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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Das Ankommen und Bleiben gestalten

Helmut Kneppe, Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe
Helmut Kneppe, Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe Foto: KDA/Rother

Das Anwerben von Pflegekräften aus dem Ausland muss geordnet werden, es müssen internationale Abkommen gelten und Standards beachtet werden. Um eine ethische, faire und transparente Anwerbung kenntlich zu machen, wurde das Gütesiegel „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“ entwickelt. Helmut Kneppe, Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, stellt es vor.

von Helmut Kneppe

veröffentlicht am 03.02.2022

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Es ist bekannt, dass wir in einigen Branchen schon jetzt nicht mehr über genügend Fachkräfte verfügen. Das liegt im Bereich der Pflege nicht nur daran, dass in Deutschland und Europa schlicht immer weniger junge Menschen leben, die man ausbilden könnte. Im Bereich der Pflege führen Unzufriedenheit und hohe Arbeitsbelastung dazu, dass Fachkräfte den Beruf wechseln. Tatsächlich brauchen wir aber infolge des Alterns der Gesellschaft mehr Fachkräfte. Laut Barmer Pflegereport werden 2030 rund sechs Millionen Menschen (heute ca. 4,1 Millionen) in Deutschland pflegebedürftig sein und 180.000 Pflegekräfte fehlen.

In den unterschiedlichsten Branchen werden Fachkräfte aus dem Ausland angeworben. Auch im Bereich der Pflege. Dies ist nicht unumstritten. Denn, anders als in anderen Bereichen, fehlt in der Pflege nicht nur der Nachwuchs, es gibt ganz erhebliche strukturelle Probleme, die dringend hier, bei uns, gelöst werden müssen.

Die Frage, wie wir das Altern der Gesellschaften und damit auch die Pflege zukunftsfest gestalten, ist neben der Transformation des Wirtschaftens hin zu Sozial- und Klimaverträglichkeit eine Grundherausforderung, der wir uns stellen müssen. Die Anwerbung von Fachkräften aus Drittstaaten löst die grundsätzlichen Gestaltungsfragen hier nicht – und soll vielmehr als eine Stellschraube gesehen werden, um akute Engpässe zu lindern.

Eine weitere, berechtigte Sorge ist die, dass mit der Anwerbung eine Pflegelücke in anderen Staaten entstehen könnte. Das Anwerben muss daher geordnet werden, es müssen internationale Abkommen gelten und Standards beachtet werden. Um eine ethische, faire und transparente Anwerbung kenntlich zu machen, wurde das Gütesiegel „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“ entwickelt, das gerade den ersten geprüften Vermittlungsagenturen verliehen wurde.

Ethisch vertretbare und faire Anwerbung

Mit der Entwicklung der Kriterien für eine ethisch vertretbare und faire, privatwirtschaftliche Anwerbung war das Deutsche Kompetenzzentrum für internationale Pflegekräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen (DKF) beim Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) beauftragt. Die Entwicklung des Gütesiegels orientierte sich maßgeblich an den geltenden nationalen und internationalen Standards und Normen. Zu diesen Standards zählen unter anderem die Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen, die Arbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), der globale Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die internationale Anwerbung von Gesundheitsfachkräften und der International Recruitment Integrity System (IRIS)-Standard der Internationalen Organisation für Migration (IOM).

Es gilt, dass Gesundheitskräfte nicht in Staaten angeworben werden, in denen ein Mangel besteht. Im Bereich der Pflege bilden etwa die Philippinen über den eigenen Bedarf hinaus aus – und zwar auch akademisch. Die pflegewissenschaftliche Ausbildung ist dort erheblich breiter aufgestellt als bei uns.

Wer nun als Arbeitgeber auf der Suche nach einer Agentur ist, die sich zu international geltenden Normen und einer ethisch vertretbaren Anwerbung von Pflegekräften bekennt, findet eine Orientierung durch das Gütesiegel „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“, das als RAL-Gütezeichen verliehen wird.

Vertrauen ist ein wichtiger Bonus Deutschlands

Deutschland ist gerade im Bereich der Pflege nicht der einzige Anwerbestaat. Im Gegenteil: Die Konkurrenz ist groß – und sie wird größer. Nach Europa, Kanada und zum Beispiel arabischen Staaten wirbt nun zum Beispiel auch China, das mit den Folgen der Ein-Kind-Politik umgehen muss, um die Gunst der sehr gut ausgebildeten Pflegekräfte. Deutschland kann hier deutlich mit dem hohen Vertrauen punkten, das in die Einhaltung der Freiheitsrechte, in die Sicherheit, die Gleichberechtigung, das Sozialsystem und die Rechtsstaatlichkeit gesetzt wird. Das Gütesiegel stärkt das Vertrauen in den Anwerbeprozess.

Inhaber des Gütesiegels ist das Bundesgesundheitsministerium (BMG), Herausgeber ist qua Gesetz das Kuratorium Deutsche Altershilfe e.V. (KDA). Die Durchführung des Verfahrens zur Erteilung des Gütesiegels „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“ übernimmt die eigens dafür gegründete Gütegemeinschaft „Anwerbung und Vermittlung von Pflegekräften aus dem Ausland e.V.“. Darüber hinaus ist die Gütegemeinschaft mit der Umsetzung des Prüfverfahrens, der Schulung und Beauftragung von unabhängigen Prüfern sowie mit der Aktualisierung der Prüfkriterien betraut.

Nachhaltigkeit durch ein betriebliches Integrationsmanagement

Ein zentrales Leitprinzip des Gütesiegels „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“ ist es, den Anwerbe- und Vermittlungsprozess nachhaltig zu gestalten. Eine mangelnde Strukturierung und eine passive Haltung durch Arbeitgebende im Anwerbeprozess können die Bindung der neuen Mitarbeitenden gefährden. Das Ankommen und das Bleiben werden durch eine Willkommenskultur und ein effektives Integrationsmanagement positiv gestaltet. Eine Orientierung bietet hierbei der „Werkzeugkoffer Willkommenskultur & Integration“.

Dass das große Ganze, die Herausforderung, das Alter(n) so zu gestalten, dass Selbstbestimmung und Teilhabe in jeder Lebensphase ermöglicht werden, in den Fokus rückt, dafür setzt sich das KDA nachdrücklich ein. Im Bereich der Pflege sollten wir Mut zu einem Neudenken haben – wir fordern unter anderem einen Runden Tisch. Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und sollte als solche demokratisiert – im Sinne von Mitbestimmung- und -verpflichtung – sowie strukturiert und finanziert werden.

Wie die Herausforderung des guten Alterns gemeistert werden kann, daran arbeitet das KDA seit 60 Jahren in vielen wissenschaftlichen Disziplinen. Dabei betrachten wir das Altern ausdrücklich als Chance - und die Aufgabe der Gestaltung als eine gemeinsame, als eine der gesamten Gesellschaft.

Helmut Kneppe ist Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe Wilhelmine-Lübke-Stiftung e. V.

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