Netzreform : Kupfer reicht nicht – moderne Stromnetze sind ein Wirtschaftsfaktor
Die Regulierung der Stromnetze steckt in der Nachkriegszeit fest. Die Bundesnetzagentur hat zwar mit NEST und AgNes zwei große Reformprozesse angestoßen, wird aber zunehmend von Netzbetreibern und deren Verbänden ausgebremst, argumentiert der Deutschlandchef des Stromanbieters Octopus Energy, Bastian Gierull. Er fordert die Behörde auf, am Reformkurs festzuhalten. Anderenfalls dürfte der Netzausbau noch teurer werden als bislang mit 700 Milliarden Euro veranschlagt.
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Knappe Netzkapazitäten sind zu einer handfesten Bedrohung für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung geworden. Denn Netzkapazitäten fehlen heute nicht mehr nur für den Anschluss neuer Windparks im Norden. Sie fehlen für die Ansiedlung moderner Industrieparks, für die Versorgung von Krankenhäusern, für Stromspeicher und – wie es die jüngste Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung schmerzlich verdeutlicht – für die digitale Infrastruktur von morgen. Ohne einen garantierten und schnellen Netzzugang verliert Deutschland im globalen Wettbewerb um die Schlüsseltechnologien der Zukunft den Anschluss.
Schon heute werden die Ausbaukosten für Stromnetze im Rahmen der Energiewende auf teilweise über 600 Milliarden Euro bis 2045 beziffert. Allein auf die Verteilnetze entfällt laut Netzplänen der Betreiber davon eine Summe von rund 200 Milliarden Euro, ein jährlicher Investitionsbedarf von etwa zehn Milliarden. Der BDEW rechnet gar damit, dass sich die jährliche Investitionssumme bis 2030 auf 15,4 Milliarden Euro erhöhen wird.
Der rein physische Netzausbau stößt aber schon heute an personelle, materielle und zeitliche Grenzen. Wer derzeit einen Großspeicher ans Netz bringen will, muss mit einer Wartezeit von mindestens fünf Jahren rechnen. Betreiber von Rechenzentren dürfen rund sieben Jahre warten. Die Netzbetreiber werden uns aus dieser Krise nicht „herausbaggern“ können. Und auch ein politisch veranlasstes Zurückfahren des Erneuerbaren-Ausbaus ermöglicht maximal eine kurze Verschnaufpause.
Ohne grundlegende Netzreformen kann es kein Wirtschaftswachstum, keine Energiewende und keine souveräne KI aus deutschen Rechenzentren geben.
BNetzA erkennt Problem – viele Netzbetreiber nicht
Mit der Bundesnetzagentur hat der wichtigste Akteur die Probleme erkannt und mit NEST („Netze.Effizient.Sicher.Transformiert“) und AgNes („Allgemeine Netzentgeltsystematik“) zwei weitsichtige Reformprozesse gestartet. Die Anreizregulierung NEST soll die Vergütung der Stromnetzbetreiber grundsätzlich überarbeiten. Hier wird festgelegt, wie viel Netzbetreiber verdienen dürfen. AgNes legt fest, welche Netznutzenden nach welcher Methodik Netzentgelte zahlen.
Doch dagegen formiert sich zunehmend Widerstand. In den laufenden Verfahren wird die Haltung vieler Netzbetreiber und deren Verbände von einem Festhalten am Status Quo bestimmt. Diese Netzbetreiber, sowohl auf Übertragungs- als auch Verteilnetzebene, wehren sich pauschal gegen Veränderungen. Und werden damit ihrer wichtigen Rolle, die sie und der Netzbetrieb für die Allgemeinheit haben, nicht gerecht.
Tatsächlich ist die Transformation von einer analogen Hardware-Welt in ein digital gesteuertes System eine enorme operative Belastung. Doch der Weg zurück ist keine Option. Wir müssen die Sorgen der Netzbranche ernst nehmen, aber gleichzeitig die Rahmenbedingungen so verändern, dass digitaler Fortschritt belohnt und nicht bestraft wird.
