Investitionen in Resilienz und Wärme : Warum Europas Energiewende ein neues Verständnis von Risiko braucht
Die Resilienz von Energiemarktstrukturen spiele bislang nur eine Nebenrolle bei Investitionsentscheidungen – und das sorge für eine fortbestehende Fragilität und Schockanfälligkeit der europäischen Wirtschaft insgesamt, argumentiert der Chef des Energiedienstleisters Getec, Pierre-Alain Graf. Um die Industrie auf klimafreundlichen Kurs zu bringen, müsse auch die Prozesswärmeerzeugung in den Blick genommen und Investitionen darin erleichtert werden, so Graf in seinem Standpunkt-Gastbeitrag.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Die europäische Energiewende hat messbare Fortschritte erzielt. Der Anteil erneuerbarer Energien ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, im Stromsektor liegt er inzwischen bei über 40 Prozent. Klimaziele sind politisch verankert, nachhaltige Finanzierungsinstrumente haben sich am Kapitalmarkt etabliert. Gleichzeitig nehmen die strukturellen Spannungen und politische Widerstände gegen die Energiewende zu. Energiepreise bleiben volatil, industrielle Standorte geraten unter Druck und zentrale Infrastrukturen stoßen zunehmend an physische und regulatorische Grenzen.
Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die lange unterschätzt wurde: Sind die heutigen Investitionen robust genug, um Klimaziele, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Stabilität gleichzeitig zu tragen? Berücksichtigen die geschaffenen Anreize die wirtschaftliche Realität der Industrie in genügendem Ausmaß?
Die Industrie als blinder Fleck der Energiewende
Dieser Zielkonflikt wird besonders deutlich in der Industrie. Sie verursacht rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union und ist zugleich in hohem Maße auf kontinuierliche und verlässliche Energieversorgung angewiesen. Dies gilt insbesondere für Prozesswärme, Dampf und Kühlung. Mehr als die Hälfte des industriellen Endenergieverbrauchs entfällt auf Wärme, ein großer Teil davon im mittleren und hohen Temperaturbereich. Diese Bedarfe lassen sich weder kurzfristig noch vollständig elektrifizieren.
Trotzdem konzentrieren sich politische Aufmerksamkeit und Investitionsströme weiterhin vor allem auf die Stromerzeugung. Der industrielle Wärmebereich spielt in der energiepolitischen Debatte eine nachgeordnete Rolle, obwohl hierfür bewährte Technologien verfügbar sind. Das ist weniger ein technologisches als ein strukturelles Problem. Die Energiewende wird stark aus der Perspektive des Strommarkts gedacht, während die industrielle Realität zu langsam adressiert wird.
Das Investitionsdefizit im industriellen Energiesystem
Wie groß diese Lücke ist, zeigen die Investitionszahlen. Die Europäische Investitionsbank beziffert den zusätzlichen Bedarf für Energie, Netze und industrielle Transformation in Europa auf rund 390 Milliarden Euro pro Jahr bis 2030. Ein erheblicher Teil entfällt auf Energieeffizienz, Wärmenetze, Abwärmenutzung und dezentrale Versorgungssysteme in Industrie und Gebäuden. Tatsächlich fließt bislang jedoch nur ein Bruchteil dieses Kapitals in entsprechende Projekte.
Der Grund liegt nicht im Reifegrad der Technologien, sondern in der Logik der Finanzierung. Industrielle Dekarbonisierungsprojekte sind standortgebunden, technisch komplex und individuell zugeschnitten. Sie lassen sich schwer standardisieren und passen nur begrenzt zu Finanzprodukten, die auf Skalierbarkeit und kurze Amortisationszeiten ausgelegt sind. So entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht. Projekte mit klarer Klimawirkung und langfristigem Nutzen bleiben an den Kapitalmärkten unterrepräsentiert, obwohl sie stabile Erträge liefern können.
Effizienz und Abwärme als wirtschaftlicher Hebel
Dabei ist das Potenzial erheblich. Studien von McKinsey und Agora Energiewende zeigen, dass allein durch Energieeffizienzmaßnahmen und Abwärmenutzung bis zu 30 Prozent der industriellen Emissionen in Europa bis 2030 reduziert werden könnten. In vielen Fällen gehen diese Maßnahmen mit positiven volkswirtschaftlichen Effekten und stabilen Renditen über die Projektlaufzeit einher. Verglichen mit anderen Klimaschutzoptionen zählen sie zu den kosteneffizientesten Ansätzen, insbesondere wenn sie systematisch in bestehende Standorte integriert werden.
Was fehlt, sind passende Rahmenbedingungen, um dieses Potenzial in die Breite zu tragen. Förderprogramme sind häufig fragmentiert, Genehmigungsverfahren langwierig und regulatorische Vorgaben ändern sich zu oft, um langfristige Investitionsentscheidungen abzusichern. Das erhöht die wahrgenommenen Risiken und verteuert Kapital, obwohl die zugrunde liegenden Geschäftsmodelle tragfähig sind.
Resilienz als unterschätzte ökonomische Größe
Hinzu kommt ein Defizit im Risikoverständnis. Resilienz beschreibt die Fähigkeit von Energie- und Industriesystemen, Preisschocks, Lieferausfälle und geopolitische Krisen zu bewältigen. In Finanzmodellen und der Politik wird sie bislang kaum systematisch berücksichtigt. Die vergangenen Jahre haben jedoch gezeigt, welche Kosten mangelnde Resilienz verursacht. Produktionsstillstände, staatliche Stützungsmaßnahmen und massive Energiepreisinterventionen waren die Folge fragiler Systeme.
