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Energie & Klima

Standpunkt

Dringend gesucht: Ideenbooster für die Heizungsbranche

Martin Pehnt, Geschäftsführer des Instituts für Energie und Umweltforschung Heidelberg
Martin Pehnt, Geschäftsführer des Instituts für Energie und Umweltforschung Heidelberg Foto: Ifeu

Die Umstellung neuer Heizkessel auf 65 Prozent Erneuerbare bis 2025 braucht einen Innovationsschub: Clevere Wärmepumpen, Wärmenetze, eine Ausbildungsoffensive, Pop-up-Heizungen und soziale Abfederung. Die Umsetzung würde Milliarden Euro aus Gasimporten in die Wirtschaft vor Ort lenken, schreibt Martin Pehnt vom Ifeu in seinem Standpunkt.

von Martin Pehnt

veröffentlicht am 17.02.2022

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Der Schock sitzt tief. Drastisch steigende Erdgaspreise, insolvente Gasversorger, Diskussionen über Nord Stream 2 und die europäische Taxonomie: Die gegenwärtige Gaskrise macht deutlich, wie empfindlich wir vom klimaschädlichen Erdgas und vom Hauptlieferland Russland abhängen, von dem wir mehr als die Hälfte des deutschen Gasverbrauchs importieren. Selbst die einstigen Gas-Champions, die Niederlande, verabschieden sich von Erdgas als Energielieferant, seit es Erdbeben im Zusammenhang mit der Gasförderung gegeben hat.

Dennoch sind wir meilenweit von einem Gasausstieg entfernt. 2021 wurden über 650.000 neue Gaskessel in Deutschland verkauft. Manche der großen deutschen Heizungshersteller fokussieren nach wie vor auf diese Technologie. Die Bundesregierung hat darum eine Regelung angekündigt, die es in sich hat: Ab 2025 sollen neue Heizungsanlagen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden.

Doch damit diese Regelung Wirklichkeit wird, muss ein Ruck durch Heizungsbranche und Politik gehen.

Denn allein mit grünen Gasen ist diese Regelung nicht zu erfüllen. Würde man alle im letzten Jahr neu verkauften Gaskessel mit 65 Prozent Biogas versorgen wollen, müsste man jedes Jahr so viel Biogas zusätzlich auf den Markt bringen, wie derzeit insgesamt in Deutschland verkauft wird. Die Potenziale dafür gibt es nicht.

Auch grüner Wasserstoff oder synthetische, aus Windstrom produzierte Gase stehen in dieser Dekade nicht in den erforderlichen Mengen zur Verfügung und werden dringend in der Industrie und für flexible Spitzenlastkraftwerke gebraucht.

Schwenk zu Wärmepumpen und Wärmenetzen

Wir müssen daher grundsätzlich umschwenken: Wärmepumpen und – vor allem im städtischen Bereich – Wärmenetze sind die wichtigsten Zukunftstechnologien im Wärmemarkt. Das erfordert einen Abschied von alten Strukturen und einen Systemwechsel in Handwerk, Technologie und Politik.

Im Handwerk fehlt es an Fachkräften. Die Installation einer Wärmepumpe beispielsweise dauert etwa doppelt so lang wie die eines Ölkessels, dabei fehlen schon heute Heizungsinstallateurinnen und -installateure. Auch das Fähigkeitsspektrum muss sich vergrößern: Ein Heizungsinstallateur muss künftig auch in der Lage sein, den Stromanschluss einer Wärmepumpe selber zu erledigen, ohne einen Elektriker zu holen.

Dazu muss die Politik ein kräftiges Fachkräftepaket vorlegen: Mit Weiterbildungsprämien, einem geänderten Aufenthaltsrecht und einer europäischen Fachkräftekampagne. Vielleicht müssen wir noch weiter denken. Ein Praxisjahr nach der Schulzeit – im Handwerk, in der Pflege oder im Umweltschutz – könnte nicht nur wertvolle Arbeitskapazität bringen, sondern auch viele Nachwuchskräfte für die Wärmewende begeistern.

Auch Schornsteinfegerinnen und -feger bekommen eine neue Aufgabe. Sie sollten die Gebäudeeigentümer rechtzeitig darauf vorbereiten, dass die Gebäude „fit für Erneuerbare“ werden. Dazu gehört es, durch den Austausch einiger Heizkörper, kleinere oder größere Dämmmaßnahmen das Gebäude auf niedrige Heiztemperaturen zu trimmen. Die Häuser müssen „NT-ready“ werden: bereit für niedrige Temperaturen und klimaschonendes Heizen.

