Standortbedingungen : Europas Energieresilienz entscheidet über seine Wettbewerbsfähigkeit
Die Fähigkeit oder Unfähigkeit, eigenständig Energiesicherheit zu gewährleisten, wird nach Prognose von Jan Lozek Europas Zukunft bestimmen. Der Chef des Finanzinvestors Future Energy Ventures sieht die Lösung in einem konsequenten Ausstieg aus fossilen Energien.
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2025 hat eine tiefgreifende Verschiebung offengelegt. Auch der neue Krieg an der Straße von Hormus belegt: Die Energiewende ist längst keine rein ökologische Debatte mehr, sondern eine zentrale wirtschafts- und sicherheitspolitische Frage. Energie ist heute keine Commodity, die man einfach einkauft. Sie ist strategische Infrastruktur, vergleichbar mit Technologien wie Halbleitern oder digitaler Netzinfrastruktur. Wer sie nicht kontrolliert, verliert industrielle Wettbewerbsfähigkeit, Planungssicherheit und geopolitischen Handlungsspielraum.
Diese Neubewertung lässt sich an realen politischen Entscheidungen ablesen. Die EU hat beispielsweise beschlossen, ihre verbleibenden energetischen Abhängigkeiten von Russland vollständig zu beenden. Russische Gasimporte über Pipelines und Flüssigerdgas werden schrittweise eingestellt, wobei der Ausstieg bis spätestens Ende 2027 angestrebt wird.
Der aktuelle Status der Energieunabhängigkeit der EU ist allerdings ernüchternd: 15 der 27 Mitgliedstaaten sind weiterhin stark importabhängig und importierten im Jahr 2023 60 Prozent oder mehr ihrer Energie, was systemische Risiken offenlegt und Kosten im europäischen Binnenmarkt erhöht.
Gleichzeitig zeigt sich, dass Resilienz nicht nur geopolitisch geboten, sondern auch ökonomisch sinnvoll ist. Eine aktuelle Analyse des europäischen Verbandes Wind Europe in Kooperation mit Hitachi Energy kommt zu dem Ergebnis, dass ein beschleunigter Ausbau erneuerbarer Energien der EU bereits bis 2035 rund 330 Milliarden Euro an Energiekosten einsparen könnte, durch reduzierte Importkosten, stabilere Energiepreise und geringere Systemkosten.
Damit verschiebt sich die Debatte grundlegend: Es geht heute nicht nur um Emissionsziele, sondern um Preisstabilität, Kostensicherheit, Industrieattraktivität und strategische Unabhängigkeit.
Energie als Wettbewerbsfaktor
Energiepreise gehören heute zu den zentralen Standortfaktoren. Im internationalen Wettbewerb entscheiden sie darüber, ob energieintensive Industrien investieren, expandieren oder abwandern. Hohe, volatile Preise wirken wie eine versteckte Standortsteuer, die Wettbewerbsfähigkeit und Planungssicherheit erheblich beeinträchtigt.
Die Schwäche vieler EU-Mitgliedstaaten in Sachen Energieunabhängigkeit verdeutlicht dies: Trotz Dekarbonisierungszielen bezieht ein großer Teil der EU mehr als die Hälfte seines Energiebedarfs aus dem Ausland, oft aus geopolitisch sensiblen Regionen. Diese Importabhängigkeit erhöht nicht nur Kosten, sondern verschärft auch strukturelle Risiken in Industrien wie der Chemie, der Stahlproduktion oder der Maschinenbauindustrie.
Resilienz bedeutet deshalb mehr als die Diversifizierung von Lieferanten. Sie bedeutet die Transformation des Energiesystems selbst, weg von importierten fossilen Rohstoffen und hin zu lokal erzeugter, digital gesteuerter und flexibel integrierter Energie.
Infrastruktur schlägt Symbolpolitik
Der entscheidende Hebel liegt in der Infrastruktur. Es sind nicht allein ambitionierte Ziele, die einen Unterschied machen, sondern die Fähigkeit, Energie effektiv zu managen, zu speichern und intelligent zu verteilen. Ein resilientes Energiesystem benötigt:
- massive Investitionen in Netzinfrastruktur, inklusive Hochspannungsleitungen und intelligenter Netzsteuerung
- skalierbare Speicherlösungen, um volatile Erzeugung auszugleichen
- digitale Plattformen für Demand Response, Lastverschiebung und Echtzeitsteuerung
- beschleunigte Genehmigungsverfahren für strategische Energieprojekte.
