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Energie & Klima

Standpunkt

Atomkraft ist eine Fata Morgana

Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE)
Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE)

Während in Deutschland darüber diskutiert wird, die Atomkraftwerke länger am Netz zu lassen, hat die französische Stromerzeugung einen neuen Tiefpunkt erreicht. Das Beispiel zeige, dass die Atomkraft all ihre Versprechen nicht gehalten hat, argumentieren BEE-Chefin Simone Peter (Grüne), Klaus Mindrup (SPD) und der Forscher Eicke Weber (FDP). Die Autoren sind sich parteiübergreifend einig, dass die Ampel jetzt alle Kraft in den Ausbau der erneuerbaren Energien stecken müsse.

von Simone Peter

veröffentlicht am 15.08.2022

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Das Ausmaß der Ignoranz gegenüber Fakten in der derzeitigen energiepolitischen Debatte in Deutschland ist besorgniserregend und demokratiegefährdend. Während in Deutschland von Energiewende-Skeptikern und letzten Atomfreunden von der Rettung durch die Atomenergie geträumt wird, befindet sich die angeblich versorgungssichere Atomenergie in unserem Nachbarland Frankreich im Krisenmodus.

Schwerste Schäden in den hoch sicherheitsrelevanten Primärkreisläufen, wie sie derzeit flächendeckend in den Atomkraftwerken Frankreichs zu beobachten sind, sowie der Ausfall von Kraftwerken, die aufgrund von Niedrigwasser in den Flüssen in Folge der Klimakrise nicht mehr ausreichend gekühlt werden können, treiben die französische Preis- und Versorgungskrise.

Regelmäßig drohen„ Blackouts“ in Frankreich

Eklatant war die Situation am 4. April dieses Jahres, als in Frankreich 50 Prozent der Atomkraftwerke abgeschaltet waren und sehr niedrige Außentemperaturen herrschten. Dies trieb den Börsenstrompreis in Frankreich auf fast 3000 Euro je Megawattstunde, während in Deutschland die Preise, gedämpft durch die Einspeisung erneuerbarer Energien, bei zirka 100 Euro je Megawattstunde lagen. Das Stromnetz in Frankreich ist nur deswegen noch nicht zusammengebrochen, weil es von Nachbarländern wie Deutschland mit Exporten an der Grenze der Kapazitäten der Stromleitungen stabilisiert wurde und wird, und weil in Frankreich Erdöl- und Erdgaskraftwerke auf Hochtouren laufen.

Die französische Stromerzeugung aus Atomkraftwerken hat im Juli 2022 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Es wurden nur 18,7 Terawattstunden in den verbliebenen 18 Akw erzeugt. Regelmäßig drohen „Blackouts“ in Frankreich und aufgrund der Vernetzung im europäischen Stromnetzverbund in ganz Europa. Die Atomenergie hat alle ihre Versprechungen nicht gehalten. Sie ist nicht sicher, sie ist nicht planbar, sie ist nicht billig und sie ist aufgrund ihrer Inflexibilität nicht als Brücken- oder Zieltechnologie für die Energiewende geeignet. Das Lügenschloss bricht in sich zusammen. Niemand weiß, ob und wann die französische Atomflotte wieder zuverlässig Strom produziert. Von ungeklärter Endlagerung, mangelnder Haftpflichtversicherung bis hin zu nicht auszuschließenden Terror-Attacken ganz zu schweigen.

Atomkraftwerke versagen bei der Spitzenlast

In Deutschland ist angesichts der Versorgungs- und Kostenkrise fossiler Energieträger richtig und wichtig, dass die Bundesregierung auslotet, was es für die sichere Energieversorgung im Winter braucht. Hierzu gehört neben der Umsetzung einer umfassenden Strategie der Energieeinsparung dringend zu klären, was der bereits installierte oder in Genehmigungsverfahren steckende Erneuerbare-Anlagenpark durch begrenzte Aufhebung von Auflagen und durch schnelle Genehmigungen zusätzlich und kurzfristig bereitstellen kann.

Es geht auch – übergangsweise und ohne neue fossile Infrastrukturen zu manifestieren – um die Diversifizierung der Herkunftsländer beim Erdgas und um die zeitweise Reaktivierung der Kohlekraftwerke, vor allem der Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die neben Strom auch Wärme liefern, um Erdgas zu kompensieren.

Ein längerer Betrieb der Atomkraftwerke würde lediglich 0,6 beziehungsweise ein Prozent des Erdgases (beim Betrieb von 2 beziehungsweise 3 Atomkraftwerken) ersetzen. Dies liegt auch daran, dass Atomstrom zwar die Grundlast abdecken kann, in der Spitzenlast aber versagt. Schon rein technisch können die Akw nicht das ersetzen, was Gaskraftwerke leisten. Die Inflexibilität blockiert gleichzeitig erneuerbare Kapazitäten in den Netzen. Und: Die Hälfte der Brennmaterialien für Akw stammt aus Russland. Die Abhängigkeit von Russland im Bereich Gas durch eine verlängerte Abhängigkeit im Bereich Uran zu ersetzen, ist nicht akzeptabel.

Erneuerbare Energien als einzig sinnvolle Alternative

Zuletzt muss die Sicherheitsfrage geklärt werden: Notwendige Prüfungen sind in den vergangenen Jahren aufgrund des bevorstehenden Ausstiegs nicht durchgeführt worden. Diese müssten zunächst nachgeholt werden, um die Sicherheit der Bevölkerung zu garantieren. Bei der Atomkraft lässt sich der Schalter nicht einfach in Richtung Laufzeitverlängerung umlegen.

Wir sehen zudem, dass sich Krisen gegenseitig verstärken. Die Klimakrise verstärkt die Krise der Atomkraftwerke, weil diese nicht mehr zuverlässig gekühlt werden können. Die Atomkraftwerkskrise vertieft die Klimakrise, weil wieder mehr fossile Energieträger zum Einsatz kommen.

Es ist also an der Zeit, nachhaltige Lösungen zu stärken und die geschilderten Teufelskreisläufe zu durchbrechen. Wir brauchen eine umfassende Transformation unserer Energiesysteme – Strom, Transport, Wärme und Industrie. Durch die stark gesunkenen Kosten erneuerbarer Energien, allen voran bei Photovoltaik und Windenergie, sind diese ökologisch, sozial und wirtschaftlich die einzig sinnvolle Alternative. Nur die volle Ausschöpfung des Potenzials bei den erneuerbaren Energien schützt vor künftigen Versorgungs- und Kostenkrisen.

10.000 Megawatt Windkraft warten auf Genehmigung

Die Beschlüsse des Deutschen Bundestages zum Ausbau erneuerbarer Energien sind ein Meilenstein. Noch ist es aber nicht sicher, dass die richtigen Maßnahmen die Ziele auch erreichen lassen. Gerade heimisches Biogas kann deutlich mehr beisteuern. Und bei der Stromversorgung stecken viele Wind- und Solarprojekte im Verfahren, die kurzfristig errichtet werden können. So sind allein 10.000 Megawatt Windkraft aktuell beantragt und warten auf eine Genehmigung. Außerdem helfen Solarthermie- und Wärmepumpenbooster bei einer gleichzeitigen Fachkräfteoffensive. Das ist aus unserer Sicht vorrangig zu treiben.

Es gilt den Widerstand aus der alten fossil-nuklearen Lobby aufzubrechen. Es braucht eine breite Allianz für die konkrete Beschleunigung der Energiewende und eine konzentrierte Debatte über das zukünftige Stromsystem. Denn nur ein Stromsystem, das die erneuerbaren Energien ins Zentrum stellt und dabei mehr flexibel steuerbare Leistung anreizt, kann dauerhaft bezahlbare Energie liefern – sicher, importunabhängig und klimafreundlich. Dazu gehört auch, durch eine Produktionsinitiative auf europäischer Basis importunabhängiger zu werden. Es macht keinen Sinn, Importabhängigkeit vom russischen Gas durch Importabhängigkeit von chinesischen Anlagenkomponenten zu ersetzen!

Wir haben die Lösungen, die funktionieren. Jetzt müssen wir sie entschieden umsetzen und nicht länger irgendwelchen Fata Morganas hinterherlaufen.

Dr. Simone Peter ist seit März 2018 Präsidentin im Bundesverband Erneuerbare Energie. Sie war zwischen Oktober 2013 und Januar 2018 Ko-Vorsitzende der Grünen

Klaus Mindrup ist Mitglied der SPD und gehörte von 2013 bis 2021 dem Deutschen Bundestag an. Er ist heute unter anderem Vorsitzender des Energiedialog 2050 e.V. und Senior Associate des Thinktanks E3G in Washington DC

Prof. Dr. Eicke R. Weber ist Mitglied der FDP, Ko-Präsident des European Solar Manufacturing Council (ESMC) und Präsident der German Scholars Organization e.V. (GSO)

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