Standpunkt Technologieoffenheit: Strategie, Magie, Dogma

„Technologieoffenheit“ ist zum geflügelten Wort geworden. Carsten Pfeiffer, Leiter Strategie und Politik des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (BNE), geht dem Begriff auf den Grund. Er zeigt dessen Grenzen auf und analysiert, wie der Begriff von Interessengruppen im Energie- und Mobilitätssektor eingesetzt wird.

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Technologieoffenheit – ein Begriff, wie er positiver kaum geframt sein könnte. Wer könnte gegen Technologieentwicklung oder Offenheit sein? Und es ist ja richtig: Mit Technologieoffenheit als strategischem Ansatz können kluge Strategien entstehen, die aus der Vielfalt der Ideen und Köpfe schöpfen. Doch es lässt sich beobachten, wie der Begriff zum Dogma geworden ist. Als Glaubenssatz unterminiert er Strategien, die auf Priorisierung setzen. Das Dogma wiederum lässt sich geschickt gebrauchen und dient inzwischen als Lobby-Zauberspruch, ein modernes Simsalabim, um seitens der Politik die Türen geöffnet zu bekommen. Die Interessen sind natürlich legitim aber dann meist ebenso partikular wie technologie- oder energieträgerspezifisch. 

Technologieoffenheit ist in gewissen Kontexten und Phasen ein starker strategischer Ansatz. Das sind Phasen, in denen noch unklar ist, welche Technologien sich durchsetzen werden oder auch relevante volkswirtschaftliche Vorteile haben. Es wäre dann unklug, sich zu früh festzulegen. Wichtige Voraussetzung für diese Strategie sind ausreichend Ressourcen sowohl an Kapital als auch an klugen Köpfen. 

Technologieoffenheit als Dogma von Lobbyisten

Technologieoffenheit ist in den vergangenen Jahren aber erkennbar zum Dogma geworden und wird wie eine Monstranz von etlichen Lobbyisten vor der Politik hergetragen. Demnach gelte das Primat der Technologieoffenheit grundsätzlich und phasenübergreifend. Nachrangig sind dann technologiespezifische ökonomische Vor- und Nachteile, grundsätzliche Effizienzprinzipien oder reale Durchsetzungschancen einer Technologie. 

Derartig eingeengt, verhindert das Dogma dann die ab einem bestimmten Zeitpunkt erforderliche Priorisierung und wird zum Synonym für Strategieunfähigkeit, die die erforderliche Priorisierungsentscheidung erschwert, verzögert oder sogar verhindert.

Wenn auf der Hand liegt, welche Technologien bedeutende Vorteile haben und offensichtlich ist, dass Wettbewerber – seien es Unternehmen oder Staaten – dies erkannt haben, dann wird es Zeit zu priorisieren. Wird die Priorisierungsentscheidung zu lange aufgeschoben, führt dies dazu, dass wertvolle Ressourcen – und oft noch wichtiger – wertvolle Zeit verloren gehen. 

Automobilindustrie bewegt sich

Man kann dies sehr gut an dem Beispiel Automobilwirtschaft erkennen. Tesla sowie die chinesische Regierung haben bereits vor Jahren erkannt, dass das Elektroauto die Zukunft des Automobils sein wird. In deutschen Konzernzentralen wurden wertvolle Jahre vergeudet. Man hat sich lange über Tesla lustig gemacht und sogar Aktienpakete verkauft. Heute ist unklar, ob Technologieoffenheit nur die Ausrede für die eigene Strategieunfähigkeit war oder ob man in einigen Konzernzentralen wirklich daran geglaubt hat.

Als Erster hat dann Volkswagen den Schalter umgelegt und auf die Strategie Elektromobilität gesetzt, übrigens ganz zum Entsetzen der Technologieoffenheitsgläubigen. Auch bei Daimler scheint der Groschen zu fallen, zumindest hat man für den Pkw Abschied von der Brennstoffzelle genommen. Was die Automobilindustrie selbst von Technologieoffenheit hält, kann man daran sehen, dass sie laut VDA derzeit 40 Milliarden Euro in Elektromobilität investiert. Dem stehen keine relevanten Zahlen für andere Technologien gegenüber. Und die seit Jahrzehnten versprochenen Brennstoffzellenserienautos wurden seitens der deutschen Automobilindustrie nie auf den Markt gebracht. Auch im Ausland gibt es nur wenige Anbieter mit überschaubaren Flotten.

Technologieoffenheit als Bindemittel 

Technologieoffenheit ist aber auf jeden Fall eine bewährte Kommunikationsstrategie der Vertreter des „Weiter so“. Unternehmen und Verbände, die auf ein „Weiter so“ setzen, verwenden den Begriff als Bindemittel beim Betonrühren. Sie lehnen inzwischen Klimaschutz und Energiewende nicht mehr offen ab. Der Slogan lautet dann „Klimaschutz ja, aber technologieoffen“.

Gemeint ist dann oft Klimaschutz unter Beibehaltung von Öl und Gas, verbunden mit dem Versprechen, diese irgendwann einmal technologieoffen CO2-frei zu gestalten, was ja noch lange nicht „erneuerbar“ heißt, siehe technologieoffen beziehungsweise energieträgeroffen. Mit dem Begriffs-Simsalabim lassen sich politische Türen öffnen, die sonst verschlossen blieben.

Wie gut das mitunter funktioniert, zeigt zum Beispiel die im Klimaschutzpaket des vergangenen Jahres betonte technologieoffene Förderung im Wärmebereich. Dies ist nichts anderes als ein Code für die sehr technologiespezifische Förderung von sehr konventionellen Öl- und Gasheizungen, was in dem Papier aber hinter dem Begriff der „Technologieoffenheit“ verschleiert wird.

Wäre hier tatsächlich Technologieoffenheit gewünscht, müssten die Vertreter der Erdöl- und Erdgaswirtschaft einfordern, dass wie beim Strom auch bis 2030 65 Prozent des Heizgases oder der Heizflüssigkeit erneuerbar oder wenigstens CO2-neutral sind. Und die Politik müsste das in die Förderbedingungen schreiben, was aber offenbar vergessen wurde. Dass die Autoren des Papiers den Terminus zwecks Tarnung übernommen haben, zeigt, dass hier das Begriffsspiel verstanden und übernommen wurde. Mit Erfolg übrigens – nicht einmal Fridays for Future haben dagegen demonstriert.

Paradebeispiel Wasserstoffstrategie

Ein besonders aktuelles Beispiel beinhaltet die Nationale Wasserstoffstrategie. Hier wurden die lauten Rufe nach Technologieoffenheit erhört. Und es werden ganz technologiespezifisch der Wasserstoff und damit auch die E-Fuels von der EEG-Umlage befreit. Elektroautobesitzer müssen hingegen weiterhin EEG-Umlage für den Strom aus der Ladesäule zahlen. Chapeau! Die Technologieoffenheit hat ihre ganze Magie entfaltet. 

Die Technologieoffenheit im eigentlichen Sinne wird im Verkehrssektor spätestens dann auf der Probe stehen, wenn größere Infrastrukturentscheidungen staatlicherseits getroffen werden müssen. 

Fazit: Technologieoffenheit ist als Strategie in bestimmten Phasen sehr sinnvoll. Wenn sie zum Dogma wird, dann schlägt dies in Strategieunfähigkeit um und wird von Akteuren genutzt, die sehr technologiespezifische Interessen haben.

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