Diese Investitionen sind kein Selbstzweck. Sie sichern Preisstabilität, ermöglichen industrielle Elektrifizierung, reduzieren Betriebskosten auf Unternehmensebene und schaffen Planungssicherheit über Regulierung und Bilanzzyklen hinweg.
2026 als strategischer Belastungstest
In diesem Jahr wird sich zeigen, ob europäische Länder bereit sind, ihre Energiepolitik konsequent als Resilienzpolitik zu begreifen. Der Ausbau erneuerbarer Erzeugung allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, ob parallel gezielt in lokale Energiesysteme, Speicherlösungen und digitale Netzinfrastruktur investiert wird – nicht aus klimapolitischem Idealismus, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit.
Lokale Energiesysteme, von industriellen Microgrids bis zu regional integrierten Energieclustern, reduzieren die Abhängigkeit von zentralisierten Importstrukturen und erhöhen die Versorgungssicherheit. Speichertechnologien gleichen volatile Erzeugung aus und stabilisieren Netze über Lastspitzen hinweg. Digitale Plattformen und Echtzeitsteuerungssysteme schaffen Flexibilität, vermeiden Engpässe und reduzieren systemische Kosten.
Gleichzeitig darf Resilienz nicht national gedacht werden. Europa ist ein Binnenmarkt und dieser Binnenmarkt ist seine größte Stärke. Grenzüberschreitende Netzintegration, koordinierte Speicherstrategien und gemeinsame Infrastrukturprojekte können Skaleneffekte erzeugen, die kein einzelnes Mitgliedsland leisten kann.
2026 ist damit mehr als ein weiteres Transformationsjahr. Es wird ein Test für Europas Fähigkeit, kritische Energieinfrastruktur resilient zu gestalten, Investitionen in strategische Systeme zu mobilisieren und den Übergang zu einer sicheren, effizienten und technologisch unabhängigen Energieversorgung aktiv zu steuern, statt nur auf externe Schocks zu reagieren.
Kapital, Sicherheit und wirtschaftliche Logik
Auch die Kapitalmärkte haben diese Verschiebung erkannt. Energieinfrastruktur wird zunehmend als strategisches Asset bewertet. Investoren allokieren Kapital dorthin, wo Kosten gesenkt, Risiken reduziert und Versorgungssicherheit erhöht werden. Energie ist kein Risiko mehr, das man absichert; sie ist ein Werttreiber, den man optimiert und monetarisiert.
Der wirtschaftliche Kern der Energiewende wird damit klarer: Es geht um Preis, Stabilität und industrielle Zukunftsfähigkeit. Emissionsreduktion bleibt wichtig, aber sie folgt zunehmend der ökonomischen Logik effizienter Systeme. Wer günstiger, stabiler und unabhängiger Energie bereitstellt, verschafft sich nicht nur einen Wettbewerbsvorteil, sondern verbessert auch seine Kapitalrentabilität.
Europa steht damit vor einer industriepolitischen Entscheidung: Entweder gelingt es, Energieinfrastruktur konsequent als strategischen Wettbewerbsfaktor zu behandeln – oder es droht eine schleichende Erosion industrieller Substanz zugunsten ökonomisch robusterer Regionen.
2026 ist ein Jahr, in dem sich entscheidet, ob Europa seine Energiepolitik strategisch neu ausrichtet. Der politische Wille ist formuliert, die ökonomischen Argumente sind evident, und die geopolitischen Risiken sind unbestreitbar.
Nun entscheidet sich, ob Genehmigungsverfahren beschleunigt, Investitionen mobilisiert und Kooperationen vertieft werden oder ob strukturelle Hemmnisse den Fortschritt bremsen. Resiliente Energie ist kein Randthema der Wirtschaftspolitik. Sie ist das Fundament europäischer Wettbewerbsfähigkeit im 21. Jahrhundert.
Jan Lozek ist Geschäftsführer und Gründer von Future Energy Ventures.
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