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Energie & Klima

Standpunkt

Wie mit Verhaltensänderungen sofort Öl und Gas gespart werden kann

Lisa Strippchen, Expertin Politik und Strategie, Deutsche Energie-Agentur
Lisa Strippchen, Expertin Politik und Strategie, Deutsche Energie-Agentur Foto: Dena

Das große Bild: Lisa Strippchen und Martin Albicker von der Dena zeigen in ihrem Standpunkt, wo die Schwerpunkte gesetzt werden müssen, um möglichst schnell von russischem Öl und Gas loszukommen. Kurzfristig sind Verhaltensänderungen aus ihrer Sicht entscheidend. Mittel- und langfristig müssen strukturelle Veränderungen folgen – und zwar in einer Geschwindigkeit und mit einer Entschlossenheit, die in Friedenszeiten nicht zu erreichen ist.

von Lisa Strippchen

veröffentlicht am 29.04.2022

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Vor dem Hintergrund des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine sucht die Bundesregierung unter Hochdruck nach alternativen Lieferanten für Öl und Gas. Für Öl kann wegen der vorhandenen Importhäfen und ergänzt durch Kapazitäten in Polen ein Großteil der russischen Importe bis Jahresende ersetzt werden, jüngsten Ankündigungen zufolge sogar noch schneller. Dennoch lassen sich unter anderem aufgrund begrenzter Transportkapazitäten zeitweise Engpässe nicht ausschließen.

Bei Gas gibt es keine Möglichkeit, russische Importe für die kommenden zwei Winter komplett zu substituieren, hier ist im Falle eines Lieferstopps mit besonders gravierenden Auswirkungen zu rechnen. Daher braucht es bei beiden Energieträgern eine Verbrauchsreduktion, um die Abhängigkeit weiter zu verringern. Obwohl bislang unklar ist, ob sich die EU aktiv für ein Energieembargo entscheiden wird, sollten die EU und Deutschland vorbereitet sein: Ein geringerer Verbrauch schafft Handlungsspielraum, mindert die Zahlungen, die diesen Krieg finanzieren und verringert das Potenzial für Erpressungsversuche von russischer Seite. Da damit zu rechnen ist, dass die Handelsbeziehungen zu Russland langfristig eingeschränkt bleiben werden, wird Erdgas nicht die vermeintlich günstigeBrückentechnologie“ sein, auf die sich die Energiepolitik eingestellt hatte.

Verhaltensänderungen wichtig für sofortige Wirkung

Somit müssen kurz-, mittel- und langfristige Einsparpotenziale in sämtlichen Sektoren identifiziert und gehoben werden. Eine genauere Analyse zeigt: Sofort wirksame Maßnahmen beruhen insbesondere auf Verhaltensänderungen. Deshalb bedarf es einer besseren Motivation durch eine Einsparkampagne mit eindringlichen Appellen auf höchster Ebene sowie umfangreichen Informationen über die Zusammenhänge zwischen individuellem Energieverbrauch und der Energiekrise, durch die auch wenig umweltbewusste Menschen angesprochen werden: Es geht beim Energiesparen nicht mehr „nur“ um die Bewältigung der Klimakrise, sondern auch um unmittelbare Sicherheitspolitik.

Zudem müssen entsprechende Voraussetzungen und Anreize zum Energiesparen geschaffen werden, verbunden mit (zumindest temporären) verbindlichen Vorgaben. Das Beispiel der Pandemie 2020 hat gezeigt, wie es geht: Durch gemeinsame Anstrengungen der gesamten Gesellschaft konnte die erste Welle erfolgreich bewältigt werden. Wenn die Gründe ausreichend vermittelt werden, sind viele Menschen zu temporären Einschränkungen im persönlichen Komfort bereit. Wichtig ist dafür allerdings auch, dass die öffentliche Hand und Verantwortungsträger mit gutem Beispiel vorangehen.

Im Gebäudesektor, wo etwa zwei Drittel der Wärmeversorgung von Erdgas und Erdöl erbracht werden, lassen sich durch die Optimierung von Lüften, Heizen und Kühlen sowie die allgemeine Reduktion der Raumtemperatur kurzfristig einige Prozent des Energiebedarfs einsparen. In öffentlichen Gebäuden und im Bereich Gewerbe, Handel und Dienstleistungen (GHD) sind Temperaturvorgaben sinnvoll.

Im Verkehrssektor, wo der Energieverbrauch noch immer zu 90 Prozent durch Mineralölprodukte gedeckt wird, liegt der größte kurzfristige Hebel für Einsparungen darin, Pkw-Fahrzeugkilometer und Flugmeilen zu reduzieren. Dies kann durch höhere Auslastung von Fahrten, den Umstieg auf ÖPNV oder andere klimafreundliche Verkehrsmittel und die Vermeidung verzichtbarer Fahrten und Flüge erreicht werden.

