstoffe möglichst „grün“ sind. Zusätzlich sind CO2-arme Materialien für Unternehmen wichtig, um Klimaziele kostenoptimal zu erreichen und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft zu stärken.
Was versteht man unter grünen Leitmärkten?
Grüne Leitmärkte sollen bei umweltfreundlichen Produkten sowohl die Marktakzeptanz als auch die Nachfrage fördern. Im Fokus grüner Leitmärkte stehen Erzeugnisse der energieintensiven Grundstoffindustrie wie Stahl und Zement oder ausgewählte chemische Grundstoffe wie Ammoniak und Ethylen.
Viele Industrieprozesse basieren auf diesen Produkten. Und weil sie auch am Anfang wichtiger Wertschöpfungsketten in den unterschiedlichsten Branchen stehen, ist es wichtig, dass ihr ökologischer Fußabdruck möglichst gering ist. „Die Vision“, so der scheidende Wirtschaftsminister Robert Habeck, „ist das Windrad aus grünem Stahl, das auf einem Fundament aus grünem Zement fußt und das E-Auto, das nicht nur CO2-frei fährt, sondern auch aus grünem Stahl hergestellt wurde.“
Wie teuer sind grüne Leitmärkte?
Das Konzept der grünen Leitmärkte wird immer wieder als kostspieliger Irrweg kritisiert, der den Preis von Produkten verdoppele oder verdreifache. Diese Behauptung lässt sich leicht widerlegen, denn Materialkosten sind nur ein kleiner Teil von Produktkosten. Die Automobilkonzerne verbauen in einem Wagen durchschnittlich eine Tonne Stahl. Kostenpunkt: 500 Euro. Bei grünem Stahl erhöhen sich die Kosten um etwa 300 Euro. Im Premiumsegment fällt diese Differenz bei Gesamtpreisen von 80.000 bis 100.000 Euro kaum ins Gewicht.
Der Ausbau des Bahnnetzes kostet fast 37 Millionen Euro je Schienenkilometer. Dafür werden 110 Tonnen Stahl pro Kilometer verlegt. Kommt grüner Stahl zum Einsatz, dann verteuert sich das Schienennetz um wenige Promille. Die Beimischungsverordnung der Europäischen Union (ReFuelEU Aviation), nach der bereits nachhaltige Flugkraftstoffe verstärkt eingesetzt werden müssen, hat die Ticketpreise bei Kurzflügen in Deutschland um lediglich ein bis fünf Euro erhöht.
Auch im Chemiesektor sorgt die Defossilisierung dominanter Chemikalien nur für marginale Preisanstiege: Endprodukte verteuern sich um circa ein Prozent; in vielen Fällen bewegen sich die Preisanstiege lediglich im Promillebereich. Berechnungen zeigen etwa, dass der Einsatz von grünem Methanol in der Pharmaindustrie zu einem homöopathischen Preisanstieg von lediglich 0,003 Prozent bei Ephedrin führt – einem Alkaloid, das unter anderem den Blutdruck senkt.
Dem stehen CO2-Emissionseinsparungen von fünf Prozent gegenüber. Steckt die Konsumgüterindustrie grünes Ethylen in ihre Laufschuhe, dann verteuert das den Endpreis um nur 0,3 Prozent, die Emissionen sinken jedoch um acht Prozent. Grüne Düngemittel erhöhen den Endpreis um 0,3 Prozent, bewirken aber einen um fünf Prozent geringeren CO2-Ausstoß. Heißt: Grüne Leitmärkte sind nicht kostspielig, aber ein Gewinn für Unternehmen.
Klimaziele erhöhen den Handlungsdruck
Wenn wir international wettbewerbsfähig bleiben und die Dekarbonisierung vorantreiben wollen, müssen wir die energieintensiven Branchen modernisieren. Gerade die Umstellung auf CO2-armen Stahl ist ein wichtiger Hebel, um die deutschen und europäischen Klimaziele zu erreichen und die materialbezogenen Emissionen vieler Branchen zu senken. Da viele deutsche Stahlwerke ohnehin in die Jahre gekommen sind und mit modernen Anlagen im Ausland konkurrieren, wäre jetzt ein günstiger Zeitpunkt, in moderne, effiziente und damit auch grüne Anlagen zu investieren.
Denn erste Unternehmen kümmern sich bereits um Bezugsquellen für grünen Stahl. So will ein deutscher Premiumautomobilhersteller ab 2026 grünen Stahl aus Schweden einkaufen, auch erste Bahnbetriebe in Europa haben bereits eine Quote für grünen Stahl vereinbart. In Dänemark schlossen ein Energiekonzern und ein Windanlagenbauer eine Nachhaltigkeitspartnerschaft, um künftig Windturbinentürme und -blätter aus kohlenstoffarmem Stahl zu beziehen. Die Liste ließe sich fortsetzen, denn es gibt viele Produkte, die wegen grüner Materialien kaum teurer werden und langfristig preiswerter sind.
Dennoch reichen solche Einzelinitiativen noch nicht, um ein großes Werk für grünen Stahl tatsächlich auszulasten. Es gilt also, Einzelinitiativen in Einkaufsallianzen zu organisieren und die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass sie die Nachfrage nach grünen Produkten langfristig stärken und die deutsche Industrie langfristig wettbewerbsfähig halten.
Grüne Leitmärkte: Welche Hebel gibt es?
- Beschaffungsallianzen: Sie sind besonders effektiv, wenn sich private Unternehmen und die öffentliche Hand zusammenschließen. Berechnungen zeigen, dass oft fünf bis zehn Unternehmen genügen, die ihre Bedarfe bündeln, um ein grünes Stahlwerk auszulasten und dessen Investitionsrisiken zu senken. Auch die Käufer profitieren: Die steigende Nachfrage verringert die Kosten; selbst in geopolitisch volatilen Zeiten bleiben die Versorgung gesichert und die Nachhaltigkeitsziele erreichbar. Idealtypisch sind Allianzen von öffentlicher Hand, Energiewirtschaft, Maschinenbau, Automobilbranche und Verkehrssektor.
- Öffentliche Beschaffung: setzt mit einer verstärkten Nachfrage nach klimafreundlichen Produkten ökologische Standards. Denkbar wäre, dass bei öffentlichen Ausschreibungen Stahl, Zement oder Kunststoffe eine bestimmte CO2-Intensität einhalten müssen. Damit ist der Kohlenstoff-Ausstoß im Verhältnis zur Produktion gemeint. Die öffentlichen Einkaufsausschreibungen müssten entsprechend angepasst werden.
- Quotensysteme und Grenzwerte: kommen bei materialintensiven Gütern infrage. Bei Stahl oder Zement wären beispielsweise Auflagen denkbar, die vorgeben, dass ein bestimmter Prozentsatz grün verbaut werden muss. Das schafft Märkte und regt Investitionen an.
Wir müssen unsere energieintensive Industrie modernisieren, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und um unsere Klimaziele zu erreichen. Die aktuell anstehenden Infrastrukturinvestitionen aber auch privatwirtschaftliche Bedarfe an grünen Materialien müssen gebündelt werden, um diese Ziele kostenoptimal zu erreichen. In diesem Kontext sollten grüne Leitmärkte als ein kosteneffizientes Instrument sehr gelegen kommen.
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