Ein Riesen-Innovationsschub bei den Kesselproduzenten

Nicht nur das Handwerk: auch die Kesselhersteller müssen weiterdenken. Neue Lösungen sind gefragt. Beispielsweise wohnungsweise Wärmepumpen als Ersatz für Gasetagenheizungen und Einzelöfen, die an ein kaltes, im Kamin verlegtes Nahwärmenetz angeschlossen werden. Kollektive, nachbarschaftlich geteilte Wärmequellen und Solarenergie für Wärmepumpen; Geräte, die die häusliche Wärme des häuslichen Abwassers nutzen: die Liste der Heizungsinnovationen ist lang. Solche Lösungen gibt es derzeit nur im Pilotmaßstab. Wir brauchen hier einen Rieseninnovationsschub.

Dazu gehören: Gaskessel, die bereits für eine spätere Hybridisierung mit einer Wärmepumpe standardmäßig vorgerüstet sind. Denn oft geht die Heizung im Winter kaputt und dann muss es mit der Reparatur schnell gehen. Nur wenn alle Heizungen nachrüstbar sind, wird vermieden, dass die Kunden sich in der Eile wieder für zwanzig Jahre an eine Gasheizung binden.

Wir müssen auch „Heizungsboxen“ oder vorgefertigte Heizzentralen in den Markt bringen, die (wie in den Niederlanden gängig) angeliefert und mit wenigen Handgriffen angeschlossen werden können. Und vor allem müssen die Preise für Wärmepumpen deutlich sinken – machbar durch zehnfach höhere Stückzahlen und Vereinfachungen.

Pop-up-Heizungen dringend benötigt

Mit dem Ausbau und der Erweiterung von Wärmenetzen, die gut mit Großwärmepumpe, Sonnenwärme, Ab- oder Erdwärme versorgt werden können, tut sich ein weiterer Bedarf auf: Temporäre Heizungen.

Der Ausbau eines Wärmenetzes dauert oft einige Jahre. Wenn aber in den Gebieten, die von den Kommunen als geeignet identifiziert werden, eine konventionelle Gasheizung ersetzt werden muss, dann müssen die Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer die Zeit bis zum Anschluss an das Netz überbrücken.

Wir brauchen darum „Pop-up-Heizungen“: günstige Übergangsheizungen, die nach fünf Jahren wieder ausgebaut und in ein anderes Haus eingebaut werden. Das wäre aber eine radikale Abkehr vom jetzigen Denken, wo Heizungen oft so lange betrieben werden, bis sie vollständig zusammenbrechen.

Politik muss das BEG neu aufsetzen

Und schließlich muss die Politik handeln. Denn die 65-Prozent-Regel wird nur funktionieren, wenn eine flankierende finanzielle Unterstützung da ist. Beispielsweise brauchen wir eine Förderung für die fast zwei Millionen Gebäude, die mit Gasetagenheizungen und Einzelöfen versorgt werden. Dazu kommen ineffiziente alte Nachtspeicherheizungen, die im Vergleich zu einer Wärmepumpe wahre Stromfresser sind. Für solche Einzelheizungen brauchen wir statt des Öltauschbonus eine Zentralisierungsprämie im Bundesprogramm effiziente Gebäude (BEG), mit der die Umstellung auf eine Zentralheizung gefördert wird. Mit dieser Förderung muss es gelingen, auch Gebäude von Wohnungseigentümerschaften zu dekarbonisieren.

Noch wichtiger: die Förderung der Umstellung in bedürftigen Haushalten. Denn die Wärmewende darf kein Luxusgut werden. Österreich führt 2022 ein neues Programm ein, das gerade die Haushalte mit niedrigen Einkommen zusätzlich zur normalen Förderung unterstützt. So etwas benötigen wir auch: „Sauber heizen für alle!

Dr. Martin Pehnt ist Geschäftsführer des Ifeu, Mitglied im Klima-Sachverständigenrat des Landes Baden-Württemberg und im Klimarat Hamburg. Das Ifeu – Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg forscht seit drei Jahrzehnten zur Wärmewende und entwickelt technologische Lösungen, Konzepte für Gebäude und Kommunen sowie Politikinstrumente.

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