Dekarbonisierung : Dekarbonisierung sichern, Industrie halten – warum Deutschland CCS braucht
Carbon Capture, Utilization and Storage (CCU/S) ist weit mehr als nur ein Klimaschutzinstrument. Die Technologie kann einen Beitrag dazu leisten, Standortschließungen zu vermeiden, schreibt Timm Kehler, Vorstand des Branchenverbandes „Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft“. Dieser Aspekt dürfe in der Diskussion nicht unter den Tisch fallen.
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Die Diskussion über Carbon Capture and Storage (CCS) hat sich in Deutschland in den vergangenen Monaten deutlich versachlicht. Politik, Industrie und Wissenschaft sind sich zunehmen einig: CCS ist ein notwendiger Baustein, um industriebedingte Emissionen zu reduzieren und Klimaziele erreichbar zu machen. Umso überraschender ist es, dass der BUND in seinem jüngsten Beitrag an dieser Stelle weiterhin mit überzogenen Alarmbegriffen und pauschaler Ablehnung argumentiert – und dabei wissenschaftliche wie politische Realitäten ausblendet. Klimapolitik braucht Debatte – aber sie sollte sich an Lösungen orientieren, nicht an Reflexen. „“
Wie groß der Kontrast ist, zeigt eine andere Meldung, die am selben Tag publik wurde: Der Chemiekonzern Dow wird zwei große, energieintensive Chemieanlagen in Ostdeutschland mit 550 Arbeitsplätzen schließen. Als Grund nennt der Konzern neben internationaler Konkurrenz auch die steigenden CO2-Kosten. Diese Nachricht reiht sich ein in ähnliche Meldungen der letzten Wochen, etwa von Ineos in Gladbeck und BASF in Ludwigshafen.
Mehr als nur ein Klimaschutzinstrument
Angesichts solcher Entwicklungen stellt sich die Frage, ob eine unversöhnliche Fundamentalkritik wie die des BUND tatsächlich ein verantwortungsvoller Beitrag für die öffentliche Diskussion des Klimaschutzes ist. Carbon Capture, Utilization and Storage (CCU/S) ist eben weit mehr als nur ein Klimaschutzinstrument. Es ist eine industriepolitische Option für Deutschland, um Standortschließungen entgegenzuwirken und Beschäftigten die Sorgen zu nehmen, die sie zunehmend in die Arme populistischer Kräfte am Rand des politischen Spektrums treiben.
Denn CCS, vom IPCC als unverzichtbares Instrument für Klimaneutralität anerkannt, ermöglicht es Unternehmen, ihre Emissionen eigenverantwortlich zu senken und so den finanziellen Belastungen des EU-Emissionshandels gezielt zu begegnen – Belastungen, die sonst Liquidität für Investitionen entziehen und Arbeitsplätze gefährden. Die Lage verschärft sich zusätzlich, da ab dem kommenden Jahr die kostenfreien Zuteilungen von ETS-Zertifikaten schrittweise auslaufen. Anstatt dauerhaft steigende Kosten für Zertifikate zu tragen, können Investitionen in CO2-Abscheidung, -Nutzung und -Speicherung direkt am Standort neue Handlungsspielräume schaffen – ohne langwierige Subventions- oder Umverteilungsverfahren. Damit befähigt CCS die Industrie, ihre Transformation selbstbestimmt und wirtschaftlich tragfähig zu gestalten, statt energieintensive Produktion ins außereuropäische Ausland zu verlagern.
CCS nicht künstlich beschränken
Ich möchte auf drei Aspekte des Beitrags konkret eingehen: Erstens sollten wir den Rahmen für CCS nicht künstlich beschränken. Es ist wichtig, dass alle potenziellen Industriekunden Zugang zur Technologie erhalten. McKinsey schätzt das jährliche Abscheidungspotenzial der Industrie in Deutschland auf 150 Millionen Tonnen CO2, ein erheblicher Teil davon ist prozessbedingt – vor allem in der Grundstoffchemie, der Zement- und Kalkindustrie sowie in Teilen der Stahlproduktion. Diese Emissionen sind nicht oder nur zu nicht wettbewerbsfähigen Kosten vermeidbar. Eine politische Einschränkung auf eine Teilmenge der Industrie würde CCS unnötig verteuern, da Skaleneffekte ungenutzt blieben.
