Standpunkt Smart City: Erfolg nur mit gemeinsamen Standards

Deutschland versucht beim Thema Smart City aufzuholen. Funktionieren wird das aber nur mit Open-Source-Lösungen und gemeinsamen Standards, schreibt Ulrich Ahle von Fiware in seinem Gastbeitrag.

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Deutschland ist bei der Digitalisierung im Bereich der Fertigungsindustrie (Industrie 4.0) weltweit führend. Diese digitale Kompetenz hat in vielen Bereichen der öffentlichen Verwaltung dagegen noch keine Umsetzung gefunden. Im europäischen Vergleich belegt Deutschland sogar einen der letzten Plätze bei der Digitalisierung im öffentlichen Bereich, wie es die aktuelle unten stehende Grafik der Europäischen Kommission belegt. Der zeitliche Vorsprung der führenden Länder wie Finnland, Estland, Spanien oder Niederlande im Vergleich zu Deutschland beträgt mehr als fünf Jahre. 

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Diese aktuelle Ausgangssituation in Deutschland bietet aber auch Chancen, lässt sich doch von den Erfahrungen führender Länder in Europa und auf globaler Ebene lernen. Der aktuelle Förderaufruf des Bundesinnenministeriums mit dem Titel „Smart Cities made in Germany“, der nun in die zweite Phase geht, bietet den deutschen Städten deutliche Unterstützungsmöglichkeiten. Die Auswahl der ersten 13 Gewinnerstädte im vergangenen Jahr ist vielfach kritisiert worden, unter anderem weil keine Metropolen berücksichtigt wurden. Bei einem gemeinsamen Treffen dieser Städte im Februar dieses Jahres wurde jedoch deutlich, dass Städte ausgewählt wurden, die eine deutliche Umsetzungskompetenz sowie eine ausgeprägte Bereitschaft zur Zusammenarbeit mitbringen.

Smart City: Nur mit gemeinsamen Standards

Der starke Fokus auf Open-Source-Lösungen, der auch im aktuellen Förderaufruf noch einmal verstärkt wurde, eint diese Städte. Noch wichtiger als die Entscheidung Open Source oder kommerzielle Lösungen ist jedoch die Zielsetzung gemeinsame Standards zu nutzen. Nur durch die Verwendung von einheitlichen Schnittstellen und Datenmodellen besteht die Möglichkeit, den Aufbau von Datensilos zu vermeiden und öffentliche Fördermittel effizient einzusetzen.

Die Instrumente für diese Standards im Bereich Smart Cities sind mittlerweile vorhanden und werden in vielen führenden europäischen, aber auch globalen Ländern genutzt. NGSI-LD ist das globale ETSI-Standard Schnittstellenformat für den Austausch von Kontext-Informationen in Smart Cities. Gemeinsam mit dem TM Forum (die globale Organisation der Telekommunikations- und IT-Unternehmen) und einer Reihe von internationalen Städten hat die Fiware Foundation zudem einheitliche Datenmodelle für Einsatzbereich wie die intelligente Parkraumbewirtschaftung, Beleuchtungssteuerung, Abfallwirtschaft und viele weitere entwickelt.

Hiermit werden die Fragen welche Daten und wie sie ausgetauscht werden, beantwortet und damit eine wesentliche Basis für die Vermeidung des sogenannten ‚Vendor lock in‘ gelegt. Wird dann zusätzlich bei der Implementierung Open Source basierte Software genutzt, lassen sich die niedrigsten Realisierungs- und Betriebskosten für die Endanwender erzielen. Führende Länder innerhalb und außerhalb Europas geben uns Beispiele dafür, wie diese Prinzipien umgesetzt werden können. Aber auch in diesen Ländern war die Erkenntnis für die richtige Vorgehensweise bei der Digitalisierung im öffentlichen Bereich nicht immer von Anfang an gegeben, sondern wurde in intensiven, auch kostenintensiven Lernprozessen erarbeitet.

Daten: Dienste müssen Bürger überzeugen

Neben der Frage der Technologie gilt es bei der Realisierung von Smart Cities einen weiteren, vielleicht noch wichtigeren Aspekt zu berücksichtigen. Ohne die frühzeitige Einbindung und breite Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger wird auch die beste Technologie nicht erfolgreich zu Einsatz gebracht werden können.

Ob es darum geht, zu entscheiden, wie man von A nach B kommt, oder ob man zu einem überfüllten Sonntagsmarkt geht oder nicht - es sind die Bürger, die dies selbst entscheiden möchten. Solange neue Anwendungen einen bequemen, aussagekräftigen und zeitnahen Zugang zu den von ihnen benötigten Diensten ermöglichen, werden die Nutzer diese Daten instinktiv verstehen und nutzen. Denn sie verbessern ihre Lebensqualität. Vorausgesetzt, sie erfolgen auf offene, private und sichere Weise unabhängig davon, ob sie ihre personenbezogenen Daten für sich behalten oder sie für das öffentliche Wohl zur Verfügung stellen.

Das Potenzial hat mindestens zwei Dimensionen: als Eckpfeiler nachhaltiger und integrativer Städte können digitale Technologien qualitativ hochwertige, nutzerorientierte digitale öffentliche Dienste für Bürger und Unternehmer liefern. Im Gegenzug kann das Management öffentlicher Dienste besser gehandhabt werden, was die Rechenschaftspflicht, das Vertrauen und die wirtschaftliche Entwicklung fördert. 

Ulrich Ahle ist CEO der Fiware Foundation e.V., einem weltweiten Netzwerk für Open-Source-Lösungen und Standards unter anderem für Smart Cities. Zuvor war er Vizepräsident bei Atos Deutschland. 

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