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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Industriepolitik 4.0: Deutschland muss Moonshots wagen

Adrian Locher, CEO von Merantix
Adrian Locher, CEO von Merantix Foto: Merantix

Was braucht Deutschland, um von der Industrienation zum „Software State“ zu werden? Es sind umfassende staatliche Investments in Forschung und Entwicklung nötig, schreibt Adrian Locher, CEO von Merantix. Er glaubt, dass sich ein Sinneswandel in Sachen Industriepolitik lohnen kann.

von Adrian Locher

veröffentlicht am 28.09.2021

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Deutscher Perfektionismus und Ingenieurskunst haben für das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre gesorgt und auch in den Jahrzehnten danach Wohlstand möglich gemacht. Davon geprägt haben sich im Laufe der Jahre zwei Grundsätze unter Manager:innen und Politiker:innen breit gemacht, die ihnen jetzt auf die Füße fallen: Das Primat der Bestandswahrung und das der Null-Fehlerkultur.

Der dadurch getrübte Blick auf neue, disruptive Ideen und Innovationen verändert „top down“ die Akzeptanz von Veränderungen. Statt zu fragen „Was kann uns das bringen?“ heißt es oft: „Was kann dabei schief gehen?“

So erklärt sich dann auch, warum es bei der Regulierung von Technologien immer darum geht, mögliche Anwendungsfälle direkt auszuschließen – ohne diese aber schon genau zu kennen. Das ist kein generisch deutsches, sondern ein europäisches Problem; wir verbauen uns so die Möglichkeit, im internationalen Wettbewerb Schritt zu halten oder gar Vorreiter zu werden.

Ein Umdenken wäre aber bitter nötig. In einer immer breiter digitalisierten und technologisierten Welt gibt es kein volkswirtschaftliches Szenario, in dem Hardware-Unternehmen wichtiger als Software-Unternehmen sind. Damit entscheidet sich unser Vorankommen und Wohlstand künftig daran, wie gut wir Software bauen können. Wenn wir das nicht erkennen, dann wandert ein immer größerer Teil der Wertschöpfung an amerikanische und chinesische Unternehmen, für die deutsche Konzerne dann nur noch – mit geringen Margen – die Hardware liefern dürfen. Das kann nicht Deutschlands Anspruch sein.

Deutschland braucht eine „Moonshot“-Denke

Wir – lies: die Politiker:innen und Unternehmer:innen hierzulande – müssen ins Machen kommen, um nichts zu verpassen. Gern wird hinsichtlich des technologischen Fortschritts von Moonshots gesprochen. Der Begriff Moonshot – wie er heute im Start-up- und Tech-Ökosystem verwendet wird – bezieht sich auf die Apollo-11-Mission, die den ersten Menschen auf den Mond bringen sollte. Der damalige US-Präsident John F. Kennedy erklärte Anfang der 1960er Jahre, dass sein Land als erstes den Mond betreten werde. Fast ein Jahrzehnt später sagte Neil Armstrong die heute berühmten Worte „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit“, während er seine Füße auf den Mondboden setzte. Damit haben die USA die Grundlage einer technologischen Überlegenheit in mehreren Gebieten über 50 bis 60 Jahre geschaffen.

Heute versteht man unter einem Moonshot ein bahnbrechendes Projekt, das nicht nur ehrgeizig, sondern auch alles andere als vorhersehbar ist. Die Risiken und Potenziale des Unterfangens sind schwer abzuschätzen, auch während des Entwicklungsprozesses, der Jahre dauern kann. Dieses Kalkül braucht es, denn um das nächste Level – „Software State“ statt Industrienation – zu erreichen, helfen keine inkrementellen Optimierungen, sondern es braucht groß gedachte Innovationen.

