Standpunkt Weg mit den Scheuklappen

Die internationale Geschäftsführerin von Greenpeace, Jennifer Morgan, fordert in ihrem Standpunkt, die Klimakrise als globale Entwicklung ernst zu nehmen. Ausgerechnet arme Länder mit geringen Emissionen litten schon jetzt besonders stark unter den Auswirkungen. Auch die Bundesregierung stehe in der Pflicht, mutige Entscheidungen zu treffen, die über die Legislaturperiode hinausreichten.

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In Berlin regiert ein Klima der Mutlosigkeit. Das von Bundeskanzlerin Angela Merkel vielfach im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise ausgesprochene „Wir schaffen das“, droht im Hinblick auf die globalen Herausforderungen der Gegenwart als leere Worthülse zu verhallen, wenn die Bundesregierung weiterhin keine ausreichenden Maßnahmen gegen die Klimakrise ergreift, wie es die schwachen Klimabeschlüsse gerade wieder gezeigt haben. Die Vertreter führender Volksparteien machen ihrem Namen keine Ehre, wenn sie noch immer Angst davor zeigen, in der Klimapolitik mutige Entscheidungen zu treffen, die über die nächste Legislaturperiode hinaus Bestand haben sollen. Es ist die Angst vor unpopulären Entscheidungen und der eigenen Courage, die Politiker zu Reagierenden statt zu Agierenden in der Klimakrise macht.

Dabei zeigt das aktuelle Ausmaß der Klimakrise ganz klar: Der Klimawandel ist nicht nur eine ökologische, sondern vor allem auch eine humanitäre Katastrophe. Wer die Scheuklappen der eigenen kulturellen Prägung sowie des rein nationalen Sicherheitsdenkens überwinden kann und die Klimakrise als globale Krise der Gegenwart ernstnimmt, sieht ganz deutlich, zu welchen gravierenden Folgen die bisherige nationale wie globale Verschleppung einer zielführenden Klimapolitik bereits geführt hat. Die Faktenlage ist eindeutig: Die jüngsten Berichte des Weltklimarats IPCC warnen eindringlich vor unumkehrbaren, dramatischen Folgen für Mensch und Natur, wenn es uns nicht gelingt, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Doch was die Länder bisher an Klimaprogrammen geplant haben, würde zu einer Erwärmung von drei bis vier Grad allein in diesem Jahrhundert führen.

Mosambik, Kiribati und Bangladesch emittieren wenig, aber leiden

Es entbehrt jeder Gerechtigkeit, dass ausgerechnet Menschen aus Ländern wie Mosambik, Kiribati oder Bangladesch am meisten unter den Folgen der globalen Erhitzung leiden, obwohl sie selbst im internationalen Vergleich mit die geringsten Treibhausgasemissionen erzeugen. Im Jahr 2018 mussten insgesamt 28 Millionen Menschen nach Angaben des Internal Displacement Monitoring Center (IDMC) aus ihrer Heimat fliehen. 16,1 Millionen Menschen mussten ihr Zuhause aufgrund von klimabedingten Wetterveränderungen verlassen.

Dies entspricht in etwa fünfmal der Bevölkerung von Berlin oder zweimal der Bevölkerung New Yorks. Ob man in Berlin, New York oder Mosambik sein Zuhause nach einer Umweltkatastrophe verlassen muss, macht leider immer noch einen Unterschied. Der psychologische Prozess und die Angst vor der Zukunft, wenn man sein Zuhause verliert, mögen vergleichbar sein, doch es fehlen in ärmeren Ländern Vorkehrungen, um die Bevölkerung vor den ökologischen wie humanitären Folgen der Klimakrise zu schützen.

Experten aus dem humanitären Sektor sowie aus Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen weisen seit Jahrzehnten auf die verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt hin, die unsere Fixierung auf fossile Brennstoffe erzeugt. Sie fordern den Umstieg auf erneuerbare Energien, die nicht nur klimafreundlicher und billiger sind, sondern auch Konflikte um Brennstoffe beenden und Menschen in aller Welt die lokale Erzeugung ihrer eigenen Energie ermöglichen. Doch als Überbringer einer unbequemen Wahrheit leben sie zunehmend gefährlich. Ich habe Hochachtung vor jeder und jedem, die oder der eine klare Haltung einnimmt und auch unter schwierigen Bedingungen aus Überzeugung für die Rechte von Menschen und Natur einsteht.

Die Beteiligung Einzelner ist wichtig

Um die Klimakrise als globale Krise bewältigen zu können, brauchen wir mehr solcher mutigen Stimmen – in der Politik, in Nichtregierungsorganisationen und in der breiten Gesellschaft. Die sieben Millionen Menschen, die am 20. September weltweit bei über 2.500 Veranstaltungen in 163 Ländern für das Klima auf die Straße gegangen sind, haben längst erkannt: Die Auswirkungen der Klimakrise als größte je dagewesene ökologische und humanitäre Katastrophe lassen sich weder mittel- noch langfristig durch Ignoranz und Abschottung lösen, sondern nur durch weltweite Bündnisse und die Aktivitäten vieler Menschen.

Als gebürtige Amerikanerin und Wahlberlinerin hat es mir Mut gemacht, als eine dieser sieben Millionen Menschen weltweit in New York für das Klima auf die Straße zu gehen. Es hat mir gezeigt: Jeder einzelne von uns kann für den Schutz des Klimas und den Schutz der am stärksten Benachteiligten und Betroffenen einstehen. Der Klimakrise und der Umweltzerstörung entschieden entgegenzutreten, ist nicht nur ein Akt der Solidarität, sondern unsere gemeinsame Verantwortung.

Jennifer Morgans Gastbeitrag wurde verfasst anlässlich des Humanitären Kongresses „A Perfect Storm – Humanitarian Impacts of Climate Change“ vom 17. bis 18.Oktober 2019 in Berlin.

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