Standpunkt Japan als Vorbild für die Digitalisierung

Die Digitalisierung des Gesundheitssystems braucht ein kulturelles Umdenken, fordert Erwin Böttinger, Leiter des Digital Health Centers am Hasso-Plattner-Institut. Warum Japan als Blaupause dienen könnte, erklärt er in seinem Standpunkt.

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Seit einem Jahr ist das Freihandelsabkommen JEFTA zwischen Japan und der EU nun in Kraft und bietet Akteuren in beiden Wirtschaftsräumen vielfältige Kooperationsmöglichkeiten. Vor allem Deutschland und Japan können von der weiteren Annäherung enorm profitieren – auch im Hinblick auf die ähnliche demographische Entwicklung. Und speziell bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems kann Deutschland einiges vom Partner in Fernost lernen. Mit ähnlichen Herausforderungen einer überalterten Gesellschaft konfrontiert, ist es Japan durch ein fortschrittliches Gesundheitsmanagement und einen gesamtgesellschaftlichen Digitalisierungsansatz gelungen, die richtigen Antworten auf diese Entwicklung zu finden.

Datenschutz steht häufig über dem Patientenwohl

In Deutschland trifft die alternde Gesellschaft nicht nur auf ein ohnehin belastetes öffentliches Rentensystem und einen bedenklichen Fachkräftemangel in der Pflege, sondern auch auf eine zögerliche Einstellung zur Digitalisierung des Gesundheits- und Pflegesystems. Während andere Länder die demografische Herausforderung als Chance begreifen und sich durchaus offen für eine Digitalisierung des Gesundheitswesens zeigen, wurde die Entwicklung in Deutschland bislang häufig durch eine Idealisierung des Datenschutzes und eine generelle Skepsis gegenüber digitalen Innovationen gebremst. Dabei zeigen Umfragen unter anderem, dass große Teile der Bevölkerung bereit wären, ihre persönlichen Gesundheitsdaten anonym und unentgeltlich für die medizinische Forschung zur Verfügung zu stellen.

Mit dem im vergangenen November verabschiedeten Digitale-Versorgung-Gesetz, welches die Nutzung anonymisierter Behandlungsdaten vereinfachen soll und unter anderem den Aufbau eines nationalen Forschungsdatenzentrums vorsieht, ist ein Schritt in die richtige Richtung getan. Damit die genannten Bedenken die richtigen Ansätze des Gesetzes in der praktischen Umsetzung nicht ausbremsen, braucht es jedoch einen Kulturwandel in der Auseinandersetzung mit dem Thema Datenschutz. Anstelle einer abstrakten Debatte über hypothetische Risiken sollten wir den bestehenden Datenschutzregelungen Vertrauen schenken und vielmehr eine Nutzendebatte über die offensichtlichen Vorteile der Digitalisierung und Datennutzung, speziell im Gesundheitswesen, führen. Deren Potenziale können die Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung nachhaltig verbessern und somit Leben retten.

Japan als Vorreiter in Sachen Digitalisierung

Andere Länder haben dies längst erkannt. EU-Mitgliedsstaaten wie Finnland oder Estland zeigen, dass die Nutzung von klinischen Daten zu Forschungszwecken durchaus mit der europäischen Datenschutzgrundverordnung vereinbar ist. Wie ein solches System in einer größeren Volkswirtschaft aussieht, lässt sich unterdessen in Japan beobachten. Mit der Einführung eines Gesetzes zur vereinfachten Sammlung und Analyse von klinischen Daten im Mai 2018 wurden dort regulatorische Rahmenbedingungen geschaffen, um sich als Testfeld für die aufstrebende digitale Gesundheitswirtschaft zu positionieren. Durch diese Initiative kreiert Japan ein attraktives wirtschaftliches Umfeld und gleicht zudem seine Regulierungen effizient an die anderen Industrieländer an, sodass eine reibungslose Integration für ausländische Unternehmen möglich ist. Für Unternehmen aus Europa erleichtert die gegenseitige Anerkennung der Datenschutzregelungen im Rahmen des von der EU-Kommission erlassenen Angemessenheitsbeschlusses zudem den ungehinderten Austausch von Daten.

In Japan versteht man die Digitalisierung als gesamtgesellschaftliche Herausforderung und plant im Rahmen der „Society 5.0“ die Vernetzung aller Aspekte des Zusammenlebens. Auch im Gesundheitswesen sind disruptive Technologien wie Künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge auf dem Vormarsch. So ist es möglich, klinische Daten von Gesundheitsdienstleistern im ganzen Land zu erheben, diese zu erfassen und gegen eine Gebühr dem öffentlichen und privaten Sektor zur Verfügung zu stellen. Durch die gezielte Aufbereitung und Analyse dieser Datensätze wird nicht nur die medizinische Behandlung präziser und patientenorientierter, es wird auch eine Grundlage für klinische Studien geschaffen, um neue Behandlungsmethoden und Medikamente zu entwickeln.

Für die Chancen der Digitalisierung sensibilisieren

Auf dem Weg in das Zeitalter digitaler Gesundheitsversorgung können japanische Daten und Erfahrungswerte für Deutschland als Lernexempel und Vorbild dienen, bereits bestehende Datensätze aus Fernost für eigene Forschungsprojekte genutzt werden. Jedoch ist hierfür eine weitere Sensibilisierung für die Chancen der Digitalisierung unabdingbar, um deren Potenziale auch auf deutscher Seite vollends nutzen zu können. Die Alterung der Gesellschaft, die in Japan bereits sehr weit fortgeschritten ist, stellt die Gesundheitssysteme beider Länder vor große Aufgaben und erfordert ein kulturelles Umdenken und den Zugang zu neuen Technologien.

Erwin Böttinger ist Leiter des Digital Health Centers am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam und Professor für Digital Health-Personalisierte Medizin.

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