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Standpunkt

Wie geht es mit der Psychoanalyse weiter?

Foto: privat

Es gebe eine Kluft zwischen psychoanalytischer Praxis und der Forschung in der akademischen Psychologie, meinen Jakob Müller und Cécile Loetz. Die Diplompsychologen und Psychoanalytiker erklären in ihrem Standpunkt, warum Schuldzuweisungen nichts bringen und es wichtig ist, die Psychoanalyse weiter für die Erkenntnisse der naturwissenschaftlich orientierten Forschung zu öffnen.

von Jakob Müller und Cécile Loetz

veröffentlicht am 11.08.2020

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Im Zuge der Einrichtung eines neuen Psychotherapiestudiengangs in Deutschland werden auch die Positionen der verschiedenen Psychotherapieverfahren neu verhandelt. Professor Rief und Professor Fydrich fordern in ihrem kritischen Standpunkt eine Annäherung der Psychoanalyse an die Forschung in der akademischen Psychologie. Die Kritik enthält berechtigte Aspekte, die etwa auch der Psychoanalytiker – und einzige nicht-verhaltenstherapeutische Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie in Deutschland – Cord Benecke in einer Arbeit aus dem Jahr 2014 differenziert und selbstkritisch diskutiert hat.

Was oftmals wenig bekannt ist: Psychoanalytische Verfahren haben sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt, ausdifferenziert und ihr Setting und ihre Behandlungsweisen immer wieder modernisiert. Viele ursprünglich psychoanalytische Konzepte sind auch von zeitgenössischen verhaltenstherapeutischen Ansätzen aufgegriffen worden, etwa in der Schematherapie. Es gibt zahlreiche empirische Studien zur Wirksamkeit psychoanalytisch begründeter Verfahren und deren Konzepte, unter anderem in den Neurowissenschaften, der Bindungsforschung oder der aktuellen Psychotherapieforschung. In Deutschland gibt es seit Jahrzehnten empirische Forschung zur Psychoanalyse, wie zum Beispiel am Frankfurter Sigmund Freud Institut oder seit einigen Jahren an der International Psychoanalytic University in Berlin.

Einseitige verhaltenstherapeutische Ausrichtung der akademischen Lehre

Dennoch gibt es weiterhin eine Kluft zwischen psychoanalytischer Praxis und der Forschung in der akademischen Psychologie. Um diese Kluft zu überbrücken, hilft tatsächlich kein Schuldzuweisen. Eine Psychoanalyse unter dem Dach eines neuen Therapiestudiums wird anders aussehen – aber auch die akademische Psychologie. Der Gesetzgeber sieht für den neuen Studiengang vor, dass alle wissenschaftlich anerkannten Richtlinienverfahren – und dazu gehört auch die Psychoanalyse – behandelt, gelehrt und weiterentwickelt werden sollen. Dies geschieht im Augenblick kaum. Nicht nur Studierende beklagen die einseitige verhaltenstherapeutische Ausrichtung der akademischen Lehre und Forschung in der Psychologie und fühlen sich über die unterschiedlichen Therapieverfahren nicht ausreichend informiert, wie in verschiedenen Befragungen festgestellt wurde. Aktuelle Entwicklungen in anderen Verfahren werden kaum rezipiert, junge Forschende, die ihr Interesse an Psychoanalyse mit einer Hochschulkarriere verbinden wollen, müssen sich gegen viele Widerstände und Vorbehalte durchsetzen. 

Die Forschung in der „neuen Psychotherapie“ darf keinem einzelnen Verfahren den Vorzug geben, sondern muss sich als Stätte begreifen, in der Gegensätze und Widersprüche zwischen verschiedenen Verfahren und Denkweisen ausgetragen werden können. Sie muss wissenschaftliche Herangehensweisen entwickeln, die auf die unterschiedlichen therapeutischen Realitäten abgestimmt sind. Dabei ist die Experimentalpsychologie ein wichtiger Zugang – aber nicht ausschließlich. Therapeutische Verfahren und psychische Erkrankungen müssen in ihrem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen fachübergreifend reflektiert werden. Auch andere methodische Zugänge zur Praxis, etwa hermeneutische und qualitative Forschungsansätze, müssen hierbei Platz haben.  

Wenn die Forschung ein Ungleichgewicht in ihrer Ausrichtung oder Forschungslücken feststellt, sollte sie sich allem voran selbst dafür zuständig fühlen. Wer sollte solch hochaufwendige und kostspielige Forschungsprojekte wie randomisiert-kontrollierte Studiendesigns tragen, wenn nicht die zu diesem Zweck öffentlich finanzierten Hochschulen und deren Forscher? Wohl kaum die praktisch tätigen psychoanalytischen Kollegen, die einen wesentlichen Teil der psychotherapeutischen Versorgung übernehmen, oder Fachverbände, welche die notwendigen Ressourcen nicht dauerhaft stemmen können.

 Psychoanalyse muss sich weiter modernisieren

Die Argumentation der Autoren, dass das Format von Langzeittherapien Wissenschaftler „nicht dazu einlade“, „sich damit zu beschäftigen“, gegebenenfalls, weil Kurzzeittherapien leichter zu beforschen seien, ist dabei fragwürdig. Therapien werden nicht unternommen, um Forschung anzulocken, sondern weil es in der jeweiligen Arbeit mit Patienten notwendig ist. Manche Therapieverläufe bedürfen ihrer Zeit und profitieren von längerdauernden Therapieansätzen, wie etwa jüngst die LAC-Studie der Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber und Kollegen es für chronisch verlaufende Depressionen herausgearbeitet haben – übrigens ein gutes Beispiel für verfahrensübergreifende Forschungskooperation. Dies gilt nicht nur für die Psychoanalyse, weshalb jüngst das Stundenkontingent für Verhaltenstherapien angehoben wurde, um auch hier längere Behandlungen zu ermöglichen. 

Die Psychoanalyse muss sich weiter modernisieren, wo vorhanden elitäre Strukturen aufbrechen und Antworten auf die Fragen finden, welche die beschleunigte Gesellschaft an unser psychisches Erleben stellt. Aber was heißt letztlich modern? Das ist eine Frage, die auch in der Wissenschaft immer wieder verhandelt werden muss. Professor Rief und Professor Fydrich wünschen sich, dass die Psychoanalyse eine Integration „in die Familie der Psychotherapien“ anstrebt. Tatsächlich ist es wichtig, dass sich die Psychoanalyse weiter für die Erkenntnisse der naturwissenschaftlich orientierten Forschung öffnet. Zugleich wissen wir auch: das schwarze Schaf in der Familie ist oftmals eine Person, die überraschend progressiv ist und von der das größte Veränderungspotential ausgeht. Familienkonflikte lösen sich selten allein dadurch, dass sich ein Mitglied den Vorstellungen des anderen anpasst.  Fortschritt und Entwicklung, dies vielleicht auch eine Lehre aus dem letzten politischen Jahrzehnt, entstehen nicht dadurch, dass man Differenzen einebnet, sondern Widersprüche aushält und austrägt – unter fairen Bedingungen. Vielleicht müssen manche dazu auch ihr Verständnis von Psychoanalyse modernisieren. 

Dr. Jakob Müller und Dr. Cécile Loetz sind Diplompsychologen und Psychoanalytiker sowie Autoren des Podcasts Rätsel des Unbewussten.

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