Einsparpotenzial in der Industrie begrenzt

Die kurzfristigen Einsparpotenziale im Industriesektor sind eher begrenzt. Die seit Herbst 2021 sehr hohen Preise machen schnell umsetzbare Energieeffizienzmaßnahmen ohnehin bereits attraktiv. Die Produktion zu drosseln, wie es bei manchen Produkten bereits geschieht, ist mit hohen volkswirtschaftlichen Kosten und weiteren Verwerfungen in Lieferketten verbunden. Um die Gasverstromung im Energiesektor zu reduzieren, kann es sinnvoll sein, zur Stilllegung vorgesehene konventionelle Kraftwerkskapazitäten eine begrenzte Zeit lang weiter zu betreiben.

Bisher sind die gestiegenen Preise der wichtigste Treiber für reduzierten Energieverbrauch. Statt Subventionen für fossile Brennstoffe und anderer verzerrender Markteingriffe bedarf es daher verbrauchsunabhängiger Maßnahmen für sozialen Ausgleich, verbunden mit der zeitnahen Weitergabe von Preissignalen an Endverbraucher (etwa durch frühzeitige Anpassung von Abschlagszahlungen).

Bislang fehlt es allerdings an ambitionierten Schritten. Es ist eine Gesamtstrategie notwendig, die erstens die Bevölkerung zum Energiesparen motiviert und zweitens eine Mobilisierung aller gesellschaftlichen Ressourcen erlaubt, um schnellstmöglich aus russischen Energieträgern auszusteigen. Denn je mehr Energie schon jetzt eingespart und gespeichert werden kann, desto länger kann die Industrie produzieren, bevor im Falle eines Lieferstopps die Abschaltreihenfolge greift und desto weniger gravierend werden auch die Rezession sowie die damit einhergehenden gesellschaftlichen Verwerfungen.

Mittelfristig sind Strukturveränderungen entscheidend

Was wären langfristig und strukturell entscheidende Maßnahmen? Um mittelfristig eine vollständige Unabhängigkeit von Russland zu erreichen, ohne gleichzeitig neue Abhängigkeiten oder einen Rebound des Kohleverbrauchs herbeizuführen, müssen und nachhaltig Öl und Gas eingespart werden, indem die für Klimaneutralität ohnehin notwendigen Schritte beschleunigt umgesetzt werden: In der Industrie bedeutet dies entschlossene Anstrengungen für Energie- und Ressourceneffizienz durch Optimierung von Prozessen und Materialflüssen, die Elektrifizierung von Prozesswärme sowie den schnelleren Einsatz von grünem Wasserstoff.

Für manche Vorprodukte, insbesondere Wasserstoffderivate, müssen klimaneutrale Produktionsstandorte im Ausland aufgebaut werden. In Gebäuden muss der Energieverbrauch in Vorbereitung auf die Heizsaison 2022/23 durch ein ambitioniertes Sofortprogramm gesenkt werden: So sollten schnell umsetzbare geringinvestive Maßnahmen (zum Beispiel hydraulische Abgleiche von Heizungsanlagen oder der Austausch einfach verglaster Fensterscheiben) forciert werden. Die Sanierungsrate mit Fokus auf „Worst First“ (also Gebäude, die heute noch in die schlechtesten Effizienzklassen G und H fallen) sollte gesteigert werden. Da, wo irgendwie möglich, müssen fossile Heizungen durch Wärmepumpen substituiert werden mithilfe ordnungsrechtlicher Vorgaben standardisierter Lösungen und einer Ausbildungsoffensive für das Handwerk.

Wo sinnvoll, sollten Gebäude an dekarbonisierte Nah- und Fernwärmenetze angeschlossen werden. Im Verkehr bedarf es einer umfassenden Mobilitätswende sowie der möglichst vollständigen Elektrifizierung des Straßenverkehrs. Voraussetzung für diese Transformation ist natürlich der maximal ambitionierte und international koordinierte Ausbau der erneuerbaren Energien und erforderlicher Infrastrukturen.

In dieser Situation ist eine Abkehr vom “Business as Usual” mit pragmatischen und kreativen Lösungen ohne Denkverbote erforderlich – in einer Geschwindigkeit, die in Friedenszeiten nicht möglich oder unpopulär wäre. Angesichts der Verwüstungen in der Ukraine ist es moralisch wie realpolitisch entscheidend, alles zu tun, was zu einem früheren Ende dieses Krieges beitragen kann. Der schnellstmögliche Ausstieg aus dem Bezug russischer Energie ist ein wichtiger Schritt dahin.

Lisa Strippchen arbeitet als Expertin für Politik und Strategie bei der Dena. Neben nationaler Energiepolitik beschäftigt sie sich aktuell mit Fragen der Versorgungssicherheit und Geopolitik.

Martin Albicker ist Seniorexperte der Dena arbeitet an Strategien zur Energieeffizienz und Dekarbonisierung der Industrie.

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