Dazu ist vor allem ein Sinneswandel unter liberalen Kräften notwendig: Eine intelligent gestaltete und ausbalancierte Industriepolitik ist nicht nur erwünscht, sondern notwendig, wenn es um die Förderung von neuen Grundlagentechnologien geht. Und in der Umsetzung von großen und risikobehafteten Ideen darf und muss es normal werden, dass auch viele davon scheitern. Soll im konkreten Fall heißen: Es ist ok, dass staatliche Institutionen vier oder fünf KI-Projekte unterstützen, die am selben Problem arbeiten. Und es ist auch ok, wenn vier von fünf solcher Projekte scheitern, eins dabei aber gelingt.

Nur durch dieses diversifizierte, im positiven Sinne wettbewerbsgetriebene Herangehen können „Moonshots“ erreicht werden. Warum das notwendig ist, zeigt etwa das Debakel bei der viel zu teuren, ungelenken Entwicklung der Cloud-Infrastruktur Gaia-X: Statt auf mehrere, im Gegensatz zu Konzernen auch kleineren Projektpartnern, wurde allein auf Großunternehmen gesetzt. Bis heute bleiben entscheidende Fortschritte des Projektes aus.

Mehr staatliche Mittel für Forschung und Entwicklung

Wer nun nach Lösungen für die aktuellen Herausforderungen sucht, der muss liberales Gedankengut zumindest teilweise beiseitelassen. Oder – wie oben beschrieben – den liberalen Charakter neu denken.

Um die Grundlagen für künftige Exzellenz zu schaffen, muss Deutschland mehr finanzielle Mittel für die Forschung und Entwicklung von Grundlagentechnologien – KI, Quantum Computing, Blockchain – investieren. Derartige Eingriffe des Staates oder gar die bloße Forderung stoßen schnell auf Widerstand; aber tatsächlich fallen unter den OECD-Staaten, zu denen Deutschland zählt, die staatlichen Ausgaben in Forschung und Entwicklung seit Jahren.

Aufgrund der technologischen Macht, die China aufbaut, verändert sich die Denkweise jedoch: Im Jahr 2020 versprach die französische Regierung, ihr Forschungsbudget im Rahmen einer neuen Forschungsstrategie über zehn Jahre um 30 Prozent zu erhöhen. Auch die japanische Regierung hat die Mittel für „Moonshots“ erhöht. Die neue US-Regierung plant ebenfalls mehr staatliche Investments in grundlegende Forschungsprojekte – und hat mit der DARPA, der Defense Advanced Research Projects Agency, seit Jahrzehnten ein erfolgreiches Beispiel dafür, wie das gelingt. Gleichzeitig kommt hierzulande eine Agentur für Sprunginnovation (SPRIND) viel zu langsam voran und scheitert an vergleichsweise simplen Themen wie Budgetfreigaben. 

Wann also wird die deutsche Politik tätig? Sicherlich muss eine neue Regierung hier Antworten finden. Seitens der Wirtschaft wird kräftig vorgelegt: 2019 haben Unternehmen in Deutschland so viel Geld für Forschung und Entwicklung ausgegeben wie nie zuvor. Laut Erhebung vom Stifterverband sind damals 76 Milliarden Euro in Innovationen geflossen.

Für eine „Industriepolitik 4.0“ – bezugnehmend auf die viel beschworene und durch neue Technologien geprägte „Industrie 4.0“ – braucht es vor allem seitens der Politik klare Signale für Technologie und die Bereitschaft für unkonventionelle Wege, die über das Verteilen von Milliarden an Start-ups hinausgehen. Signale, die nicht nur auf dem Papier gut aussehen – wie die Mitte des Jahres vorgelegte Open-Data-Strategie, die nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist –, sondern die eine Moonshot-Bewegung auslösen. Wenn wir den Fortschritt nicht aktiv mitgestalten, werden wir keine Deutungshoheit haben, was die Rahmenbedingungen und Werte eines breiten Technologieeinsatzes anbelangt.

Adrian Locher ist Co-Gründer und CEO des Venture Studios Merantix, das den Transfer von KI-Forschung zur Anwendung forciert.

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