Auch der kategorische Ausschluss von Gaskraftwerken wäre vor diesem Hintergrund falsch. Ja, es stimmt, dass wir als Gas- und Wasserstoffwirtschaft beim Neubau von Kraftwerken auf Wasserstoff als Dekarbonisierungslösung setzen und CCS nicht für Kraftwerke der öffentlichen Stromerzeugung priorisieren. Richtig ist aber auch, dass Gaskraftwerke der Industrie, etwa in Chemieparks, die rund um die Uhr Strom und Dampf liefern, potenzielle Kandidaten für CCS sind. Hier kann CO2-Abscheidung ökonomisch sinnvoll sein und zugleich die Auslastung der ohnehin erforderlichen Infrastruktur verbessern. Ein differenzierter Blick ist hier klug. Grundsätzlich gilt: Nur wenn CCS-Mengen skaliert werden, sinken die Kosten für Klimaschutz – und damit die Belastungen für Bürgerinnen und Bürger.
Zweitens: CCS wird nicht zu einem „flächendeckenden“ Leitungssystem mit „gigantischen Fehlinvestitionen“ führen. Leitungen und Speicherprojekte werden ausschließlich auf Basis betriebswirtschaftlicher Kriterien entwickelt. Nur dort, wo die Abscheidung und Speicherung von CO2 günstiger ist als der Kauf von ETS-Zertifikaten, werden solche Anlagen entstehen. Und nur dort, wo große CO2-Mengen an Punktquellen in industriellen Clustern anfallen, werden Leitungen sinnvoll sein – also in Regionen, in denen heute bereits zahlreiche Energie- und Produktleitungen verlaufen. Zudem stehen Pipelines im Wettbewerb mit anderen Transportoptionen wie Eisenbahn, Binnenschiff oder Lkw.
Drittens: Die Risiken sind beherrschbar. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) sowie das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung – die führenden geowissenschaftlichen Einrichtungen Deutschlands – sehen CCS ausdrücklich nicht als Hochrisikotechnologie. Norwegen speichert seit 1996 CO2 unter der Nordsee – ohne Zwischenfälle und mit breiter Unterstützung der dortigen Umweltbewegung. Auch in den USA, Kanada und Australien sind CO2-Transport und -Speicherung seit Jahren Praxis. Natürlich braucht CCS hohe Sicherheitsstandards, Überwachung und klare Haftungsregeln. Diese müssen geschaffen werden, sind aber nicht Gegenstand des aktuellen Gesetzentwurfs.
Mit dem Referentenentwurf hat die Bundesregierung einen Rahmen geschaffen, um CCS auch in Deutschland möglich zu machen. Entscheidend ist, dass daraus zügig ein verlässlicher Investitionsrahmen entsteht – mit klaren Regeln für Zugang, Transport und Speicherung. Denn jedes Jahr ohne Infrastruktur verzögert nicht nur Klimaschutz, sondern auch industrielle Planungssicherheit.
Über die inhaltliche Debatte hinaus steht CCS auch für eine zentrale gesellschaftliche Verantwortung: Es geht um mehr als Moleküle – es geht um gute Arbeit, industrielle Wertschöpfung und den sozialen Zusammenhalt in einem Land, das vor gewaltigen Umbrüchen steht. CCS schützt das Klima – aber eben auch Arbeitsplätze in energieintensiven Branchen, die nicht einfach ersetzt werden können. Wer sich für gerechten Klimaschutz einsetzt, darf diese Dimension nicht ausblenden – vielmehr geht es darum, mit Augenmaß und Offenheit Lösungen zu ermöglichen anstatt zu blockieren.
Timm Kehler ist Vorstand beim Verband die Gas- und Wasserstoffwirtschaft
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