Die Netzregulierung krankt an einer CAPEX-OPEX-Asymmetrie
Bisher krankt die sogenannte Anreizregulierung für Netzbetreiber an einer tief verwurzelten Schieflage des Systems: einer CAPEX-OPEX-Asymmetrie.
Aktuell ist es betriebswirtschaftlich oft attraktiver, Milliarden in physische Anlagen (CAPEX) zu investieren, als in kostengünstigere digitale Lösungen oder die Einbindung von Flexibilität (OPEX). Solange ein neues Kabel sicher verzinst wird, aber Softwarelösungen, der Einsatz von Lastflexibilität und Kooperationen mit Aggregatoren zu Kostenrisiken führen, wird sich ein intelligenter Netzbetrieb nicht in der Breite durchsetzen. Eine von uns beauftragte Kurzstudie von EERA Consulting zeigt auf, dass dieser Fehlanreiz korrigiert werden kann.
Die BNetzA plant jetzt, die Anreize der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) für CAPEX und OPEX stärker anzugleichen. Ein richtiger Ansatz. So werden Netzbetreiber veranlasst, indifferenter gegenüber Kostenkategorien zu agieren und die tatsächlich günstigste Lösung zu wählen.
Für Verteilnetzbetreiber (VNB) sollte ein ähnliches, auf Gesamtkosten (TOTEX) fokussiertes Prinzip spezifisch für die Kosten des Engpassmanagements eingeführt werden. Dann können VNB freier entscheiden, ob sie CAPEX in Netzverstärkung investieren oder bestehende Umspannwerke durch bessere Digitalisierung und Nutzung flexibler Lasten (OPEX) noch etwas länger nutzen.
Aber auch kleinere NEST-Anpassungen könnten die CAPEX-OPEX-Asymmetrie für VNB verringern. Etwa durch kluge Kriterien in der sogenannten Effizienzbewertung. Momentan nutzt die BNetzA dafür unter anderem die Spitzenlast. Netzbetreiber, die nicht nur auf Netzausbau, sondern auch auf Flexibilität und digitale Lösungen setzen, werden so oft noch benachteiligt.
Netzebenen müssen zusammengedacht werden
Eine weitere Schieflage ist das mangelnde Zusammenspiel der Netzebenen. VNB könnten zwar durch die Nutzung von Verbrauchsflexibilität, zum Beispiel über dynamische Netzentgelte, die Engpassmanagementkosten auf den vorgelagerten Ebenen reduzieren. Allerdings entstehen ihnen dadurch selbst Kosten, die sie nur begrenzt weiterreichen können.
Sinnvoll wäre deshalb ein System von „Side-Payments“, bei dem Einsparungen (beziehungsweise die Bonuszahlungen für diese) auf der einen Netzebene anteilig an die Akteure auf den unteren Netzebenen weitergegeben werden, die sie durch intelligenten Betrieb ermöglicht haben.
So können neue Anreize für VNB entstehen, zum Beispiel die in AgNes vorgeschlagenen dynamischen Netzentgelte frühzeitig umzusetzen und die nötigen IT-Anpassungen vorzunehmen. Das Flexpotenzial in den unteren Ebenen kann genutzt werden, um Engpässe in oberen Ebenen aufzulösen. Dadurch sinken die Netzkosten der Netznutzer auf allen Ebenen.
Netzpolitik ist Wirtschaftspolitik
Netzpolitik ist inzwischen alles andere als ein Nischenthema. Ein effizienter Netzbetrieb ist heute ein entscheidender Standortfaktor, vergleichbar mit der Verfügbarkeit von Fachkräften oder einer funktionierenden Verkehrsinfrastruktur.
Wir dürfen diese Debatte nicht nur den Netzbetreibern und ihren Verbänden überlassen. Die Bundesnetzagentur muss die anstehenden Detailregelungen zu NEST und AgNes jetzt mutig ausgestalten. Es geht darum, minimalinvasive, aber langfristig wirkende Anreize für mehr Digitalisierung und Flexibilität zu setzen.
Bastian Gierull ist Deutschlandchef des Stromanbieters Octopus Energy.
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