Dezentrale und technologieoffene Energieinfrastrukturen können diese Risiken deutlich reduzieren. Sie stabilisieren Energiekosten, erhöhen die Versorgungssicherheit und verringern Abhängigkeiten von volatilen Importmärkten. Für Investoren bedeutet das langfristig planbare Cashflows, häufig indexiert und vertraglich abgesichert. Dieses Profil passt gut zu Infrastruktur-, Versicherungs- und Pensionskapital, wird jedoch bislang zu selten als solches bewertet.
Reale Wirkung statt formaler Nachhaltigkeit
Nachhaltige Finanzierung läuft Gefahr, sich zu stark auf formale Kriterien zu konzentrieren. Taxonomie, ESG-Scores und Offenlegungspflichten sind wichtige Instrumente, ersetzen aber keine reale Wirkung. Für industrielle Energieinfrastruktur ist nicht das Label entscheidend, sondern der Beitrag zum Gesamtsystem. Emissionsminderung, Kostenstabilität und Versorgungssicherheit müssen gemeinsam betrachtet werden.
Modelle wie Infrastructure as a Service zeigen, wie sich diese Perspektive praktisch umsetzen lässt. Sie ermöglichen es Industrie- und Immobilienunternehmen, ihre Energieinfrastruktur zu modernisieren, ohne eigenes Kapital zu binden. Investoren erhalten Zugang zu realwirtschaftlichen Projekten mit messbarem Impact und langfristiger Ertragslogik. Nach Einschätzung der Europäischen Kommission ließen sich auf diesem Weg erhebliche private Investitionen mobilisieren, sofern die regulatorischen Rahmenbedingungen verlässlich und technologieoffen ausgestaltet sind.
Was jetzt über Erfolg oder Scheitern entscheidet
Wenn Europa die industrielle Transformation beschleunigen will, muss es die Logik nachhaltiger Finanzierung neu justieren. Der Engpass liegt nicht im verfügbaren Kapital, sondern in dessen Allokation. Langfristiges Kapital ist vorhanden und sucht planbare, risikoarme Erträge. Industrielle Energieprojekte könnten genau dieses Profil bedienen. In der Praxis werden sie jedoch häufig als zu komplex, zu individuell oder zu regulatorisch unsicher wahrgenommen.
Diese Wahrnehmung ist das Ergebnis politischer und regulatorischer Rahmenbedingungen, nicht technischer Grenzen. Energieinfrastruktur wird über Zeiträume von 15 bis 30 Jahren geplant und finanziert. Dennoch orientieren sich viele Fördermechanismen, Genehmigungsprozesse und Bewertungsmodelle an kurzfristigen Logiken. Das erhöht die Kapitalkosten und verschiebt Investitionen in standardisierte, leichter vergleichbare Projekte, auch wenn deren systemischer Nutzen begrenzt ist.
Resilienz als wirtschaftlichen Wert anerkennen
Erstens braucht es daher Planungssicherheit für reale Infrastrukturinvestitionen. Verlässliche, technologieoffene Rahmenbedingungen sind für Investoren wichtiger als eine wachsende Zahl neuer Programme. Wer industrielle Effizienz, Wärmenetze oder dezentrale Versorgung mobilisieren will, muss regulatorische Kontinuität schaffen und Genehmigungsprozesse beschleunigen. Nicht durch Deregulierung, sondern durch Klarheit und Konsistenz.
Zweitens sollten Finanzierungsinstrumente stärker an der Systemwirkung ausgerichtet werden. Die zentrale Frage darf nicht lauten, welche Technologie eingesetzt wird, sondern welchen Beitrag ein Projekt zur Stabilität des Energiesystems leistet. Emissionsminderung, Kostenstabilität und Versorgungssicherheit sind keine konkurrierenden Ziele, sondern lassen sich in integrierten Infrastrukturlösungen gemeinsam erreichen. Industrielle Energieprojekte werden bislang zu selten unter diesem ganzheitlichen Blick bewertet.
Drittens muss Resilienz explizit als wirtschaftlicher Wert anerkannt werden. Eine zuverlässige fossilfreie Erzeugung, Effizienzmaßnahmen und lokale Energieintegration senken nicht nur Emissionen. Sie reduzieren Preisrisiken, verringern Abhängigkeiten von volatilen Märkten und erhöhen die Krisenfestigkeit von Standorten. Diese Effekte gehören systematisch in Risiko- und Renditemodelle von Investoren ebenso wie in öffentliche Förder- und Beihilferegeln. Solange Resilienz als Nebeneffekt behandelt wird, bleibt ihr wirtschaftlicher Nutzen unsichtbar.
Die Energiewende entscheidet sich nicht in Szenarien oder Zielpfaden, sondern in konkreten Investitionsentscheidungen. Dort, wo Energie täglich benötigt wird, wo Produktionsprozesse laufen und wo Versorgungsausfälle oder Preisschocks unmittelbare wirtschaftliche Folgen haben. Nachhaltige Finanzierung wird ihrem Anspruch erst dann gerecht, wenn sie diese Realität widerspiegelt. Nicht durch neue Begriffe oder zusätzliche Berichtspflichten, sondern durch Kapitalströme, die systemische Stabilität genauso honorieren wie Emissionsreduktion.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden