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Energie & Klima

Standpunkte Durch Verhaltensänderung Energie sparen – ohne soziale Schieflage

Sophia Becker, Forschungsgruppenleiterin, IASS
Sophia Becker, Forschungsgruppenleiterin, IASS Foto: IASS

Der Angriff auf die Ukraine macht schnelle Energieeinsparungen notwendig. Sophia Becker und Ortwin Renn vom IASS richten in ihrem Standpunkt den Blick auf den Energiekonsum. Mit den richtigen Anreizen lasse sich der Verbrauch senken, ohne dass dabei problematische soziale Belastungen entstünden. Dafür brauche es aber Maßnahmen wie zum Beispiel die Unterscheidung in eine Komfort- und eine Grundversorgung.

von Sophia Becker

veröffentlicht am 11.03.2022

aktualisiert am 22.12.2022

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Angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs von Russland gegen die Ukraine ist die deutsche Bundesregierung bemüht, unsere Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland so schnell wie möglich zu reduzieren. Dabei werden bisher vor allem technische Lösungen und eine Diversifikation der Importquellen diskutiert. Die Möglichkeit, dass Verbraucher*innen ihren Energiekonsum verändern, wird kaum in Betracht gezogen.

Dabei liegen hier aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht große Potenziale, die kurzfristig realisierbar sind und einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten können. Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell und tiefgreifend Menschen ihr alltägliches Verhalten ändern können. Deshalb sollte die Bereitschaft zur individuellen Verhaltensänderung beim Energiekonsum nicht unterschätzt werden. Wir, die Forscher beim IASS Potsdam, sehen dafür fünf Ansatzpunkte:

I. Politik und Verbraucher müssen jetzt umdenken und realisieren, dass Energie kein beliebig vermehrbares Konsumgut mehr ist. Bisher stand Energie für private Verbraucher*innen letztlich unbegrenzt zur Verfügung und war lediglich über den Preis eingeschränkt, jedenfalls für Personen mit niedrigem Einkommen. Das ändert sich nun kurz- und mittelfristig. Energierohstoffe sind jetzt eine knappe Ressource, mit der wir anders haushalten müssen als bisher. Denn auch bei weiter steigenden Energiepreisen ist die Nachfrage nicht zu decken, sollten Importe aus Russland eingeschränkt oder sogar ausgesetzt werden. Es wird darauf ankommen, kurzfristig Energie einzusparen, und zwar ohne eine soziale Schieflage zu riskieren.

II. Dabei spielt der Verteilungsmechanismus die entscheidende Rolle, wenn verhindert werden soll, dass Putins Kriegsführung auch zur Verschärfung sozialer Spannungen in Deutschland beiträgt und uns damit als gesamte Gesellschaft angreifbarer und erpressbarer macht. Deshalb muss zwischen Komfort- und Grundversorgungmit Energie unterschieden werden. Die Grundversorgung mit Wärme, Strom und fossilem Kraftstoff sollte für alle Haushalte in Deutschland, unabhängig von ihrem Einkommen, möglich bleiben, um den persönlichen und beruflichen Alltag aufrecht erhalten zu können.

Nur dann wird die Verteilung der neuen energiepolitischen Lasten als fair empfunden. Dies wäre zum Beispiel durch progressive Stromtarife möglich, die sich an der Haushaltsgröße orientieren. Als Rechenbeispiel ist denkbar, dass ein Zwei-Personen-Haushalt bei einem Jahresverbrauch bis maximal 1500 Kilowattstunden pro kWh zum Beispiel 33 Cent bezahlt, für jede darüber hinaus gehende kWh dann jedoch 66 Cent.

Autofreier Sonntag, Promis in sozialen Medien

III. Unabhängig vom Preis ist es bei der Versorgung mit Energie-Komfort, der auf der Nutzung fossiler Energien beruht, durchaus möglich und geboten, von der Bevölkerung einen persönlichen Beitrag zur Verringerung des Energiekonsums zu erwarten. Im städtischen Gebiet ist die Nutzung des Autos allzu oft eine Komfort-Entscheidung, obwohl schnelle und kostengünstigere Alternativen in Form von Fahrrad oder öffentlichem Nahverkehr vorhanden sind.

Das Auto ist mit Abstand das energetisch ineffizienteste Verkehrsmittel im Landverkehr, da mit durchschnittlich 1500 Kilogramm Material eine Person von circa 75 kg Eigengewicht bewegt wird. Hinzu kommt der schlechte Wirkungsgrad von ca. 40 Prozent bei Verbrennungsmotoren. Die damit verbundene Verschwendung von Rohstoffen können wir uns angesichts der neuen weltpolitischen Lage nicht mehr leisten – ganz abgesehen von den klimaschädlichen Folgewirkungen. Autofreie Sonntage wären eine kurzfristig umsetzbare Maßnahme, um die Menschen für den hohen Energieverbrauch zu sensibilisieren und gleichzeitig messbar Kraftstoff einzusparen.

IV. Im Stromkonsum geht es nicht nur um eine absolute Reduktion des Verbrauchs, sondern auch um eine Verschiebung des Verbrauchs auf Tageszeiten, wo besonders viel Wind- und Sonnenenergie zur Verfügung steht. Sei es, um zu dieser Zeit das Elektro-Auto zu laden oder die Waschmaschine vorprogrammiert starten zu lassen. Zeitliche Empfehlungen der regionalen Stromversorger könnten mit geringem technischem Aufwand in jede Wetter-Vorhersage-App und die Wetternachrichten im Fernsehen eingebaut werden.

So könnte die in Deutschland installierte Leistung von 131 Gigawatt erneuerbare Energie besser ausgelastet werden, was wiederum die Verbrennung von Gas und Kohle verringert. Der gesamte Bedarf liegt in Deutschland pro Tag meist unter 80 Gigawatt, wie dasAgorameter zeigt. Studien zeigen, dass schon eine einfache Signalampel, die „rot“ für teure Energie, „gelb“ für Normalpreis und „grün“ für Sparpreis signalisiert, zu freiwilligen Einsparungen von Strom führt. Mehr differenzierte digitale Steuerungen können noch mehr Effizienzgewinne erzielen, sie müssen nur eingebaut und programmiert werden.

V. Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis sind jetzt gefragt, präzise berechnete Szenarien zu erarbeiten, um die Handlungsspielräume durch individuelle Verhaltensänderungen genauer abschätzen zu können und weitere Umsetzungsstrategien zur Realisierung dieses Potenzials zu entwickeln. Sollte der Fall eintreten, dass Putin plötzlich „den Gashahn zudreht“, sollte die Politik auf dieses Szenario vorbereitet sein. Die Rationierung von fossiler Energie wird dann unausweichlich werden.

Dazu werden neben den hier skizzierten Ansatzpunkten auch kommunikative Strategien und Interventionen benötigt, mit denen man die Bürger*innen zu Ruhe und Besonnenheit aufrufen kann, um Panik und innere Destabilisierung zu verhindern. Staat, Wirtschaft und Umweltverbände sollten gemeinsame Orientierungen und Anleitungen veröffentlichen, wie man Lebensqualität mit geringem Energieverbrauch verbinden kann. Aussagen von prominenten Vorbildern in den sozialen Medien können ein Umdenken fördern.

Keine Tabus – und eine nationale Kraftanstrengung

Viele Menschen treibt die Frage um, wie sie ihre Solidarität mit der Ukraine ausdrücken können. So wichtig die Demonstrationen, Spenden und praktische Hilfsbereitschaft für Geflüchtete auch sind – es geht auch darum, die Macht des Aggressors zu schwächen. Dazu sind die Senkung und Verschiebung des individuellen Energiekonsums ein wirkungsvoller Beitrag.

Dies muss von der Politik klar kommuniziert und gesteuert werden. Klar ist: die Beschleunigung der Energiewende und die gleichzeitige absolute Senkung des Energieverbrauchs bedeuten eine nationale Kraftanstrengung. Wie der Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Robert Habeck, vor Kurzem betonte, darf es dabei keine Denk-Tabus geben. Also sollten nicht nur technologische, sondern auch verhaltenssteuernde Maßnahmen so schnell wie möglich umgesetzt werden.

Prof. Dr. Sophia Becker ist Forschungsgruppenleiterin für Methoden der transformativen Politikberatung am Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS).

Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn ist am IASS wissenschaftlicherDirektor und Inhaber des Lehrstuhls „Technik- und Umweltsoziologie" an der Universität Stuttgart.

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